Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316190--47715-3342613- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 3 — die^Eelt 17 9P§ 0<§ FEUILLETON QP<£> osfcL <bO JAKOB GORDIN (New-York): „DAS GELD" ZWEITER AKT DRAMA IN 4 AKTEN AUS DEM JUEDISCHEN. (Fortsetzung) Ein fein möbliertes Zimmer. Leiser sitzt in einem Lehnstuhl und knüpft allerlei Tiergestalten aus seinem grossen Taschentuch. Zippe steht am Spiegel und ordnet ihr Haar. Auf einem Tischchen liegt, ins Futteral gehüllt\ Herscheies Geige. Leiser {schleicht an sie heran)-. Puh, nicht wahr, die Maus hat Dich erschreckt? Pst, wenn Du Mottele heiraten wirst, werd' ich Deinen Jungen solche schöne Tierchen machen. Zippe: Was heisst das? Ich soll den Bräutigam meiner Schwester heiraten? Leiser: Pst! (sieht sich ängstlich um) Nichts geschwatzt und nichts gemeint! (Setzt sich in eine Ecke) Zippe: Grossvater, gesteht doch die Wahrheit! Gefällt's Euch, dass wir jetzt unter die Reichen gekommen sind? Mir kommt's vor, als ob ich des Onkels Kaftan tragen würde. Es ist so gar nicht auf mein Mass zugeschnitten. Hahaha! Meiner Seel, als die Schuhe no> h mit Werg verstopft waren, haben sie bessere Musik gemacht. Leiser: Kätzchen, wart nur, bis Du Deine Bettlergewohnheiten vergessen wirst! Ich zum Beispiel fühl' mich viel besser, weil ich der geborene reiche Mann bin. Närrchen, ist's denn schlecht, jeden Tag gebratenes Fleisch und weisses Brot zu essen und dazu noch oft ein Schlückchen zu machen? (Singt): Schleicht sich heran und hat schon getan ... Zippe (ihn unterbrechend): . . . Einen guten Zug aus dem vollen Krug! Eh, wisst Ihr, dass man über uns lacht? Die neugebackenen Reichen nennt man uns! Leiser: Meinst Du, ein altgebackener Reicher schmeckt besser? Ich will Dir die Wahrheit sagen: Ich wär' ganz zufrieden, wenn, . . . wenn . . . Komm her, ich will Dir was ins Ohr sagen (Zippe tritt näher, er flüstert ihr zu): Zippe, bei mir ist's nicht so wie bei anderen Menschen (laut: Gewöhnlich hat der Sohn Furcht vor dem Vater, und ich fürchte mich vor Herscheie. Zippe: Was fürchtet Ihr denn? Dass er Euch prügeln wird? Leiser: Ja, ja, ich hab' einfach Furcht. Ich mach' mir Mut, ich spiel' den Helden — aber ich fürcht' mich vor ihm. Mit dem Mund mach ich Spässe, aber hier (zeigt aufs Herz) fühl' ich mich gar nicht gut. Ich bin ein kleines Menschlein, und er zerquetscht mich mit seiner Gelehrheit, mit seiner Frömmigkeit, mit seiner Güte. Wenn er da ist, so wird Leiser, der Badchen, noch um zwei Zoll kleiner, als er ist. Besonders jetzt, Zippenju, seitdem er ein reicher Mann geworden ist wenn er mich da ansieht mit seinen kalten stillen, ernsten Augen, so beginnt's mir im, Nacken zu kribbeln. Es scheint, das Geld bringt Frost in die Augen . . . Kind, ich bin ein kleines Menschlein und kann mir keinen Platz finden. Zippe: Ihr seid ein kleines Menschlein und liebt kein kleines Gläslein. Leisen Ja, ich bin jetzt ein kleines Menschlein, aber es ist eine Zeit gewesen, einmal, schon lange her, da war ich in meinem Fach gross und berühmt. Wenn ich zu einer Hochzeit gekommen bin, da haben sie auf mich mit den Fingern gezeigt, die Frauen haben geflüstert, die Mädchen haben gezwitschert vor lauter Freude: Da ist er, da ist er! Und wenn ich mich hingestellt hab', da ist's still geworden, wie in der Schul', wenn der Vorbeter singt. Meine Augen sind voll Feuer geworden, mein Herz hat gepocht und geklopft, alle Musikanten haben gejubelt, und die erste Fiedel hat geweint und geredet nach meinem Munde. Wie beim Nessanne tokef *) sind die Weiber in Tränen zerflossen, die Braut hat bitter geweint, die Männer, die ein bisschen zuviel getrunken haben, sind nüchtern geworden. 0, es ist eine gute, schöne Zeit gewesen. (Wird traurig und sitzt nachdenklich da). Zippe: Aber, Grossväterchen, was seid Ihr so vergrämt? Wollt Ihr, wir werden bald Hochzeit spielen. Stellt Euch vor, ich bin die Braut, setz mich da hin, bedeck' mich mit dem Schleier, (verhüllt sich das Gesicht mit einem Tuch) ich spiel's ja nicht schlecht! (Lacht). Leiser: Willst Du hören, — na, ist mir recht. (Singt): „Beginnt eine Fiedel tarn - tarn - tarn - tarn." (Er stellt sich auf einen Schemel, singt): „0 wein, liebe Braut, o wein, — wie es war, wird es jetzt nicht mehr sein . . Zippe (weint absichtlich, wischt sich die Augen): 0, o, o! Leiser (fährt fort): „Deine freien Tage sind jetzt fort, Du wirst gehn an einen fremden Ort, zuend' ist Dein Lachen und Singen, man wird Dich bald in die Ketten zwingen. Mit Deiner Jugend ist's schon aus, Du wirsr verlassen müssen das Elternhaus. Schwet wird werden Dein junges Herz, voll von Sorgen und von Schmerz, (Zippe beginnt wirklich zu weinen) wie ein Blümchen hast Du hiergeblüht,und bald bist Du welk und verblüht. Zippe: 0, es wird mir wirklich traurig zu Mute. (Weint). *) Gebet am Versöhnungstag.