Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 3 9 Ist das die Hilfe? Und was wird der Erfolg sein? Angenommen wir haben die Kolonie gegründet. Wie und in welcher Weise würde diese Kolonie das Schicksal der übrigen Judenheit beeinflussen? Welchen Einfluss würde sie auf die politische, ökonomische und soziale Stellung der Juden haben? Durch eine autonome Kolonie können wir keinen direkten Einfluss in politischen Fragen gewinnen. Weder Australien, noch Süd-Afrika, noch Kanada, so gross sie auch sind, geben den Ausschlag bei der britischen Regierung, wenn es sich um grosse Reichsfragen handelt. Diese stehen immer im Vordergrund. Glauben Sie nun, dass unser auswärtiges Amt sich von den Wünschen einer entlegenen jüdischen Kolonie bewegen lassen würde? Wir Zionisten werden Träumer genannt, aber unsere Freunde, die Territorialisten, sind Nachtwandler. Sie gehen auf Häusergiebeln, neben Abgrundrändern, unbewusst einer geheimnissvollen Macht gehorchend. Sie haben kein Geld, sie haben keine Menschen, kein Land, keine Aussichten, keinen klaren Plan, kein Judentum, berühren nicht im Entfernsten — und das ist das Wichtigste von allem — sogar unter den günstigsten Bedingungen das einzige Problem, das sie lösen wollen, das Ende des jetzigen Elends und die Vorbeugung künftiger Stürme für unser Volk. Nun ist es unsere Pflicht, sie zu erwecken und zu fragen: Wohin geht ihr? Was tut ihr? Traget ihr bei zur riebung der Massen? Wo ist denn das nationale Bewusstsein? Wo ist unsere Hoffnung für die Zukunft? Aber wie steht's um Palästina? Sind denn dort nicht dieselben Schwierigkeiten vorhanden? Die Frage ist falsch gestellt, i nsere Ziele sind verschieden, unsere Mittel sind verschieden, und auch die Resultate, die wir erzielen werden, sind verschieden, unser Ziel ist ein nationales; es geht dahin, das ganze jüdische Volk zu einer Nation zusammenzuschliessen, das jüdische Bewusstsein und die jüdische Solidarität zu heben und zu stärken, uns von der Vormundschaft der Reichen zu befreien und aus eigener Kraft gerettet zu werden. Wir hängen nicht von grossen A\assen ab, und die Schwierigkeiten in Palästina tragen bloss einen politischen Charakter. Sie können viel leichter behoben werden, als diejenigen, die sich uns in den Weg stellen, wenn wir eine Lösung der ökonomischen Frage anstreben. Eine viel kleineie Siedlung der Juden in Palästina würde für den Moment genügen, um alles, was ich meine, dass wir anstreben sollen, der Ausführung näherzubringen. . . . Alles steht vor uns offen, und wenn wir einmal in Palästina sein werden, so werden wir auf den grossen Heeresstrassen des Welthandels und der Weltindustrie und im Zentrum des politischen Lebens stehen. Dann haben wir in unseren Händen den Schlüssel der grossen Routen, die vom Osten nach dem Westen, vom Süden nach dem Norden führen, — Europa, Asien und Afrika begegnen sich da. Wir sind da am Tore des Suezkanals, und der indische Ozean umspült das Hinterland. Unsere Stimme wird dann eine mächtige sein. Von dort aus können wir zum Schutze unseres Volkes in den Ländern ihrer Zerstreuung beitragen und es weithin bemerkbar machen, dass wir ein nationales Zentrum haben, das seine Stimme erheben könnte zum Schutze rechtlicher Ansprüche, — eine Notwendigkeit, die wir nie so sehr gefühlt haben wie jetzt. Während wir hier sprechen, ist im Zeitglas der englischen Freiheit der Sand schon fast abgelaufen. Die Fahne der Freiheit ist gesenkt worden, und längs der Häfen von England wird die gelbe Flagge der Quarantaine aufgezogen. Ja, es ist eine Schmach! Und die Schmach falle auf unsere jüdischen Mitbürger, die sich nicht gepanzert und geharnischt haben gegen jede Möglichkeit der Durchführung solcher Bills. Und die Schmach falle auf die, die ihre Stimme einem Konservativen geben! Der Zionismus hat immerhin diesen Anspruch bei unserem Volke, dass er die Juden ihren Wert als nationale Einheit gelehrt und den Weg gebahnt hat für das erste jüdische Parlament. Die Saat, die in unsere Herzen gesät wurde, hat neue Kraft und jüdischen Mannesmut in uns gelegt, für uns einzustehen, für unsere Rechte und unsere Freiheit zu kämpfen. POLITISCHE REVUE In „Algeciras el chedhra", in dem Maurenstädtchen Algeciras. der jnsej« Algeciras, zwischen Europa und Afrika gelegen, tagt ein Kongress. Europa ist reformdurstig. Man muss Marokko reformieren, coüte que coüte. Und da jeder Staat in Europa, der Zivilisation genug besitzt, der in seinem eigenen Heim;lies in bester Ordnung hat, sich berufen fühlte, seine überschüssigen ivilisatorischen Säfte dem armen Marokko zu geben, so entstand :n Wettstreit, ein Wettrennen in der politischen Welt. Es flogen Ministerien, es regnete Erklärungen, es flatterten Weiss-, Gelb- und Glaublicher, man witterte Krieg und Menschenblut. Und endlich 1 iTsammelten sich die „weisesten" Köpfe Europas, die Diplomaten» zu Algeciras und entscheiden über die zukünftigen Geschicke des Scherifflandes. Wie rührend! Spanien, das verarnt, verdorrt, innerlich zerfressen ist, Russland, das Blutgespenst, der Welt, haben ihre Sorgen vergessen, und denken nur an das Glück der Mauren, wollen unbedingt dem muselm ännischcn Maghsen seine Herrschaft sichern. Der Muselmann lächelt wahrscheinlich und sagt: „Kismet" — so ist geschrieben! Man wird über die Reform Marokkos reden. Wird man dort auch einer brennenden Präge, gedenken, der marokkanischen Juden? Es ist überflüssig, auf die Schilderung des Elends der dortigen Juden einzugehen. Es wird wohl genügen, wenn wir sagen werden, dass das Leben der Juden in Russland ein Eden ist im Vergleich zum Leben in den „Mellahs" (Judenghetti) von Fez und Marraquesch. Man hat von Spanien aus — und der in der letzten Zeit in jüdischen Kreisen bekannt gewordene Senator A. Pulido hat die Initiative ergriffen — den Wunsch ausgesprochen, die Juden von Marokko, die spanischer Herkunft sind und „spaniolisch" reden, unter den Schutz von Spanien zu bringen, um in ihnen einen Rückhalt und politischen Stützpunkt Zugewinnen. Der „Imparcial" brachte neulich die Meldung, die deutsche Regierung habe versprochen, bei der Konferenz von Algeciras für die Juden einzutreten. Aber das deutsche Amt des Auswärtigen hat sich beeilt^ diese Zumutung sofort zurückzuweisen. Es hat übrigens auch ohnedies kein Mensch an die Intervention Deutschlands in dieser Frage geglaubt. Wer wird denn soviel Interesse an dem Schicksal der marokkanischen Juden haben? Wird es wiederum England sein, wie es auf dem Kongress von 1879 in Berlin auf die Gleichberechtigung der Juden in Rumänien gedrungen hat? Aber wir haben jetzt keinen Disraeli mehr. Sir Nicholson, der englische Delegierte, ist ein Diplomat, der sich um solche Kleinigkeiten wie die Judenfrage nicht kümmert. Und wenn auch diese oder jene europäische Macht, so z. B. Italien, dessen Vertreter auf der Konferenz, Herrn V i s c o n t i-Ve n o st a, von zionistischer Seite diese Frage ans Herz gelegt wurde, zu der Judenfrage in Marokko in einem für die Juden günstigen Sinne Stellung nehmen wollte, was wird es nützen? Rumänien ist ein lebendes Beispiel. — Vestigia terrent. — Wir haben von einem selbständigen Marokko für die Juden wohl nicht viel zu erwarten. Ein abhängiges Marokko aber wird die Konferenz von Algeciras nicht zulassen. „Alliance Israelite Universelle*. Doch die Judenfrage in Marokko hat auch eine andere, nicht minder interessante Seite — es ist die Stellung der Juden selbst, besonders aber der auswärtigen, der westeuropäischen. Arme Begründer der „Alliance Israelite"! Sie haben sicherlich nicht dazu ihre grossartige Stiftung ins Leben gerufen, um unjüdische, ausserhalb der jüdischen Interessensphären liegende Angelegenheiten zu fördern. Die Alliance ist nicht dazu geschaffen worden, um eine „Alliance frangaise", sondern nur, um eben eine „Alliance Israelite Universelle", ein jüdischer Weltbund zu sein. Es war ein Traum der ersten Begründer der Alliance, aber es hat nicht sollen sein. Die Alliance ist im Laufe der Zeit eine französische Propagandaanstalt geworden. Sie hat sich redlich Mühe gegeben,