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Die Welt · 1906-01-19 · 3 (19.1.1906) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
– (sequence 16)
Language
German
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DIEMKE LT 18----------......----------------------------------------------------------- Leiser: Bräutchen lieb, o Bräutchen fein, es naht heran die Zeit der Pein, wirst fern von Deiner Heimat sein und bitter weinen im Kämmerlein . . . (Pessie tritt ein, gut gekleidet). Pessie: Schwiegervater, was Euch nicht alles einfällt! (Leiser erschrickt und setzt sich in den Winkel) Schau mal, der Schwiegervater macht Spass, und sie weint! (Wischt ihr die Tränen ab). Du Närrchen! Schwiegervater, es scheint, wenn es einem gut geht, bleibt ihm nichts zu tun, als zu schlafen oder zu weinen. Meiner Seel', seitdem wir das grosse Loos gewonnen haben, weiss ich nicht mehr, was ich anfangen soll. Und fierschele ist auch so . . . wie ein Fremder, immer versorgt, immer beschäftigt ... In der Armut ist man doch einander näher . . . Zippe: Nun, Muhmchen, tut es Euch schon leid? Pessie: Leid tun? Gott behüte . . . Wir machen Gott sei Dank jeden Tag Tee, es ist warm, man hat immer was Ordentliches anzuziehen, aber ich habe doch gemeint, es wird besser sein. Zippe: Der Gewinn ist ja nicht schlecht, aber dass wir Masik mitgenommen haben, macht den ganzen Brei salzig. Haha! Pessie: Närrchen, er ist bloss Herschele's Kompagnon, Herscheie ist ja wie ein Blinder in Geschäftssachen. Leiser Wenn Herscheie wird lernen Masik zu sein, wird er schon ohne Masik wirtschaften allein. Lauscht) Pst! Gott steh' mir bei! Sie kommen! (Setzt sich schüchtern in den Winkel, still): „Leiser, in den Käfig mit Deinem Spassvogel! (fierschele und Masik treten ein. fierschele trägt einen schönen seidenen Kaftan. Sie setzen ihr früher angefangenes Gespräch fort) Herscheie: Woher wisst Ihr denn diese Sachen? (Sie setzen sich in die rechte Ecke des Zimmers). Masik: Ich habe alle Philosophiebücher gelesen, die hebräisch geschrieben sind. Herschele: Was heisst das, es gibt keine Belohnung und keine Bestrafung? Kann jeder nach seinem Begehr leben? Die Menschen würden ja wie wilde Tiere sündigen, einander zertreten und zerreissen! Ein Mensch ohne Zaum ist ein Geschöpf von Raub und Mord. Masik: Und ich sage, es wäre viel besser, zu Gott zu sagen: Ich will nicht von Dir belohnt und nicht bestraft werden. Lass mich laufen und Schluss! Her schele: Wenn der Mensch leine Belohnung und keine Bestrafung bekommt, wozu soll er denn leben auf der Erde? Unsere Freude ist ja, sich zu wehren gegen das, was man nicht tun darf, und unser Glück ist, das zu tun, was gut und heilig ist, ohne dies ist der Mensch kein Mensch mehr. Leiser (plötzlich): Der Mensch ist wie ein Schwein, er weiss nicht aus, nicht ein ... (trifft Herschele's zornigen Blick) Reb Uriel, seid so gut! (Masik geht auf ihn zu) Pst! Ich hab' Euch fragen wollen, wie spät es ist? Masik: Reb Herscheie Dubrowner's Vater soll solche Kindereien machen! -No.3 Herscheie (verdriesslich): Vater, nimm mir's nicht übel, warum sitzst Du nicht bei Dir? Du hast ja ein eigenes Zimmer. (Leiser blickt auf, als ob er etwas sagen wollte, erschrickt aber und geht rasch ab). Ja, Gott, sein Name sei gelobt, hat das Böse erschaffen, damit der Mensch Gutes tun kann. Masik: Wenn der aber das Böse nicht selbst gemacht hat, warum soll er dafür bestraft werden, dass er ohne seine Schuld zur Welt gekommen ist? (Zieht eine Zigarrentasche heraus, steckt sich eine Zigarre an). Raucht mal eine, Reb Hersch, es sind gute Zigarren. Her schele: Eine Zigarre ist ein bitterer Luxus. Reb Uriel, Gott hat das Gute und das Böse erschaffen und dem Menschen einen freien Willen gegeben, einen freien Willen (langsam. Masik schaut ihn lange an). Zippe: Versteht Ihr, was sie reden,? Sie reden Zaubergespräche. Ich will mal lieber zum Grossvater hinüberschauen Er ist weggegangen wie ein durchgeprügelter Bube, der Arme! (Ab). Masik: Ihr sagt, der Mensch hat einen freien Willen? Eh — nehmt mal eine Zigarre! Ich sag' Euch, eine ausgezeichnete Zigarre. Rerschele: Weiss ich, gebt mal her, ob mir;das schmecken wird? (steckt eine Zigarre an). Masik: Freier Wille, sagt ihr? Hm, man meint so. Ein freier Wille, der gezäumt, gebändigt, gekettet ist! Wenn Ihr nicht tun dürft, was ihr wollt, wenn das, was Euch gefällt, verboten ist, das, was ihr begehrt, durch Gesetze, Sitten, Bräuche, falsche Meinungen, närrische Gewohnheiten nicht gestattet wird! Nein, solange es ein Dürfen und Nichtdürfen noch gibt, muss der Wille verkümmert sein. Aber wir lassen uns zu weit in tiefe Fragen ein. Ich muss mit Euch von Geschäften reden. Herscheie: Pessie, sei so gut, wir müssen hier was besprechen. (Winkt ihr, hinauszugehen). Pessie: Früher, als Du die Thorarollen schriebst, hab' ich daneben sitzen dürfen und konnte einen Strumpf stricken und Vergnügen haben davon, und jetzt? Nun, soll es so sein. (Ab). Herscheie: 0, sie hat mich erinnert, ich wollte schon lange daran gehen, eine Thorarolle zu schreiben, die ich versprochen habe. Aber ich komme nie dazu. Masik: Ihr werdet schon später einmal Zeit dazu finden. Reb Herscheie, ich will mit Euch von einer wichtigen Angelegenheit reden. Ich hab' einen neuen Plan. Herscheie: 0, diese Geschäfte! Ich habe Angst vor ihnen. Nicht umsonst haben unsere Weisen gesagt, dass Handel ein Raub ist . . . Pfui, (Hustet und wirft die Zigarre fort). Masik: Einst war vielleicht der Handel ein Raub, heute ist er einfache Konkurrenz. Mit Gewalt nehmt Ihr ja nichts. Wollt Ihr Euer Geld einsetzen und etwas unternehmen? Tut es! Will es der Andere auch tun? Niemand verwehrt es ihm. Hast Du Deinen Verstand, so wirst Du verdienen, wenn nicht, so brichst Du Dir das Genick . . . Hört, ich meine, wir müssten aufhören, Geld auf Zinsen zu

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