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Die Welt · 1906-01-19 · 3 (19.1.1906) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No.3 13 gegen jenes Land wandte, der Geist der Revolution sich fühlbar machte, und wo die auch zu gewöhnlichen Zeiten Schutzlosesten der Untertanen des Zaren den gesetzlosen Raufbolden leicht zur Beute wurden. Die grauenhaften Ausschreitungen, deren Opfer unsere Brüder und Schwestern in Russland im vergangenen Oktober und November wurden, empörten die zivilisierte Welt, und bewogen sogar die Führer der Anglo-jüdischen Gemeinschaft, am letzten Montag eine Versammlung abzuhalten, um gegen sie zu protestieren. Mit lobenswerter Bereitwilligkeit eröffneten sie einen Fonds, dem Beiträge in Hülle und Fülle zuflössen. Wir fühlten uns als Zionisten verpflichtet, gleichfalls einen Fonds zu eröffnen, um unserer Missbilligung zweier Punkte Ausdruck zu verleihen, die einen Teil des Aufrufs bildeten. Auf den ersten habe ich schon Bezug genommen, es ist die Versicherung, dass das Geld in keinem Falle zur Förderung der Auswanderung aus Russland nach Grossbritannien benutzt werden solle. Wenn eine solche Bedingung möglich gewesen wäre, so hätte sie unter den damals vorherrschenden Umständen ganz und gar im Widerspruch mit dem selbstlosen Wunsche, unseren von Schicksal schwer betroffenen Brüdern zu helfen, gestanden. In einem solchen Moment irgend einen Vorbehalt zu machen in Hinsicht auf die Mittel und Wege zur Rettung der unglücklichen Opfer, hätte ganz undenkbar sein sollen. Jedenfalls, wenn jene Worte des Aufrufes ernst zu nehmen waren, so waren sie ein Versuch — ich will zugeben, dass es kein beabsichtigter Versuch war — durch Juden für Juden Ketten zu schmieden, und denjenigen einen Anhaltspunkt zu geben, denen so viel daran liegt, Juden von der Einwanderung in unser Land abzuhalten, ein Anhaltspunkt, den Sir William Evans-Gordon nur zu bald benutzte. Ausserdem hatten wir das Gefühl, dass das Versprechen, der Fonds solle durch die britischen Konsuln in Russland verteilt werden, durchaus nicht die beste Bürgschaft war, dass die Gelder auf die zweckmässigste Weise verteilt werden würden. Es scheint nun, dass die Konsuln derselben Ansicht waren, denn sie übernahmen eine solche Verantwortung nicht, obgleich ich keine öffentliche Bekanntmachung dieser Tatsache an die Beitragenden gesehen habe. Es wird Sie sicherlich interessieren, zu erfahren, dass unsere Kollegen in Russland, denen die Verteilung des Fonds der Jüdischen Kolonialbank anvertraut wurde, sich bemühen, Mittel von dauernderer Wirksamkeit als die des Almosengebens zu finden, durch die wenigstens ein bedeutender Teil des gesammelten Fonds zum besten unserer Brüder und Schwestern, die in Russland gelitten haben, benutzt werden könnte. Meine Damen und Herren, dies war eine Aufgabe des Roten Kreuzes, und zu Kriegszeiten zieht dieses Werk der Liebe und Barmherzigkeit den Hader zwischen denen, die Krieg führen, nicht in Betracht. Es sieht nur, dass Männer verwundet und hilflos in dem Blute liegen, das sie vergossen haben, und tut, was es kann, um ihr Leben zu retten und ihre Gesundheit wieder herzustellen. Die Aufgabe des Roten Kreuzes ist Heilung, nicht Verhütung der Wunden; es mildert die Greuel des Krieges, aber sichert uns nicht den Segen des Friedens. Es ist ein Werk der Verhütung für unser Volk, dem wir uns jetzt zuwenden müssen, jetzt, wo ihr Blut nicht mehr fliesst, wo ihre Toten begraben sind, wo ihre Wunden, körperliche sowohl wie seelische, wie wir hoffen, in der Heilung begriffen sind. Wir müssen sicherlich manchen Blick in die Vergangenheit werfen, aber nur, um Erfahrungen zu sammeln, damit wir unsere Fehler und Irrtümer einsehen. Jedpch der Zukunft müssen wir unsere Blicke stets zuwenden. Wie steht es mit der Zukunft? „Wächter, ist die Nacht schon hin?" Wir Juden haben so viele Wächter! Aber sie sind nicht einig über die Richtung, in der wir nach dem Anbruch unseres Tages ausschauen sollen. Ist es nicht wunderbar, dass die tragischen Vorfälle in Russland unsere Sinne beleben mussten, die durch die Unmöglichkeit, irgend ein kommendes Unheil vorherzusehen, eingeschläfert worden waren. In dem Briefe, den Lord Rothschild und andere vor wenigen Tagen an die Presse sandten, müssen wir diese Tatsache erkennen. Der alte Gedanke, dass das jüdische Problem Russlands, das infolge der Anzahl der dortigen Juden einen wichtigen Teil der Judenfrage bildet, unter den bestehenden Verhältnissen in Russland gelöst werden könne, ist den vier Winden preisgegeben worden — und vielleicht nicht den Winden des Himmels. Was irgend eine entschiedene Stellungnahme betrifft, so verlassen sich jene Herren meistens darauf, dass sich die Dinge allmählich bessern werden, während sie an den alten Methoden festhalten, die nicht nur als nutzlos befunden worden sind, sondern auch oft die Tendenz zeigen, die Schwierigkeiten, die sie lösen sollten, zu verschärfen und dauernd zu machen. Die Unmöglichkeit einer Situation und die damit verbundene Gefahr, sich in eine verzweifelte Lage zu bringen, muss logischerweise Verläufer einer Massregel sein, diese Lage zu beenden. Da aber die Logik nur einer unter mehreren gleich starken Kämpfern im menschlichen Herzen ist, so richten sich die Leute nicht immer nach ihren Vorschriften. Sie warten darauf, dass die Lage sich durch äussere Einflüsse ändere; eine Art Fatalismus gewinnt die Oberhand unter ihnen, und wächst durch jedes Steigen der Schwierigkeit, in der sie sich befinden. Wir dürfen uns nicht darüber wundern, dass der Fatalismus jener guten Leute ungeheuer ist. Sie reden von der Auswanderung als der einzigen Lösung des Problems, und vergessen die Tatsache, dass Auswanderung — das Verschleppen des Übels von einem Orte an den andern gerade die Frage, der sie gegenüberstehen, hervorgerufen hat. Als im 14. Jahrhundert fast ganz Europa den Juden unmöglich geworden war, wanderten grosse Massen unseres Volkes nach Polen aus, wo König Kasimir der Grosse manche sagen, auf die Bitten seiner schönen jüdischen Geliebten Esther hin — die Tore seines Landes den bedrückten und verstossenen Wanderern öffnete. Damals richteten sich zweifellos aller Augen nach Polen als dem Rettungshafen unseres Volkes, wie sie sich heutzutage nach den Vereinigten Staaten, Kanada und Argentinien richten. Damals meinten grossherzige und menschenfreundliche Männer sicherlich, dass, wenn sie nur eine bedeutende Anzahl ihrer Brüder sicher im freien Polen, fern von der irdischen Höhe des Judentums in Europa sehen könnten, alles wohl bestellt und ihres Volkes Heil gesichert sein würde. Sie hatten dazu manchen Grund, denn es fehlte ihnen die Erfahrung, die uns heute zu Gebote steht; sie hatten in ihrem Zeitalter keinen Herzl, der sie darauf hinwies, dass der auswandernde Jude den Antisemitismus in das Land bringt, nach dem er mit dem Bündel auf seinem müden Rücken wandert; oder, um einer schrecklichen Wahrheit mit seinen Worten Ausdruck zn geben: „Wir wandern naturgemäss nach den Ländern aus, wo wir nicht verfolgt werden, und unsere Gegenwart ruft die Verfolgung hervor.u DieErlangung gleicher Rechte für die Juden in Russland ist allein auch keine Lösung der Frage. Wrir streben gewiss nbch gleichen Rechten, und für die Juden in Russland ist vielleicht nichts wünschenswerter. Wenn aber gleiche Rechte die Lösung der Frage wären, so würde es weder Antisemitismus in Deutschland, Frankreich oder Amerika geben, noch würde jener grause Feind sein Haupt in diesem Lande zu erheben beginnen, was er zweifellos tut. Nein! Wir mögen jene Männer ihrer vielen glänzenden Eigenschaften wegen achten uhd bewundern: im Namen unserer verfolgten Brüder und Schwestern mögen wir ihnen von ganzem Herzen für ihre grossherzige und edle Hülfe in der Not danken; aber die Rettung liegt nicht in der Richtung, auf die sie hinweisen. Das würde nur zu einer Verzögerung der Lösung der Judenfrage führen, und wir sollten doch heute etwas Besseres zu tun finden als zeitweiliges Ausflicken unserer Schäden. Es giebt aber noch einen anderen Weg, dem jetzt viel Aufmerksamkeit geschenkt vird, und der den Brief Lord Rothschilds hervorrief. Jener Weg ist bekannt als Jüdischer Territorialismus. Meine Damen und Herren, es giebt kein grausigeres Kapitel der jüdischen Geschichte, als das, welches die Zerstörung Jerusalems unter Titus behandelt, und der grausigste Teil jenes Kapitels ist der innere Zwist, der unser Volk ins Verderben führte. Sie wissen, dass es damals eine Kriegs- und eine Friedenspartei gab, dass Zeloten, Synhedristen und Idumäer unter einander in zahllose Parteien zerfielen, die alle den wütendsten Hass gegen einander hegten, die sich alle, nur zu oft im wörtlichen Sinne des Ausdrucks, mit gezogenein Dolche gegenüberstanden. Jedermann war bereit zum Kampfe, sogar die Friedenspartei behauptete, mit friedlichen Mitteln zu kämpfen aber jeder hatte seine eignen Ansichten über die beste Art zu kämpfen, so dass, wie treffend gesagt worden ist: „Waffen, die zum Kampfe gegen Rom dringend erforderlich waren, in bitterem Hass und Argwohn gegen jüdische Brüder gebraucht wurden.tk Wir Juden haben auch heute unser Rom, und es sieht so aus, als ob auch wir die Waffen, deren wir gegen den genieinsamen Feind so dringend bedürfen, mit Hass und Argwohn gegen unsere Brüder wendeten. Es mag unvermeidlich sein, aber sind wir dessen sicher, dass es unvermeidlich ist? Haben wir denn schon, während wir die Grundsätze aufrecht erhalten, für die wir einstehen, alle Mittel erschöpft, durch die wir zur Einigkeit gelangen könnten? Danach zu streben ist uns heute geboten, und ich denke, es wird zugegeben werden, dass wir Zionisten den richtigen Weg dadurch gewiesen haben, dass wir eine a 11 gerne ine Konferenz zusammenberufen haben. Lassen Sie uns sehen, ob wir heute noch einen Schritt weiter gehen können, wenn auch nicht in ganz derselben Richtung. Ich habe auseinandergesetzt, in welcher Hinsicht das, was ich die Politik des Briefes von Lord Rothschild nennen möchte, den wirklichen Bedürfnissen des Judentums nicht gerecht wird. Erfüllt der Territorialplan diesen Zweck in irgend einer Hinsicht besser? Ich möchte für den Augenblick jegliche Rücksicht auf die Entstehungsgeschichte dieses Planes in den Hintergrund stellen, möchte aber doch im Bezug darauf sagen, dass ich mit Dr. Nordau übereinstimme, der in seiner Rede in

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