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Die Welt · 1906-01-19 · 3 (19.1.1906) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No.3 DIE^ELT 11 fortschrittliche Partei Wurzel fassen. Es ist keine Interessenpolitik, die dort gemacht wird, sondern eine Personenpolitik. Und unter dieser Wirtschaft leiden die Juden, müssen infolge der bestehenden Verhältnisse leiden. In Rumänien sind alle gewöhnlichen Begriffe auf den Kopf gestellt. In der ganzen Welt sind die Konservativen die Rückschrittlichen, die Liberalen die Vorwärtspartei. In Rumänien ist das Gegenteil der Fall. Liberale, Junimisten und Konservative, die Anhänger der Herren Sturdza, Carp oder Cantacuzino, alle diese politisierenden Advokaten, benutzen diese ihre Parteinamen nur als Deckmantel ihrer persönlichen Eitelkeiten undTascheninteressen. Aber in Einem kommen sie überein — in der Judenfrage. Diese ist für alle Parteien — sogar für die bereits verschwundene Partei der rumänischen Sozialdemokraten, mit Herrn Nadejda an der Spitze — ein im Voraus gegebenes, undiskutierbares Dogma. Die Juden sind und bleiben entrechtet. Ministerien kommen und Ministerien gehen, — die Judenfrage in Rumänien steht fest. Als im vorigen Jahre das liberale — eine rumänische Bezeichnung für reaktionär-antisemitisch — Kabinett des alten Dem. Sturdza, der gegen die Juden soviel gesündigt hat, gefallen war, da haben sich die Juden vom neuen „konservativen" Ministerium Cantacuzino-Take Jonescu u. s. w. verschiedene Hoffnungen gemacht. Natürlich hat das Ministerium sich beeilt, die Hoffnungen gründlich zu zerstören. Eine der letzten Grosstaten der rumänischen Regierung wurde vor einigen Tagen in allen Zeitungen berichtet: Neun rumänische Juden wurden aus Rumänien ausgewiesen, die sich angeblich des Wuchers schuldig gemacht haben. Die Anklage erstattete der Sohn eines reichen rumänischen Arztes. Dieser junge Rumäne, der nicht mehr minderjährig ist, hat sich zugleich einer Wechselfälschung schuldig gemacht. Daraufhin hat er die Juden angezeigt, und sie wurden ohne weiteres ausgewiesen. Der Wechselfälscher natürlich blieb unbestraft. In Rumänien nimmt man es nicht so genau, wenn es sich um Rumänen handelt. Hiezu berichtet man Jer „Frankfurter Zeitung": „Von den 9 ausgewiesenen Juden sind 8 rumänische Untertanen, die alle in Rumänien geboren sind, und von denen manche ■.uch der Militärpflicht Genüge geleistet haben. Es sind darunter : eute, die gar keine andere Sprache beherrschen als die rumänische. sind in Bukarest ansässig, 1 in Bakau. 8 von den Ausgewiesenen ind nicht einmal gerichtlich beanstandet vorden. Der Grund der Ausweisung wird nicht angegeben, wie aber manche rumänische Leitungen behaupten, soll die Ausweisung vermutlich wegen Wuchers rfolgt sein. Die Ausgewiesenen wurden bis zur Grenze geführt, nid dort wurden ihnen sämtliche Papiere wie Geburtsschein und 'ass abgenommen. Was sind nun die in Rumänien geborenen üid erzogenen Juden, welche sämtlich Steuer zahlen und sogar ler Militärpflicht Genüge leisten? Rumänien stellt ihnen Pässe ms, dass sie rumänische Untertanen sind, und betrachtet sie loch als Fremde, da bekanntlich nur Fremde ausgewiesen werden •önnen. Im Berliner Vertrage vom Jahre 1878 wurde Rumänien erpflichtet, die rumänischen Juden mit den übrigen Rumänen gleichzustellen, allein Rumänien entzog sich dieser Verpflichtung, ndem es erklärte, dass jedem einzelnen Juden die Naturalisation rteilt werden müsste. Seitdem sind vielleicht im ganzen 300 ■!uden naturalisiert worden. Was soll nun mit den ausgewiesenen aiden, die meist auch mittellos sind, geschehen? Welcher Staat vird sie ohne regelrechte Papiere aufnehmen und schützen? Die iberale Partei hat sich gehütet, die Juden auszuweisen, weil sie die Hidenfrage nicht aufrühren wollte, und von den Konservativen uitte man es ebenfalls nicht erwartet. Für das Ausland bedeuten olche willkürliche Ausweisungen eine gewisse Gefahr, da man sich it der Kreditgewährung nach Rumänien an dortige Juden, in Ten Händen hauptsächlich der Handel liegt, sehr in Acht nehmen ■nuss. Durch eine Ausweisung kann das ganze Vermögen des Beeffenden über Nacht vernichtet werden. Die in Rumänien anässigen Juden sind mit Recht über das Vorgehen der Regierung itrüstet, und da Gerüchte zirkulieren, dass noch weitere Ausweisungen bevorstehen, herrscht grosse Besorgnis, die vielfach zur usbeutung und Bedrohung der Juden benutzt wird." Wer kann die rumänische Regierung zwingen, die Judenlage u bessern? Doch nicht Europa! Was ist dem „europäischen >ewissentt die Judenfrage, was ist ihm Hekuba? Können es etwa die reichen Juden in Westeuropa bewerkstellen? Können sie die rumänische Regierung zwingen, indem sie ihr die Mittel, die sie braucht, um ihre ruinöse Misswirtschaft nach innen wie nach aussen weiter zu treiben, verweigern? Aber die Regierung steht ja nicht im Gegensatz zum Volk in dieser Frage! Wenn man ein solches Menschenmaterial hat wie Rumänien, ist es keine schwere Aufgabe, Antisemitismus zu pflanzen. Und Jassy ist gar nicht so weit von Kischinew. Die rumänische Judenfrage ist ein ernstes Problem. Und man kann immer wieder befürchten, dass es akut wird. In einem Lande, wo nicht einmal eine Konstitution hilft — was kann da helfen? Die Judenkurfe. Unter diesem Titel bringt die „Allgemeine Zeitung des Judentums" in ihrer letzten Nummer einen Leitartikel, dessen Schlussfolgerungen lauten: „Das fehlte noch, dass derartige Schlagworte die ohnedies so schwierigen Verhältnisse der Juden in den gemischtsprachigen Ländern Oesterreichs noch mehr in Verwirrung bringen. Es ist hoch an der Zeit, dass aus den Kreisen, die der gleichen Ansicht sind, bald diesen Phantasien, die auf politischem Boden nur Unheil anstiften können, ein deutlicher Absagebrief geschrieben wird." Es ist ebenso seltsam, dass dieser Notschrei aus Berlin kommt, wie es fraglich ist, dass er an seine Adresse gelangen wird, zumal die überwiegende Mehrheit der jüdischen Blätter Oesterreichs, ohne die Parole der „Allg. Ztg." abzuwarten, mit aller Energie für die „phantastische" Judenkurie eingetreten ist. Da kommt also Berlin einmal um einen Tag später als Oesterreich, dessen Erbfehler das sonst bekanntlich ist. Aber nicht nur mit ihrem Kriegsruf hat sich die „Allg.-Ztg." — 70. Jahrgang — verspätet, sie hat offenbar auch sonst ein gutes Stück Zeit verschlafen. Unn nun, unsanft geweckt, reibt sie sich die Augen und verkündet in der Grossvätersprache Lehren der Weisheit einer Generation, die diese Sprache nicht versteht, indes die alte Generation in ihrem Phlegma es kaum über sich bringt, für einen Augenblick zuzuhören. Wahrhaftig, es ist ein recht armseliges Handwerk, in diesen Tagen den Juden zuzurufen: 1. Ihr seid nur eine Religionsgemeinschaft. 2. Was Ihr über Eure „religiösen nnd rituellen Bedürfnisse" (o, du frommes Berlin!) hinaus fordert, bedeutet die Wiederherstellung des Ghettos, und im übrigen habt ihr Euch 3. den Völkern, in deren Mitte Ihr lebt, anzugliedern"! Das sind die drei Worte inhaltsschwer, die wir ebenso in Sperrschrift hierhergesetzt nahen» wie es die „Allg. Ztgtt tat, damit nicht etwa eines von ihnen der Aufmerksamkeit der ketzerischen Fnkel entgehe. Bläst da nicht in der Nähe ein Nachtwächter? „Hört, Ihr Leutchen, und lasst Euch sagen, die Uhr hat zwölf geschlagen. Vermachet Fenster, Feuer, Licht, damit kein Unglück nicht geschieht." Wirklich, es ist Zeit für die alten Herren, die sich vor Luft, Licht und Feuer fürchten, schlafen zu gehen! Die „Frankfurter Zeitung" schrieb, wie wir in der letzten Nummer ausführlich berichteten, dass infolge Korruption und Wahlschwindels nur solche jüdische Vertreter in Galizien gewählt wurden, die die Politik der Polen unterstützten, und dass auf diese Weise die Juden, 11 Prozent der Bevölkerung, jedes Schutzes beraubt waren. Die „Allg. Ztg." muss auch etwas davon läuten gehört haben. Sie drückt das aber vornehm aus: „Ueber die jüdischen Abgeordneten ist ein mehr staatsmännisches Verhalten gekommen, — sie gaben sich nicht zu erkennen." Aber das ist ja schliesslich auch etwas wie eine Fesstellung. Und was folgert sie daraus? Zunächst die drei Leitsätze (siehe oben!), die sie mit dem Abgeordneten Byk teilt und die sie als „schlagende und überzeugende Argumente" bezeichnet, und dann die Notwendigkeit, ihre Stimme zu Gunsten der österreichischen Juden mit den Worten zu erheben, die wir im Anfang wiedergegeben haben. Es gibt ein anmutiges Märchen von den zwei alten Weibern, die sich solange Erinnerungen aus ihrer Jugend erzählten, bis sie, ohne dass sie es merkten, vom ersten Schnee, der ins Land kam,

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