Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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8 DIE LT No.3 darüber zu diskutieren. Anstatt einer Antwort scheinen jetzt zwei Antworten der jüdischen Welt gegeben zu sein, als ob es möglich wäre, mehr als eine einzige wahre zu finden. Da sind unsere Freunde, die Territorialisten, und da sind unsere näheren Freunde die Zionisten, die beide von verschiedenen Standpunkten ausgehen. Jeder der beiden Teile glaubt, er habe die Lösung gefunden, und ich glaube, dass allein wir, die Zionisten, die Lösung, die einzig mögliche, gefunden haben. Aber Sie werden mich fragen: „Wie können Sie das beweisen?u und darauf will ich in kuizen Worten eingehen. Ich gebe gerne zu, dass beinahe jeder Territorialist soviel Interesse an dem Heile unseres Volkes hat wie wir selbst, dass er besorgt ist, Mittel zu finden, die die Wiederholung solcher schrecklichen Ereignisse unmöglich machen würden. Es würde mich schmerzlich berühren, wenn ich vermuten könnte, dass es nur einen einzigen Juden gibt, der seinem Bruder Böses wünscht. Aber zwischen dem Wunsche und seiner Ausführbarkeit liegt ein Abgrund, der uns von den Territorialisten trennt. Die Unterschiede zwischen uns und den Territorialisten sind tief und unüberbrückbar. Wir gehen von zwei verschiedenen Standpunkten aus, die sich gleich parallelen Linien nicht schneiden können. Sie gehen vom rein ökonomischen Prinzipe aus, vom Wunsche, anderen zu helfen, wir vom nationalen Prinzipe, vom Wunsche uns selbst zu helfen. Sie sehen es auf die Armen am Beutel ab, wir auf die, die in der Seele verarmt sind. Für sie ist es die Frage von einem Lande irgendwo in der Welt, für uns ist es die Frage eines Landes, des Landes der gelobten Landes, der Wiege unserer Vergangenheit und der Heimat unserer Zukunft. Sie haben keine Vergangenheit und wollen die Zukunft schaffen. Und darin liegt ihr Grundirrtum und die Unkenntnis des wahren jüdischen Geistes, der allein die Massen bewegt und die Nation begeistert. Auf ihrer Seite steht der Materialismus und die Auslöschung des jüdischen Ideals, auf der unseren die Vergeistigung und die Verwirklichung einer Hoffnung, die das Ideal von Jahrhunderten war. Wollen wir ihr Projekt möglichst ruhig und sachlich prüfen, weil wir ihren guten Absichten glauben, wenn auch ihre Methode eine verfehlte ist. Jedes beliebige Land unter der Sonne oder unter dem A\onde würde ihren Zwecken dienlich sein, so sagen die Territorialisten. Der Territorialismus ist ein Schlafwandler und ein Mondsüchtiger. Angenommen, dass sie irgend einen Platz unter der Sonne oder unter dem Monde bekommen haben, was würde -dann geschehen? Da es die Frage der Rettung einer Nation ist, so dürfte sie nicht auf eine rein ökonomische Basis gestellt werden, aber die Territorialisten stellen sich ausschliesslich auf den ökonomischen Standpunkt. Sie denken nicht daran, wie sie die Wiederholung solcher Massaker vermeiden könnten, sondern wie sie die materielle Lage der Juden in ihrer furchtbaren Not bessern könnten. Aber wenn sie das Land haben werden, was wird dann geschehen? Kann denn jemand ernstlich glauben, dass 5 Millionen Menschen oder sogar 2 Millionen in einer absehbaren Zeit auswandern könnten? Das Volk wird durch sein Elend zu Tode gemartert. Für die hungernden Millionen ist eine Hilfe, die erst nachw zanzig, dreissig oder erst nach fünfzig Jahren Früchte tragen würde, keine Hilfe. Die Ueberführung einer grossen Zahl von Menschen ist eine der schwierigsten und kostspieligsten Unternehmungen, mit der sich je Körperschaften, die sich mit solchen Fragen von derartigen Dimensionen befassen, abgegeben haben. England hat zur Kolonisierung über 100 Jahre gebraucht, trotzdem es im Besitze des Caps und eine Weltmacht war. Wissen Sie, wieviele sich angesiedelt haben? Ich glaube nicht, dass es 200.000 Engländer in ganz Süd-Afrika giebt. Und dasselbe ist auch in Kanada und Australien der Fall, die ungeheuere Landflächen und eine spärliche Einwohnerzahl haben, obwohl die Leute ruhig hingehen können wie nach ihrem eigenen Hause, da es ja das Britische Reich ist. Wieviel Menschen gingen denn freiwillig nach Australien, bevor das Goldfieber ausgebrochen ist und wieviel nach Queensland? Die Statistik dieser Länder zeigt, dass es nur wenige waren, und auch diese kamen aus freien Stücken mit. Geld in ihrer Tasche und vorbereitet für ihre Tätigkeit. Es waren keine ängstlichen Flüchtlinge, keine Arme und keine zur Kolonisation Ungeeignete. Jeden Einzelnen müsste man da unterstützen. Hat jemand schon nachgerechnet, wieviel es kosten würde, einer Familie zur Auswanderung und zur Niederlassung auf einen neuen Boden zu verhelfen? Wir haben zwei Fragen zu beachten: Wenn ein Engländer nach Amerika oder Kanada auswandert, so kommt er aus einem Arbeitsgebiete, in dem er wohl bewandert ist, in ein ähnliches Arbeitsgebiet. Meistens sind es ja Menschen, die vom Ackerbau kommen und zum Ackerbau gehen. Es ist blos eine Aenderung der Stellung und des Ortes. Aber sie ändern nicht ihre Beschäftigung, wenn sie in ein Land kommen, dessen Gewohnheiten, Sprache und Religion ganz die ihrigen sind. Sie gehen nicht in ein fremdes Land, und wenn sie einmal wünschen, als Farmer dahin zu gehen, so tun sie es mit einem wohlgefüllten Geldsack. Steht es nun mit den Juden so und ich spreche jetzt vom Standpunkt der Territorialisten, — dass man erwarten könnte, dass ihre Niederlassung in irgend einem Lande für sie Wohlstand und ein gutes Leben schaffen könnte, und zwar auf möglichst raschem Wege? Wenn der Jude auswandert, so muss er von seinem Aufbruch an unterstützt werden, er muss seine ganze Lebensweise durchwegs ändern. Für ihn ist das Land, wohin er geht, nicht das Land, woher er kommt. Er ist kein Bauer, der in Russland den Boden bestellte, und nun nach Kanada kommt, zur Pflugschar greift und den Boden bearbeitet. Er kommt in ein fremdes Land, mit fremder Zunge und fremden Sitten. Er muss die alte Lebensweise, die er zu Hause geführt hat, aufgeben, sich in neue Verhältnisse hineinleben und während dieses Umbildungsprozesses ernährt und unterstützt werden, und so verfällt er in Abhängigkeit von der Wohltätigkeit des Reichen. Es müssen Jahre vergehen, um eine Siedelung zu irgend welchem Erfolge zü bringen. Es kostet 400 Pf. St., um eine Familie in Argentinien oder Palästina anzusiedeln. Nun frage ich Sie, sind wir im Stande, mit allen Reichtümern, die uns zugeschrieben werden, einem Zehntel der russischen Juden in dieser Weise zu genügen? Und ich frage Sie weiter, sind wir denn als Volk reich? Es gibt wenige reiche Juden, die die Welt verblüffen, aber die Mehrheit ist so arm, wie man nur sein kann. Woher sollen wir nun das Geld für ein so gigantisches Unternehmen bekommen und wie können wir, sogar versehen mit Geldmitteln, so rasch — denn das ist ja das Wesentliche im Territorialismus — ein Land kolonisieren, das noch nicht urbar gemacht wurde? Und dann, wenn wir auch .die grössten Optimisten sein wollten, würde es denn nicht viele Generationen in Anspruch nehmen, bevor wir hundertausend Familien kolonisiert haben werden? Wo ist nun dann die unmittelbare Hilfe, die die ökonomische Misere und das Elend lindern würde? Woher sollen die ungezählten Millionen kommen? Das Geld von Baron Hirsch wäre ein Tropfen im Ozean, es würde kaum zur Gründung einer kleinen Kolonie genügen. Wie sollen sie nun dem Volke helfen, jetzt und hier, wie die Heilsarmee sagt, denn das ist ja dasjenige was sie zubieten beanspruchen? In einem Jahre wird eine Viertel Million Juden geboren, und wenn sie auch tausend Menschen zur Auswanderung verhelfen, wird es nicht im mindesten die rasch nachwachsenden Millionen beeinflussen. Was soll nun die jüdischen Massen anziehen? Ich spreche von den armen und nicht von den reichen russischen Juden. Diese sind wenig an Zahl, überall willkommen und leiden auch nicht allzusehr in Russland selbst. Man sagt uns, sie werden eine Autonomie haben unter der Oberherrschaft einer anderen Regierung. Ist das ein Mittel gegen Armut und Elend? Ist das alles, was die Juden brauchen, dies und nichts anderes? Haben sie schon Wohlstand, Wohlleben, alles, was ihr Herz begehrt, und sehnen sich bloss nach der Befriedigung, einen jüdischen Gouverneur, einen bezahlten Magistrat und jüdische Polizisten zu haben? Oder wollen sie bessere Rechte und Privilegien, als sie das Bürgerrecht des grossen britischen Reiches bietet? Jüdische Beamte, jüdische Verwalter und Polizisten, fürwahr, wir können sie hier haben, aber es wird wohl keinen geben, der besser als der englische Beamte seine Pflicht erfüllen, das Land verwalten würde. Die Territorialisten fühlen die Aussichtslosigkeit ihrer Position und wissen, dass ausser der sehr zweifelhaften Möglichkeit, der momentanen Not zu steuern, nichts von ihnen geboten wird, was die Kolonisten in das neue Land locken würde. Sie versuchen uns zu entschlüpfen, indem sie sagen, dass ein Land bloss dann teuer wird, wenn wir es mit unseren Tränen und unserem Blut getränkt haben, und wenn die Asche der Verblichenen mit dem Staube des Bodens sich vermengt hat. Sie sehe'; also voraus Geschlechter von Elend und schwerer Mühsal, von Opfern an Blut und Tränen, bevor das neue Land den Menschen teuer werden wird. Jst dies das versprochene Dorado, der Hafen und das Asyl, das Zentrum des jüdischen Lebens? Welche Macht wird den gesunkenen Mut heben, welche Traditionen und welcher Enthusiasmus werden das Volk in dem Lande zurückhalten? Wohl nichts anderes als eine Selbsttäuschung, die beim ersten Windhauch verwehen würde, und das Volk würde aus seiner Trance zum Bewusstsein kommen. Was für Garantien haben wir ferner, dass das Land, das wir reich gemacht haben, auch unser bleiben werde, da wir ja nur geduldet werden? Es ist doch nur ein Geschenk, und der Eigentümer kann immer sein Eigentum zurückverlangen. Ich frage Sie und alle Juden, die etwas von jüdischer Geschichte wissen : Gibt es ein Land in der Welt, das wir nicht mit unserem Blute getränkt hätten, wo wir nicht Tag und Nacht zum Wohle und Nutzen des Landes gearbeitet hätten? Und wie hat man es uns vergolten? Sie wollen wiederum jüdische Energie, jüdischen Enthusiasmus, jüdische Sparsamkeit, jüdisches Geld und jüdisches Blut vergeuden für ein Land, aus dem wir wiederum als Fremde verbannt .werden können? Ist das der Weg, um unser Volk zu retten?