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Die Welt · 1906-01-19 · 3 (19.1.1906) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
– (sequence 14)
Language
German
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16- DIE^ELT -No. 3 JÜDISCHE AUTONOMIE UND JÜDISCHE WÄHLERKURIEN Mit der Tagesordnung „Die politische Zukunft der Juden in Oesterreich" fanden Sonntag hier drei jüdische Volksversammlungen statt, die zur Neugestaltung der innerpolitischen Verhältnisse durch die Wahlreform Stellung nahmen. In zwei Versammlungen kam es zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen Jüdischnationalen und Sozialdemokraten. In der Versammlung im Ronach ersaale hatte der Obmann des jüdischen Wahlrechtskomitees med. Dr. J. Schalit das Referat. Der Selbsterhaltungstrieb zwinge die Juden, selbständig an der Sanierung der politischen Verhältnisse in Oesterreich mitzuarbeiten und eine Politik der Staatsinteressen zu treiben. Sie müssen alle Bestrebungen unterstützen, die die nationalen Interessen von den wirtschaftlichen und politischen trennen, und das sei die nationale Autonomie. Diese aber müssen auch die Juden beanspruchen, wenn sie in Oesterreich zur Frage kommt, weil sonst ihr Untergang besiegelt ist. Würde in Wien z. B. ein deutscher Nationalrat irgendwelche Rücksichten auf die Juden nehmen? Der Einwand, dass die Juden dadurch ihren politischen Einfluss verlieren, gelte nicht, weil auch heute weder die armen Juden noch die jüdische Intelligenz, sondern bloss ein paar reiche Herren auf Kosten der Juden Politik machen. Die nationale Autonomie wäre allerdings ein Unding ohne das allgemeine, gleiche Wahlrecht. Meben der Autonomie aber verlangen die Juden zweitens innerhalb des allgemeinen Wahlrechts ein Proportionalwahlrecht zum Schutze der nationalen Minoritäten. Die Juden sind in Oesterreich an Zahl nicht stärker als die Italiener und nicht viel schwächer als die Slovenen und erheben darnach ihre Ansprüche. Das dritte Postulat ist die Trennung von Stadt und Land bei der Einteilung der Wahlkreise zur Vermeidung der Majorisierung. Sollte das Prinzip des nationalen Wahikatasters durchdringen, so verlangen sie viertens auch eine jüdische Kurie, insbesondere aber jüdische Wahlkörper in Galizien und der Bukowina, wo man nicht über ein Zehntel der Bevölkerung einfach zur Tagesordnung übergehen kann, weil sie Juden sind. Ehdgiltig ist die Fabel vorbei, dass sich das jüdische Volk von einigen reichen Leuten vertreten lassen könne und ebenso die andere, dass es dazu „auserwählt" sei, sich von allen Nichtjuden unterdrücken zu lassen. Das Judentum könne seine Interessen nur allein vertreten. (Lebh. Beifall). Advokat Dr. Baumgartner tritt gegen diese Forderungen auf, weil durch jüdische Abgeordnete die Judenfrage nicht gelöst sein werde und weil die Juden mangels einer gemeinsamen Sprache kein Volk seien. Er werde sich sein Deutschtum nicht nehmen lassen. (Heil-Rufe). Advokat Dr. Zins, Vorstandsmitglied der „Oesterr. isr. Union" erklärt ein Kompromiss mit den Polen gegen die Ruthenen — wie es Dr. Byk empfiehlt — sei ohne jüdische Kurie wertlos, weil die blosse Konzession einiger Mandate keinerlei Garantien für die Zukunft biete. L u c i a n Brunner, erklärt: Die Proportionalwahl würde es nicht zulassen, dass in der guten Stadt Wien 5000 Wähler 6 Abgeordnete und 4000 — keinen hätten. Das System werde den Juden ermöglichen, sich nach Belieben einer Partei anzuschliessen. Gegenüber dem Sozialdemokraten Neuner betont Dozent Dr. Pasmanik, dass der russische „Bund", der die Autonomie verfechte, sich ebenso auf Marx pro berufe wie die österreichischen Sozialisten kontra. Hierauf wurde eine Resolution angenommen, in der das gleiche. Wahlrecht mit Proporz zum Schutz der Minoritäten und für den Fall der Schaffung nationaler Kurien auch jüdische Wahlkörper verlangt werden. Die Sozialdemokraten stimmten bloss für den ersten Teil der Resolution. Im Hotel Union fand eine zweite Versammlung statt, bei der Schriftsteller Dr. Paul Weisengrün referierte. Nathan Gross sprach p r o namens der jüdischen Sozialisten. Dr. Birnbaum (Mathias Acher) warnt die Sozialdemokratie vor einer einseitigen Behandlung der Frage. In dieser Versammlung sprachen auch zwei Sozialdemokraten pro, worauf die Resolution angenommen wurde. Eine dritte Versammlung, die in Mariahilf stattfand, verlief stürmisch. Referent Dr. Rapaport sagte, dass heute eigentlich niemand namens der Juden sprechen dürfe, weil sie juristisch keine Körperschaft seien. Die Autonomie werde die Nation zur Trägerin der Rechte machen. Der zweite Referent, Advokat Dr. Ernst Franz Weisl nahm u. a. Stellung gegen die Behandlung der Frage durch die sozialdemokratischen Führer, die einzig die Juden mit ihren nationalen Forderungen zurückweisen. Die Resolution gab wiederum Anlass zu erregten Szenen und wurde schliesslich gegen eine bedeutende sozialdemokratische Minorität angenommen. Unter dem Drucke der national-jüdischen Agitation hat sich Dr. Byk gezwungen gesehen, da er für eine jüdische Kurie nicht eintreten will, zumindest auf dem Wege der „Wahl-Geometrie" einige Bezirke für jüdische Abgeordnete (natürlich in seiner Auffassung künftige Mitglieder des Polenklubs) bei den Polen zu verlangen. tiierüber wird berichtet: „Slowo Polskie" veröffentlicht mit Bezug auf die Wiener Konferenzen, die vom 4. bis 8. ds. währten, ein Gespräch mit dem Abgeoidneten Dr. Byk über die Chancen der jüdischen AAandate in Galizien. Dr. Byk erklärte, der Hinwegfall der Handelskammerkurie in Verbindung mit der Möglichkeit, dass Stadt und Land nicht gesondert und dass die Städte Krakau und Lemberg nicht in Wahlbezirke geteilt werden, bedeutet tatsächlich eine grosse Gefahr für die jüdischen Mandate. Nach den Wiener Konferenzen könne von dieser Gefahr keine Rede mehr sein. Ich kann, sagte Dr. Byk, wegen des vertraulichen Charakters der Konferenzen keine näheren Mitteilungen machen, doch soviel darf ich wohl sagen, dass ich alle meine Mühe und Sorgfalt daran gesetzt habe, um eine Anzahl jüdischer Mandate nach dem Besitzstande zu Beginn der vorletzten und der gegenwärtigen Session aufrecht zu halten. Ich habe viel Entgegenkommen gefunden und kann meine feste Überzeugung dahin aussprechen, dass mit der neuen Wahlreform wenigstens fünf bis sechs Wahlbezirke mit jüdischer Mehrheit geschaffen werden. DER HANDEL IN PALÄSTINA IM JAHRE 1904, SPEZIELL IN JAFFA UND GAZA In dem letzten Berichte des englischen Konsuls in Palästina, der im Juni vorigen Jahres vom Foreign Office veröffentlicht wurde, wird das stetige Wachsen des Handels in Palästina konstatiert. So belief sich der Export aus Jaffa und Gaza im Jahre 1904 auf 10.0°3,560 Francs mit einem Ueberschuss von 1.751560 Francs vor dem Jahre 1903. Der Import betrug im Jahre 1904 12.138,250 Francs mit einem Ueberschuss von 2.321,210 gegen das vorige Jahr. Im Allgemeinen vergrösserte sich der Import im Laufe der letzten 5 Jahre um 2250000 und der Export um 750000 Francs. DieHaupt- Produkte des Expories im Jahre 1904 waren : Gers+~ Orangen für 2531000, Seife für 1530000, Wein für 1005000 Francs. Die Gerste und die Orangen wurden hauptsächlich nach England exportiert, die Seife nach Egypten und der Türkei, und der Wein hauptsächlich nach Deutschland. Die Hauptprodukte des Imports im selben Jahre waren : Baumwollstoffe für 3970000 Francs Tabak und Tombak 117 000, Petroleum 650 (.00 Francs, Zucker 604 500, Reis 737 000, Holz 545 000 Francs. Die Baumwollstoffe wurden hauptsächlich aus England und Italien importiert, der Tabak aus Persien und der Türkei, Petroleum aus Russland, Zucker aus Österreich, Reis aus Ägypten, Holz aus Russland und teilweise aus Österreich. Im Export nimmt England den ersten Rang ein, dann folgen Egypten, Deutschland, Frankreich, die Türkei, Österreich, Russland und Italien. Im Import dagegen nimmt die •t*'- H^r, ersten Platz ein und den zweiten England.

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