Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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# 10 — DIEMELT No.3 ■\ iil-- V ' s|. V » ' F ' \ a- t a [:% a ( - r < I ( ' # das wird Niemand bestreiten, um Bildung und Kultur unter die Judenschaften der entlegenen Länder zn verbreiten. In Schiraz und Teheran wie in Levante, in Saloniki wie in Belgrad, in allen Ländern und Ländchen eröffnete die Alliance ihre Schulen, streckte nach allen Richtungen ihre Fühler aus. Aber was hat die Alliance in ihren Schulen die jüdischen Kinder gelehrt? Nicht Juden und Menschen zu sein — sondern vor allem Franzosen zu sein. Das ist die „Sklaverei in der Freiheit", von der so oft gesprochen wurde. Das ist die blinde Assimilationswut, die sie „französischer als die Franzosen" macht. Juden haben immer diesen Zug besessen. Sie haben ihre Dankbarkeit so weit getrieben, dass sie die selbstlosesten, eifrigsten, fanatischen Diener ihres Landes wurden. Auch dann wenn sie Fusstritte bekamen und herausfliegen mussten. Waren es nicht die Juden Spaniens, die wie jene traurigen Ritter ihrer Geliebten — dem grausam - fanatischen Spanien — über das Grab hinaus treu blieben? Waren es nicht die Juden Deutschlands, die, aus den deutschen Gauen verbannt verjagt, deutsche Sprache und „Kultur" nach dem slavischen Osten trugen? Die „Alliance Israelite" hat in neuester Zeit die „Franzosenmacherei" übernommen. Es wird nicht uninteressant sein, einige Beweise dieser Behauptungen im Zusammenhange mit der marokkanisch-jüdischen Frage zu geben. Camille Fidel in: „Les interets francais et les interets allemands au Maroc" und mit ihm fast alle französischen Schriftsteller, die sich mit Marokko beschäftigt haben, rechnen zu den Hauptförderern des französischen Einflusses in Marokko die Arbeit, welche die „Alliance Israelite universelle" in diesem Lande durch ihre Schulen leistet. Fidel schreibt: „Ein mächtiges Hülfsmittel für Frankreich bildet die Verbreitung der französichen Sprache, die in Marokko — zumal dank dem Werk der „Alliance Israelite universelle44 — mehr und mehr verstanden und gesprochen wird. Der Unterricht wird den Juden der bedeutendsten Städte Marokkos in den Schulen der Alliance auf Französisch durch Lehrer erteilt, von denen manche ihre sämtlichen Grade in Paris erhalten haben ... In diesen Schulen werden die fiülfskräfte für unser wirtschaftliches Vordringen herangebildet. Des Französischen bedienen sich die Israeliten im Geschäft, und da der fiande! zum grossen Teil in ihren fiänden ist, kann man sagen, dass das Französische die Handelssprache ist/* Augustin Bernard schreibt in einem Bericht über das Schulwesen Marokkos an den Generalgouverneur von Algerien: „Die Haltung der Alliance schien mir vom französischen Standpunkt aus im allgemeinen ausgezeichnet. . . mit ihrer üblichen Findigkeit haben die Juden sich übrigens sofort die Folgen des englisch-französischen Abkommen klar gemacht; durch die Macht der Umstände werden sie sich künftig mehr und mehr uns zuwenden." Im Journal des D bats vom 3. Juni 1903 hiess es bei einer Beschreibung der verschiedenen Mellahs: „Ein Franzose kann die Schulen der Alliance Israelite in Marokko nicht besuchen, ohne Vergnügen und Dankbarkeit zu empfinden. Die allgemeine Unterrichtssprache ist das Französische, und das genügt, um diese Schulen zu wirklichen französischen Schulen zu machen; die Wandkarten stammen aus Frankreich, die Lehrbücher sind französisch, in Konstantinopel zum Gebrauch für die Schulen der Levante herausgegeben; in allen Klassen sind in grossen Buchstaben die zehn Gebote in französischer Sprache angeschlagen; die Bibliotheken enthalten fast nur französische Bücher. Die jungen Israeliten Marokkos eignen sich also in den Schulen Marokkos unsere Sprache und unsere Ideen an. Infolgedessen verbreitet sich das Französische schon in bemerkenswerter Weise in allen Hafenstädten und sogar ein wenig im Innern; unter dem Einfluss der ehemaligen Schüler der Alliance, die sich als Kaufleute niedergelassen haben, wird das Französische in ganz Marokko immer mehr für die Handelskorrespondenz benutzt. Die Alliance Israelite ist auf dem besten Wege, uns in Marokko — in Ermangelung katholischer Schulen, die spanisch sind, lund französisch-arabischer Schulen, deren Werk kaum begonnen hat — ähnliche Dienste zu leisten, wie wir sie im Orient den katholischen Missionen verdanken." Es ist erklärlich, dass französische Juden, die ihr Land lieben, dessen Kultur und Sprache zugetan sind, auch für die französische Expansion schwärmen. Aber das darf nicht auf Kosten des Gesamtjudentums geschehen. „Jeder Mensch hat zwei Vaterländer" — sagte einmal ein französischer Schriftsteller, „ein Geburtsland und Frankreich.44 Aber die Herren von der „Alliancewollen noch weiter gehen in dieser Behauptung. Sie, die die Nationaljuden aus dem Grunde angreifen, weil diese sich nicht zur vorherrschenden Nationalität ihrer Wirtsländer bekennen, sie tun bewusst oder unbewusst noch mehr für die Entfremdung der jüdischen Bevölkerung von ihren einheimischen Mitbürgern. Denn sie infiltrieren in den Geist der jüdischen Jugend eine Schwärmerei für Frankreich, sie machen salonikische, adrianopeler, levantinische Juden zu Franzosen. Und weil diese nicht wirkliche Franzosen werden können, werden sie halbe, innerlich zerrissene Menschen. Die Kenner des nahen Orients werden dies bestätigen. Auch Zola hat einen solchen Typus im Levantiner Sa bat tan i („Argent") geschildert. Aber das Merkwürdigste daran ist, dass die Alliance französische Kolonialpalitik betreibt mit den Mitteln der nicht französischen Juden. So z. B. ersehen wir aus den Berichten der Alliance folgende Daten über die Beiträge der deutschen Judenschaft: Die ganzen Einkünfte des Breslauer Komitees für 1904 im Betrage von 3300 Mk., des Kölner Komitees im Betrage von 9 753 Mk., des Dürkheimer Komitees im Betrage von 6 542 Mk., des Mannheimer Komitees im Betrage von 4787 Mk., des Nürnberger Komitees im Betrage von 6 027 Mk., des Posener Komitees im ^Betrage von 1881 Mk, wurden an das Pariser Komitee abgeführt. Dazu kommen noch die bedeutend höheren Stiftungen, Vermächtnisse, Jahresbeiträge deutscher Juden. Auch die nichtdeutsche Judenschaft beteiligt sich reichlich an der Subsidierung der Alliance. „Und alles nur um eine Kuh," würde man beinahe sagen. In der letzten Zeit,, der schweren, sorgenreichen Zeit, Jiört man immer wieder den Ruf der Verzweiflung der jüdischen Wohltäter: Die jüdische Not wächst uns über den Kopf. Wir können nicht mehr.44 Lord Rothschild und Claude Montefiore haben es auch vor kurzem in ihrem „Manifeste" gesagt, Und für die Verpflanzung französischer Kultur nach dem Orient haben sie Geld? Alles für andere, nichts für sich selbst — das ist das Merkmal, um nicht zu sagen das Schandmal der „Knechte der Freiheit". Rumänien auf der Tagesordnung. Rumänien hat schon lange von sich nichts hören lassen. Die Zeiten der akuten Agitation, als Bernard Lazare die Campagne gegen Rumänien eröffnete, einen Feldzug, der mit der vollen Niederlage des europäischen „Gewissens" endete, sind vorüber und kein Hahn kräht jetzt nach dem Schicksal der rumänischen Juden. Im Trubel der Ereignisse von Russland vergisst man die ruhigeren, wenn auch nicht minder tragischen Erscheinungen des jüdischen Lebens in Rumänien. Denn wenn die Ungewissheit schwer zu ertragen ist, um wieviel schwerer und peinlicher ist eine Gewissheit, wie sie die rumänischen Juden haben, nämlich die, dass ihnen nichts bevorsteht, däss sie in einem „konstitutionellen" Lande nicht einmal die legalen Mittel besitzen, sich zu verteidigen, ihre Interessen zu fördern. In einem konstitutionellen Lande ist der einzige Weg, etwas durchzusetzen, die parlamentarische Aktion. Jede Klasse oder Interessengruppe wird von einer gewissen Anzahl von Abgeordneter im Parlament vertreten. Sie bilden dort eine Partei, mit der die Regierung rechnen muss, die verlangen kann und ihre Forderungen oft durchzusetzen weiss. Die Juden in Rumänien sind diese? Mittels gänzlich beraubt. In der allgemeinen Misere de< parlamentarischen Lebens im Bojarenlande kann keine wirklich fei