Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 4 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No.4 DIE WELT DER „BUND" PRO— DIE „GENOSSEN" CONTRA D er „Bund", oder wie sein ausführlicher Titel heisst, der „Allgemeinejüdische Arbeiterbund in Russland, Polen und Littanen" hat kürzlich seine 6. tiauptkonferenz abgehalten und bei diesem Anlasse eine Resolution gefasst, die wir im folgenden der Hauptsache nach wiedergeben: „In Anbetracht, dass die nationale Unterdrückung in all ihren Formen das Klassenbewusstsein des Proletariats verdunkelt, . . . ist es die Pflicht der Sozialdemokraten, gegen jede nationale Unterdrückung, sei sie eine direkte, sei sie eine indirekte, zu kämpfen; nur der Sozialismus wird die Befreiung von jeder nationalen Unterdrückung bringen. Indessen müssen die Sozialdemokraten schon jetzt innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung sich bestreben, das Maximum an Sicherheiten gegen nationale Konflikte zu erreichen. Diese Sicherheiten.....sind nur gelegen in der Schaffung solcher öffentlich-rechtlicher Institutionen, die jeder Nation eine freie kulturelle Entwicklung ermöglichen. Und da eine territoriale Abgrenzung in Russland nicht möglich ist, so müssen die genannten öffentlich-rechtlichen Institutionen sich ausdrücken in der Form , einer national-kulturellen Autonomie. Demgemäss formuliert der Bund in der jüdischen Nationalfrage sein Programm in folgenden Punkten: 1) Volle bürgerliche und politische Gleichberechtigung. 2) Eine durch das Gesetz garantierte Möglichkeit für die Juden, die eigene Sprache im Orts-, Territorial- und Staatsverkehr zu gebrauchen. 3) National-kulturelle Autonomie. Auschliessung der national-kulturellen Fragen (Volksbildung u. A.) aus der Kompetenz des Staates und der örtlichen Verwaltungskörper und Uebertragung der darauf bezüglichen Funktionen an die Nation selbst in der Form besonderer Institutionen. An der Einrichtung dieser Institutionen nimmt die Nation Anteil auf Grund des allgemeinen, gleichen und direkten Wohlrechts. Diesen Resolutionen wollen wir die Forderungen der öster - reichischen Zionisten im gegenwärtigen Wahlkampf an die Seite setzen. Sie lauten nach den letzten Formulierungen*) ungefähr wie folgt: In Anbetracht, dnss die Fragen der N a t i o n a Ii tat und der nationalen Kultur aus dem Politischen ausgeschaltet werden müssen auf dem Wege freier nationaler Autonomieen, die den einzelnen Völkern selbständig zur tntscheidung überlassen werden, in Anbetracht ferner, dass eine territoriale Abgrenzung, wie sie geplant ist, den nationalen Streit nicht aus der Welt schaffen wird, muss gefordert werden: 1. Die Schaffung der nationalen Autonomie unter Anerkennung der jüdischen Nationalität. 2. Die Schaffung von jüdischen Wahlkurien iiii Falle der Einführung allgemeiner nationaler Wahlkurien. Und zum Abschluss lassen wir nun ein Lemberger Telegramm des Organs d^r österreichischen Sozialdemokratie, der „Arbeiterzeitung", folgen, das die Stimmung der österreichischen, das heisst eines grossen Teiles der jüdischen Sozialdemokraten Österreichs wiederspiegelt. Wir unterlassen es dabei, auf die Entstellung der Tatsachen in diesem Berichte einzugehen. Das Telegramm, das „Die abgeblitzten Zionisten" überschrieben ist, lautet: Gestern Abend sollten hier vier zionistische Versammlungen stattfinden, in denen für den neuesten zionistischen Sport, die Judenkurie, Propaganda gemacht werden sollte. In drei Versammlungen erschienen auch Sozialdemokraten. Eine dieser Versammlungen, die am zahlreichsten besucht war, wurde gar nicht eröffnet, als die Einberufer sahen, dass die Sozialdemokraten die Mojorität hatten; die zweite wurde von ihnen nach zehn Minuten geschlossen, die dritte geschlossen, als die Sozialdemokraten im Saale erschienen. Bei s oz ia 1 d em okra ti sch en A rbeit ern verfängt eben der zionistische Schwindel nicht. * Das jüdische Leben, vor allem das jüdisch-politische Leben ist reich an Tragik, noch reicher an einer Tragikomik, die selbst *) Vgl. Dr. Schalit: „Die politische Zukunft der Juden", Nationalzeitung. des kühlsten Historikers melancholisches Verwundern ertrotzen muss, die aber dem mitfühlenden Juden, dem das Schicksal seines Volkes teuer ist, manchmal das Herz zusammenschnürt. Wahrhaftig, wenn man die Sache heiter nehmen will, so kann man die Zusammenstellung, die wir oben gegeben haben, geniessen wie eine köstliche Humoreske. Rekapitulieren wir kurz : Der „Bund", vielleicht die dogmatischeste aller sozialdemokratischen Gruppen Russlands, fordert im Namen und aus dem Geiste des Sozialismus die Schaffung einer jüdisch-nationalen Autonomie für Russland. Die Zionisten fordern die jüdisch-nationale Autonomie für Oesterreich. Und wieder „im Namen und aus dem Geiste des Sozialismus14 bekämpfen die österreichischen, (richtiger die österreichischjüdischen) Sozialdemokraten diese Autonomie als „zionistischen Schwindel", sprengen Versammlungen usw. Nehmen wir zunächst eine reinliche Scheidung vor, damit wir nicht irregeführt werden. Der programmatische Inhalt, der Geist des Sozialismus ist nicht schuld daran, dass hüben jüdische Sozialdemokraten verlachen und befehden, was sie drüben auf den Schild heben. Die österreichische Sozialdemokratie weiss seit dem Brünner Parteitag ganz genau, dass es zu den Pflichten des Sozialismus gehört, die nationalen Individualitäten und Werte anzuerkennen und zu schützen. Noch mehr, die österreichische Sozialdemokratie, die sich nach den einzelnen Volksstänimen Oesterreichs in nationale Gruppen sonderte, war sogar in theoretischer und praktischer Hinsicht die Lehrmeisterin des „Bundes", als er daran ging, sich aus eineranationalen in eine jüdischnationale sozialistische Organisation umzuformen. Besser haben nicht die „Bundisten", auch die Zionisten nicht, die Wichtigkeit, die Notwendigkeit der Sonderung, der Entwicklung und des Schutzes des Nationalen im Sozialen begründet, als es der österreichische sozialdemokratische Abgeordnete Pernerstorfer tat. Nicht der Sozialismus, nicht die Grundlage der österreichischen Sozialdemokratie also ist es, der wir die Narrenposse auf der politischen Schaubühne danken, dass die jüdischen Sozialdemokraten Oesterreichs wütend verfluchen, was die jüdischen Sozialdemokraten Russlands emphatisch beschwören, es ist das jüdische Element in der Sache, das den Stoff sprengt und seine Teile nach diametral entgegengesetzten Richtungen schleudert. That is the humour of it — würde der Historiker sagen. Die Sache sieht paradoxal aus, ist es auch. Für den aber, der die Verhältnisse besser kennt, ist's keine Sensation von heute. Ein paar Erinnerungen aus der Geschichte der österreichischen und der russischen jüdischen Sozialdemokratie — das Thema erschöpfend behandelt, könnte einem Psychologen der „politischen" Juden unserer Tage einen fast unerschöpflichen Stoff bieten — werden bald vieles verständlich machen. Als die Juden in die österreichische Sozialdemokratie eintraten, an ihre Spitze traten, da brachten sie, trotz ihrem sozialistischen Bekenntnis, durchaus die Psychologie der österreichischen jüdisch-assimilatorischen Bourgeosie mit. Diese bourgeoise Psychologie offenbarte sich nicht nur in der prinzipiellen Lossagung von allem, was irgendwie mit Judentum zusammenhing, in der Behandlung des Judentums als eines peinlichen, eklen Gebrestes, das ging bis in die kleinsten Ausserlichkeiten. So wie sich z. B. der jüdische Bourgeois taufen Hess, um Offizier oder Richter zu werden, so Hessen sie sich taufen oder erklärten sich „konfessionslos", um so die Grundbedingung ihrer Parteikarriere zu schaffen. Nichts ist charakteristischer, als dass sogar der Führer der österreichischen Sozialdemokratie, Dr. Victor Adler, sich taufen Hess — eine Prozedur, die bei dem „von Natur aus gewissenlosen" Bourgeois hässlich, beim Sozialisten direkt widerlich wirkt. Und genau wie es die btirger-