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Die Welt · 1906-01-26 · 4 (26.1.1906) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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liehen Täuflinge und Renegaten tun, taten es auch die abfallenden Sozialdemokraten: Sie antisemitelten drauf los, wie und wo sie nur konnten — eine Eigenschaft, die sich besonders das von Juden redigierte Zentralorgan bis auf den heutigen,Tag bewahrt hat. Mit Rücksicht aüf die vorwiegend antisemitische und national-heissblütige österreichische Gesellschaft mussten sie aber noch mehr tun. Die bürgerlichen jüdischen Assirnilanten gingen in die sogenannten liberalen Parteien und machten dort in fremdem Nationalismus, wodurch sie aber gerade auffielen. Die jüdischen Sozialdemokraten hatten das mit ihren schärferen Augen erfasst, und so bemühten sie sich — eine andere Spielart der Assimilation — der österreichischen Organisation einen ganz anationalen Charakter zu geben, in der Voraussetzung, dass man dort, wo man keine Deutschem, Tschechen usw. unterschied, auch die Juden nicht abscheiden würde. Aber es kam anders. Der Versuch einer ana-- tionalen Konstruktion der österreichischen Sozialdemokratie miss lang. Der nationale Wellenschlag steigerte sich in seiner Fülle und Wucht bis zu einem Grade, dass auch die sozialdemokratische Partei, wollte sie nicht durch den fiader in der eigenen Mitte zerbrochen werden, auf die nationaler Gruppierungen Rücksicht nehmen musste. Die jüdischen Führer haben lange versucht, dem Sturm, der aus der Masse kam, Widerstand zu leisten. Endlich, als sie erkannten, dass ein längerer Widerstand sie erst recht bei der in nationaler tiinsicht empfindlichen Masse verdächtig machen musste, willigten sie schweren Herzens in das Prinzip der nationalen Gliederung, cwie sie in Brünn beschlossen wurde. Da war der historische Moment gekommen, wo sie hätten gut machen können, was sie in den vorhergehenden Jahren gesündigt hattenj: Es wäre damals möglich gewesen, dass sie sich als jüdische Sozialdemokraten bekannt?hätten, zumal der Zionismus dem jüdischen Nationalismus vorgearbeitet hatte, zumal auch in Galizien ein grosses jüdisch sprechendes Proletariat das Menschenmaterial für eine jüdische Organisation geliefert hätte. Sie taten aber nicht so: Vielmehr traten sie — genau nach dem Muster der bürgerlichen Assimilation als deutsche, polnische Sozialdemokraten in die nationalen Gruppen ein. Und um sich zu decken, erklärten-?sie die nationale Gliederung als eine taktische, nicht als eine^innere Notwendigkeit. Damit behelfen sie sich zumeist noch bisrauf den heutigen Tag, obwohl die nichtjüdischen Sozialdemokraten, die Arbeiter, die nationale Gliederung sehr wohl als das fühlen und ausnützen, was sie Jhnen :;ist: Als eine natürliche, organische Einrichtung. Auf die Dauer aber liess sich natürlich diese sozialdemokratische Assimilation ebensowenig halten wie die bürgerliche. In Galizien standen aus der eigenen Mitte jüdische Genossen auf, die, nachdem sie früher die nationalen Argumentierungen der Zionisten verlacht und negiert hatten, jetzt, den primitiven Bedürfnissen des jüdischen Lebens gehorchend, umkehrten und eine nationaljüdische sozialdemokratische Gruppe forderten« Die Wiener jüdischen Führer spielten ihnen noch ärger mit, als sie einst den Zionisten mitgespielt hatten. Man entledigte sich ihrer, indem man sie und die Forderung einer jüdischen Organisation lächerlich machte. Schon glaubten sich die Wiener Führer durch ein feierliches offizielles Verfehmungsdekret abermals von der drohenden Deklarierung ihres Judentums befreit, als mit einem Mal von zionistischer Seite mit einem grossen Aufgebot an Energie, vor der ganzen österreichischen Oeffentlichkeit, zum Teil begleitet von den Sympathieen anderer Nationen, das Postulat der jüdischen national-kulturellen Autonomie und Wahlkurie aufgestellt wurde. Es liegt nun, wie man sieht, in der Linie des sozialdemokratischen Assimilantentums, wenn es mit allen Mitteln die Sache im Keime ersticken will, wenn es sich verzweifelt müht, schon die peinliche Diskussion zu verhindern über eine Frage, die, wenn sie positiv erledigt wird, ihre langjährigen mühsam errichteten Konstruktionen mit einem Schlage vernichten muss. Umso grösser ist ihre Aengstlichkeit, als ja noch aus dem galizischen Winkel der Parallelangriff ihrer ehemaligen jüdischen Parteigenossen droht. Wir verstehen nun, warum die „österreichische" Sozialdemokratie gegen die jüdische Autonomie ist. Warum aber ist der „Bund" für die Autonomie? Der „Bund" begann seine Tätigkeit ähnlich wie die österreichische jüdische Sozialdemokratie. Er wollte zunächst nur das „russische" Proletariat organisieren und befreien. Aber im Ansiedlungsrayon musste man — wohl oder übel — mit der jüdischen Spezies des russischen Proletariats arbeiten. Es war also von Anfang an eine jüdische Organisation. Aber der „Bund'* sträubte sich mit Händen und Füssen dagegen, eine nationaljüdische Gruppe zu sein. Die Zionisten, die die nationale Propagande in grossem Stile trieben, nannte man Chauvinisten, Bourgeois usw. Es war ein oft gebrauchtes bundistisches Schlagwort jener Zeiten - Es gibt nur zwei Nationen: Arme und Reiche. Aber die jüdische Masse verstand das nicht, die Zionisten gewannen immer mehr an Boden, das jüdische Wirtschaftsleben mit seinen Besonderheiten erforderte immer mehr spezifisch-jüdische Massnahmen. Dazu kam, dass von Westeuropa, an das diese theoretisch wenig geschulten Köpfe wie an ein Evangelium glaubten, die Parole kam, dass die nationalen Gruppierungen innerhalb der Sozialdemokratie keinen Rückschritt, sondern einen Fortschritt bedeuteten. Es wurde den „Bundistcn" nicht leicht, ein Prinzip aufzustellen, das sie früher gegen die Zionisten in Wrort und Schrift zahllosernale lächerlich gemacht hatten, aber sie mussten es tun um ihrer Selbsterhaltung willen. An diesem Wendepunkte also unterschieden sich die „Bundisten" wesentlich von den österreichischen jüdischen Sozialdemokraten. Sie gingen, als die nationale Bewegung anschwoll, zu den Juden, nicht zu den andern. Aber, vielfach mit ähnlicher Psychologie ausgestattet wie ihre österreichischen Genossen, wollten sie das bemänteln: Auch hier hörte man das Wort von „taktischen Gründend „sprachlichen, administrativen Rücksichten11 usw. Den wirklich nationalen Juden, den Zionisten, setzten sie damit eine blutleere Formel entgegen, die wollten auch in Russland von den Juden und für die Juden mehr. Und noch stärker war der Zwang von aussen, als sich an ihnen ihre frühere Sünde, die Verneinung der jüdischen Nationalität, dadurch zu rächen begann, dass ihnen die Polen das Recht auf eine selbständige jüdische Gruppierung absprachen. Im Kampf gegen die Polen waren die Bundisten gezwungen, die Elemente ihrer Existenzberechtigung als jüdische Gruppe zu unterstreichen. Und so legten sie sich — zumal sie gegen den Territorial-Gedanken des Zionismus lebhaft Front machten — nunmehr noch einen Programmpunkt zurecht: Die Notwendigkeit der Erhaltung der national-jüdischen kulturellen Institutionen. Sehr, sehr schweren Herzens taten sie es — denn es war lange Zeit bei ihnen üblich gewesen, den Zionisten, die von eben dieser Notwendigkeit sprachen, mit den abgeschmacktesten Witzen aufzuwarten. Die ganze Konstellation des russisch-jüdischen Lebens aber trieb sie noch weiter vorwärts. Nachdem sie, wieder auf Grund ihrer eigenen früheren Fehler und der Machinationen des jüdisch-assimilatorischen Teiles der russischen sozialdemokratischen Organisation, als föderative Gruppe nicht anerkannt worden waren, mussten sie aus der Gesamtorganisation austreten, und nun als isolierte jüdische Gruppe immer mehr das hervorheben, was sie zur Einzelstellung berechtigt. Die Pogrome, die furchtbare Ausnahmestellung der russischen Juden führten endlich zu jenen Resolutionen, die wir oben wiedergegeben haben. Es ist die letzte Etappe. Die Resolutionen bedeuten wieder ein ungeheures Zugeständnis an den nationalen Gedankengang der Zionisten. Die „Bundislen" sind gezwungen worden, sich selbst im feindlichen Bezirk einzurichten. Kaum von einer anderen Partei gilt wie von den „Bundisten" das Wort: „Sie glaubten zu schieben und wurden geschoben."

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