Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Paris am 21. September sagte, dass bei der Bildung der neuen Organisation der Präsident sich eines bedenklichen Feh'ers schuldig gemacht habe Es ist unsere Sach**, zu sehen, ob wir den Folgen dieses bedenklichen Fehlers vorbeugen können — ob wir, wenn möglich, ihn zurechtstellen und Israel vor seinen Folgen schützen können. Ich muss gestehen, dass es schwer ist, auf den Terrhorialplan näher einzugehen, weil dessen Förderer nicht einig sind. Mr. Zangwill redet von einem jüdischen Staate, Herr Lucien Wolf will von jüdischen nationalen Bestrebungen nichts wissen. Mr. Zangwill teilt uns mit, dass er seine Vorschläge niedergeschrieben und der Regierung vorgelegt habe, tierr Lucien Wolf erklärt, „die Wahrheit sei augenblicklich, dass die Territorialisten gegenwärtig überhaupt keinen Plan haben ." „Ich leugne nicht", fährt er fort, „dass ein Plan entworfen worden sei, aber der Rat hat ihn nicht angenommen. Wir können weiter gehen und sagen, dass der Plan den Gegenstand sehr ernster Beratungen uud Verhandlungen von Seiten des Rates bildet, und es wird zweiffellos noch einige Zeit vergehen, bevor ihm seine endgültige Form verliehen werden kann." Geringere Stützen der Organisation scheinen ebenso wenig mit einander übereinzustimmen. Da redet einer von dem Plane als von einem, der die Lösung der Judenfrage bringen soll, ein anderer meint, sein Zweck sei die Linderung der Uebelstände unter den Juden in Russland. Kurz und gut, mir scheint, dass die Zeit zu kurz gewesen ist, urn die verschiedenen Ideen und Ideale, die sich fast ohne Ausnahme in einer jeden Körperschaft finden, schon jetzt in einen allgemein gebilligten Plan zusammenzufassen. So weit mir die Sache jedoch klar ist, schlagen die Territorialisten vor, dass für die Juden ein grösseres Gebiet, am besten unter englischer Oberhoheit, erworben werde, an irgend einem Orte, der sich zur Gründung einer jüdischen Kolonie mit dem Rechte der Selbstregierung eignet. Die Territorialisteu berufen sich auf die elende Lage unseres Volkes, den Druck, unter dem die Juden stehen, auf die Notwendigkeit, dass irgend etwas sofort geschehe, um uns eine Existenz als Volk zu sichern, damit wir nicht von der Erde verschwinden. Und wir hören auch, dass Zaudern verderblich ist. Wenn wir in Palästina ein gesetzlich gesichertes, öffentlich anerkanntes Heim gewinnen können, so ist dies schön und gut; in der Zwischenzeit sollten wir aber keine Gelegenheit unbenutzt lassen, um ein solches gesetzlich gesichertes und öffentlich anerkanntes Heim in jeglichem Lande zu gründen, das uns zugänglich wird. Ich hoffe, dass ich hiermit dem Standpunkte der Territorialisten wenigstens in gerechter Weise Ausdruck verliehen habe. Nun ist aber klar, dass ein solcher Plan die Judenfrage nicht lösen kann. Die Gründung einer jüdischen Niederlassung wird die Frage nicht lösen, und es wäre Wahnwitz, eine Neugründung des jüdischen Staates anderswo als in Palästina zu unternehmen; dem Lande, worauf der Jude während seiner zweitausendjährigen Verbannung nie sein moralisches Recht aufgegeben hat und das immer der Gegenstand seiner teuersten Hoffnungen geblieben ist. Eine Sache steht fest; so gross auch das Gebiet, das wir besitzen, so ausgedehnt unsere autonomen Rechte und so gross auch die Zahl der Juden, die dahin auswandern, sein werden, wenn dieses Gebiet nicht Palästina ist, so kann es niemals mehr als eine Niederlassung — eine Kolonie — werden; es kann nie der jüdische Staat sein. Unser Volk kann keinen anderen Mittelpunkt als Palästina als sein endgültiges Ziel ansehen. Ich meine, dass Juden in jedem anderen Lande, wenn sie dort auch Rechte der Selbstregierung haben, sich noch in derselbeu Lage befinden würden wie heute, d. h. sie würden ihr Ziel nicht erreicht haben, sondern noch immer im „Golus" sein! Wenn die Territorialisten glauben und verkünden, dass ihr Plan eine Revision der zionistischen Idee bildet, — d. h. ein neuer Zionismus ist — dann sind sie in einem schweren Irrtum begriffen, und wir müssen sie ihrer Verblendung überlassen und müssen unter allen Umständen dafür Sorge tragen, dass unsere Ziele klar sind und dass keine Verwirrung in ihnen entsteht. Ich glaube aber, dass die Mehrzahl der Territorialisten in keinem solchen Wahne befangen ist, und bin überzeugt, dass dies von denjenigen Zionisten, die sich den Territorialisten angeschlossen haben, auch gilt. Ich glaube, dass das, was sie erstreben, ein ausgedehntes Gebiet mit dem Rechte einer jüdischen Selbstregierung ist, das den Verfolgten unseres Volkes eine Zuflucht bieten und den Druck, der auf dem Judentum lastet, erleichtern soll. Eine solche Idee mag grosse Anziehungskraft für die Phantasie haben und enthält manche der Elemente, die sich von der zionistischen Idee nicht trennen lassen und die sie so anziehend machen. Territorialisten hegen jedoch eine gewisse Verachtung für solche Dinge und halten sich vor allen Dingen für praktisch. Nun ist es eine Sache, ein Gebiet zu erwerben, sicherlich keine leichte, aber das Wichtigste ist, dass man seiner Kolonisten nicht sicher sein kann. Neulich sah ich z. B. in einem Briefe von Mr. Winston Churchill an einige jüdische Wähler in West-Manchester, dass er seine Bemerkungen über Territorialismus in zwei Teile teilt: Der erste Teil behandelt den Territorialismus vom praktischen Gesichtspunkt, und der zweite Teil vom idealen, dem Zionismus entlehnten Gesichtspunkt, von dem einige seiner Anhänger — zum Zwecke der Propaganda — den Territorialismus betrachten. Der zweite Teil hat den vollen Beifall des Unter-Kolonialsekretärs, während der erste ihm nur die Zweifel und Schwierigkeiten des Unternehmens vor Augen führt. Tatsache ist jedenfalls, dass das, was auf den Unter- Kolonialsekretär Eindruck gemacht hat, der wunderbare Idealismus ist, mit dem jene praktischen Herren ausgerüstet sein müssen, die Pläne über ein Gebiet entwerfen, bevor sie wissen, auf welches Geb et sich diese Pläne beziehen. Die weise Mrs. Glasse schärfte ihren Lesern ein, dass, bevor sie einen Hasen braten könnten, sie ihn erst fangen müssten. Was hätte sie von Leuten gedacht, die ein Kochrezept verfassen, bevor sie wissen, ob ihre Speise Fisch, Fleisch, oder Geflügel sein solle, oder ob sie sich mit einem leicht erreichbaren roten Hering begnügen wollten? Die Erwerbung des Gebietes ist, wie ich schon sagte, nicht die grösste der Schwierigkeiten. Baron Hirsch erwarb ein ausgezeichnetes Gebiet für das jüdische Volk, mit unerschöpflichen Hilfsquellen zu seiner Ausstattung und Entwicklung. Warum misslang der Versuch so gänzlich? Ich will Ihnen dies nicht in meinen eignen Worten sagen. Mr. Zangwill hat uns den Grund klar gemacht. „Baron Hirsch", sagt er, „war der grösste „Träumer des Ghettos" seines Zeitalters. Einer seiner Träume war, dass er Juden aus ihren übervölkerten Ghettos holen und unerwarteter Weise auf einsamen Farmen am anderen Ende der Welt ansiedeln könnte. Und dennoch ist es seltsam — achten Sie auf Mr. ZangwilPs Worte — dass er (Baron Hirsch) nicht einsehen konnte, dass Palästina das einzige Land ist, dessen Boden für die Juden Anziehungskraft besitzt." Ich glaube nicht, dass Rechte der Selbstregierung ein Gegengewicht gegen die Anziehungskraft Palästinas bilden werden, ebensowenig, wie ich glaube, dass Mr. Zangwill Unrecht hatte, wenn er in derselben Rede, die ich zitiert habe, erklärte, dass die wahre Lösung, die einzige Lösung der Judenfrage ein öffentlich und gesetzlich anerkanntes Heim in Palästina sei. Seit zweitausend Jahren ist es das Gebet der Juden gewesen, nicht dass ihnen Selbstregierung gewährt werde, sondern dass ihnen Palästina wiedergegeben werde, und die Mehrzahl hat dies jedenfalls die ganze Zeit ernst gemeint. Es ist jedoch klar, dass die Territoriallisten im Durchschnitt sich teilweise bewusst gewesen sind, dass keine jüdische Niederlassung erfolgreich sein würde, die das Nationalgefühl ganz aus dem Spiele lässt, und aus diesem Grunde strebten sie nach Selbstregierung. Ich meine aber, dass sie sich in dieser Hinsicht auf ein schwankendes Rohr stützen, dass sie nicht hoffen dürfen, das Nationalgefühl zu erwecken, solange sie sich — was sie in der Tat tun — ausserhalb der nationalen Bewegung stellen. Die Tatsache, dass der ostafrikanische Plan innerhalb der nationalen Bewegung lag, bildete seine beste, und vielleicht seine einzige Aussicht auf Erfolg. Die Lehre, die aus diesem Plan gezogen werden sollte, ist, dass in der Ansicht einer grossen Mehrzahl seine Lokalität nicht im jüdischen Sinne national war. Auf diesen Punkt wurde viel Wert gelegt, ebenso wie Mr. Zangwill dies tat, als er den Makel an Baron Hirsch's Plan entdeckte. Warum sollten die Territorialisten sich dem Misserfolg aussetzen, unter dem andere Pläne gescheitert sind, durch ein solches Ausserachtlassen der lokalen Anziehungskraft, wie sie dies zu tun scheinen? Warum achten sie nicht darauf, dass ein solcher Misserfolg in ihrem Plane vermieden werde, und dass sie dem jüdischen Volke eine Niederlassung sichern, die lokale sowohl als politische Anziehungskraft besitzt, die einzige lokale Anziehung, die für das jüdische Volk wirksam ist. Und es kann doch sicherlich in den Augen der Territorialisten kein Nachteil sein, ihren Plan so zu entwerfen, dass dieser es ihnen möglich macht, mit den Zionisten gemeinsam zu arbeiten. Ich glaube, dass sich ein solcher Plan wohl machen Hesse. Ich schalte in diesem Zusammenhange jede Frage von Palästina selbst aus der Betrachtung aus. Sie wollen ein Gebiet, das sie aktiv kolonisieren können, wo es auch sei, und wir sind eifrig daran, aktiv zu kolonisieren, sobald dies in den Ländern in der Nachbarschaft von Palästina möglich ist. Mögen sie sich darüber einigen, dass das Gebiet, das sie zuerst erstreben, ein solches sei, das innerhalb der uns vom Kongress gesetzten Grenzen liegt, so dass wir und sie gemeinsam darauf hinarbeiten können. Ich habe seit dem Kongress hart gearbeitet, um alle erdenklichen Tatsachen über ein solches Gebiet in Erfahrung zu bringen, von dem ich glaube, dass es erreichbar, dass es einer ausgedehnten Entwicklung fähig ist, und in einer verhältnismässig kurzen Zeit