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Die Welt · 1906-01-26 · 4 (26.1.1906) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
4 (26.1.1906)
Date
1906-01-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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ZUR BRÜSSELER KONFERENZ VON DR. ALFRED KLEE Die zur Zeit bestehenden Einrichtungen für nicht mittellose Auswandererwerden vielfach verbessert werden müssen. So funktionieren die österreichischen Komitees noch nicht nach Wunsch. Die auf der ganzen Erde bestehenden zionistischen Ortsgruppen werden unentgeltlich die Durchwandernden und die Einwandernden mit Rat unterstützen. Ein Büchlein mit den nötigen Adressen wird für die Wandernden zusammengestellt werden müssen. Zu prüfen wird sein, ob man den Kreis der Immigrationsländer nicht durch Hin zunähme einzelner Städte des Orients, namentlich Ägyptens, wird erweitern können. Freilich wird man gerade hier mit Rücksicht auf die wirtschaftliche Rückständigkeit des Orients und andererseits auf die Notwendigkeit sofortiger Arbeit für die Immigranten besondere Vorsicht und Kritik walten lassen müssen. Der Schlussstein wäre ein Central-Informations-Bureau, vielleicht im Anschluss an das schon bestehende Bureau des „tiilfsvereins der deutschen Juden". Aber der Wert einer solchen Centrale darf auch nicht überschätzt werden Nur Einiges: Meldet z, B. Montreal der Centrale, dass eine Anzahl von Tischlern dort gebraucht werde, so wird der Bedarf in Montreal vielleicht längst gedeckt sein, bis die Wanderer, denen die Centrale die Information hat zukommen lassen, in Kanada sind; ganz abgesehen davon, dass bei qualifiziertem Handwerk selten die für den betreffenden Ort nötige Spezies wird beschafft werden können und die Notwendigkeit eines längeren Sicheinarbeitens den Wert der Information wesentlich herabdrückt. Auf keinen Fall wird daher die Centrale irgend eine Verantwortung übernehmen können. Wer ihrer nach bestmöglicher Information gegebenen Auskunft folgt, tut es auf sein eigenes Risiko. Wenn aber auch die Auswanderung mittelloser Personen nicht ermuntert werden darf, so ist doch vielleicht eine andere Möglichkeit'gegeben, die Zahl der der russischen Barberei ausgesetzten Opfer zu vermindern. Wie man die Pogrom-Waisen aus Russland herausnehmen will, so möge man überhaupt ständig Kinder herausnehmen. Der jährliche Geburten-Überschuss wird auf etwa 50 000 geschätzt. Nehmen wir an, dass die Eltern von 15 000 dieser Kinder ihr Brod haben, dass weitere Eltern von 20 000 Kindern sich von ihnen nicht trennen würden, so bleiben etwa 15 000 Kinder für die Erziehung im Auslande übrig. Wenn für diesen Zweck eine grosse Organisation geschaffen wird, mit einem hervorragenden, organisatorischen und fachmännischen Talent an der Spitze, die Österreich-Ungarn, Deutschland, Holland, Belgien, Italien, Frankreich, England, die amerikanischen Staaten etc. umfasst, so wird es mit der Zeit möglich sein, sämtliche zur Ver- Anm. d. Red. Indem wir obigen Ausführungen sehr gerne Raum geben, wollen wir nicht unterlassen, einige Bemerkungen, die Herr Dr. Klee ihnen vorausschickt und die wir wegliessen, weil sie keine direkten Anregungen für Brüssel enthielten, aber unsererseits eine Polemik notwendig gemacht hätten, wenigstens ihrem Sinne nach wiederzugeben: Dr. Klee erörtert zunächst kurz, dass, was die inneren russischjüdischen Angelegenheiten betrifft, die Brüsseler Konferenz hauptsächlich für Fragen der wirtschaftlichen und kulturellen,Hebung zuständig sei. Er betont ferner, auf die Frage der Emigration und Immigration übergehend, dass bedauerlicherweise den Flüchtigen kein eigenes Land geboten werden könne. Aber weder die zionistischen noch territorialistische Pläne würden in Brüssel erörtert werden. Was die Auswanderungsfrage anbelangt, so meint Verfasser, man dürfe eine Auswanderung mittelloser Personen aus Mangel an Mitteln nicht ermutigen. fügung stehenden Kinder — Knaben und Mädchen im Alter von nicht unter 5 und nicht über 10 Jahren — in Westeuropa und Amerika mit einer guten Schulbildung und tüchtigen, ihrem Stande entsprechenden Fachkentnissen auszurüsten, die es ihnen ermöglichen, in der ganzen Welt in Anstand und Ehren weiterzukommen. Besonders wird natürlich auch dafür Sorge getragen werden müssen, dass die Kinder in treuer Anhänglichkeit an ihr jüdisches Volk erzogen werden. Die von allen Einsichtigen ersehnte physische Regeneration wird bald eintreten, umsomehr als die Kinderehen nach und nach ganz aufhören werden. Der Zionismus wird sich für seine Siedllingspläne kein besseres Menschenmaterial wünschen können; wo aber auch immer auf der Welt diese Kinder einst selbständig geworden sind, werden sie ihren Eltern und Geschwistern eine Stütze sein, sie in den meisten Fällen in die neue Heimat nach sich ziehen und so an der organischen Lösung des Emigrations-Problems mithelfen. Dass diese russischjüdischen Kinder für manche Länder — Italien, Schweden etc. — eine hochwillkommene Auffrischung der jüdischen Bevölkerung und somit des jüdischen Lebens bedeuten werden., dass weiter der enge Zusammenhang zwischen Ost und West inniger und wirkungsvoller hergestellt wird, als es andere an sich noch so dankenswerte Massnahmen vermögen, sei nebenbei bemerkt. Die Unterbringung der Kinder muss sich auf alle Gemeinden auch die kleinsten, erstrecken. Gerade in den kleinen Gemeinden — ich kenne sie besonders in Deutschland am Rhein genau — lebt viel warmes jüdisches Gefühl, das nach Betätigung drängt. Die durch ein oder zwei Kinder herbeigerufene Erhöhung des Gemeindeetats ist für den Einzelnen nicht allzu fühlbar. Viele kinderlose jüdische Ehepaare werden sich dieser Liebespflicht ohne Entgelt unterziehen; in den meisten anderen Fällen werden nur kleinere Zuschüsse erforderlich sein. Wir haben allein in Deutschland ca. 2300 Gemeinden! Welch' weites Feld der Betätigung auch für die fast überall in Westeuropa und Amerika bestehenden Frauenvereine! Übrigens ist ein ähnlicher Gedanke schon im Jahre 1868, anlässlich der Hungersnot in Westrussland, vom Altmeister Dr. Rülf in Memel und vorn Liegnitzer Rabbiner Dr. Landsberg, als Repräsentanten der Alliance, ausgeführt worden, und in dankenswerter Weise propagiert diese Idee im engeren Kreise der Berliner Rabbiner Dr. Rosenzweig. Die Schwierigkeiten der Durchführung verhehle ich mir nicht. Sie liegen z. T. auch auf gesetzlichem Gebiete. Immerhin erscheint mir aber diese aufgeworfene Frage von grosser Tragweite, und ich werde in Brüssel die Wahl einer ständigen Kommission, mit dem Sitz in Berlin, zur weiteren Verfolgung der Sache beantragen. Die Brüsseler Konferenz soll eine Kundgebung der Einmütigkeit der Gesamtjudenheit in dieser schweren, ernsten Zeit sein. Das bleibt ihre erste und wertvollste Aufgabe! Sie wird aus allen Teilen der Welt von Juden der verschiedensten Richtungen beschickt; die Mehrzahl der grossen Organisationen, viele jüdische Gemeinden werden vertreten sein — für den ersten Versuch ein recht erfreuliches Ergebnis. Der Verlauf der Konferenz wird die noch abseits Stehenden hoffentlich belehren, dass ihr Fernbleiben ungerechtfertigt war; die zweiten und die folgenden Konferenzen werden immer mehr und mehr sich zu einer Gesamtvertretung der Diaspora auswachsen.

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