Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE^KELT No.3 Tätigkeit zu klein, sodass er mit der Zeit wieder zerfiel. Jetzt stellt die Zeit grössere Aufgaben vor uns, deren Lösung nicht im Bereich der Möglichkeit einzelner Individuen, auch nicht einzelner Vereine und Verbände liegt, sondern für die die Sammlung niler Kräfte der gesamten Judenheit erforderlich ist. Alle diese verstreuten, gesondert wirkenden Kräfte müssen sich jetzt vereinigen, um einen allgemeinen jüdischen Verband zu bilden, und dieser Verband muss die Lösung der Judenfrage zu seinem Programm machen. Mehr als je muss jetzt das jüdische Volk in seiner Gesamtheit die tiefe Wahrheit des Satzes seines alten Weisen erkennen: Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich — und wenn nicht jetzt, wann denn? TERRITORIALISMUS UND ZIONISMUS VON DR. M. GASTER Ich habe die Ehre, Ihnen folgende Resolution vorzulegen: „Diese Massenversammlung der Zionisten spricht ihr Bedauern aus über die jüngst erfolgte Kundgebung hervorragender Mitglieder der Londoner jüdischen Gemeinde, spricht ihre unabänderliche Ueberzeugung aus, das die einzige Lösuug der Judenfrage die Wiedereinsetzung der Juden in Palästina ist und legt es den Mitgliedern des Aktions-Komitees nahe, aktive zionistische Arbeit einzuleiten." Dies sind die Worte der Resolution, die ich kommentieren und befürworten will. Seit meiner letzten Rede, die ich hier vor meiner Reise zum Baseler Kongress gehalten hahe, sind viele Dinge geschehen, unsagbare, entsetzliche, erschütternde. Eine schwarze Wolke hat sich auf unser Volk gelegt, Schreie des Todeskampfes hallten durch die Welt. Das Dunkel wurde durch die Flammen der brennenden -Häuser und brennender Menschen gelichtet, und wir stehen heute trauernd an den Gräbern von tausenden unserer unschuldigen Brüder und Schwestern, die so grausam in den Tod getrieben worden sind. Auch unser zionistisches Leben hat manche merkwürdige Wandlungen durchgemacht. Ich ziehe es vor, auf den letzten Baseler Kongress nicht zurückzukommen, weil es mir peinlich ist, mir die Szenen, die dort vorgekommen sind, ins Gedächtnis zurückzurufen. Wäre nicht der erste Teil der Resolution gewesen, wären nicht dort Dinge vorgekommen, die manchen Leuten eine merkwürdige Vorstellung vom Zionismus gegeben haben, hätten nicht manche Ergebnisse dieser Versammlung zur Schwächung und nicht zur Stärkung unseres jüdischen Bewustseins beigetragen, — ich wäre über diese Ereignisse stillschweigend hinweggegangen, ich hätte einen Vorhang vorgezogen. Ich würde auch nicht auf den Versuch zurückkommen, den manche auf dem Kongress gemacht haben, den Mantel von tierzl an sich zu reissen, bis sie ihn zerfetzt haben — wäre nicht der;Eindruck, der dadurch hervorgerufen wurde, so schlecht, dass manche Leute, die den Zionismus mit den Zionisten verwechseln, kleine Persönlichkeiten vorübergehender Natur mit der grossen überdauernden idee identifizieren, zu dem Schlüsse kamen, der Zionismus läge im Sterben. Und wenn sie an das grosse Problem herantreten, was man mit uuserem unglücklichen Volke anfangen sollte, so reden Me jetzt von Zionismus, wie man von Toten und Verewigten pricht nach dem schönen Prinzip: „De mortuis nil nisi bene", 'ire Kritik aber bewahren sie für den Territoriaiismus. Aber ich üoffe, Ihnen heute beweissen zu können, dass der Zionismus lebt und sich seiner Kraft bewusst ist. Ich bin der Meinung, dass die Selig-Sprecher des Zionismus sich arg verrechnen; der Zionismus ist nicht tot, wird auch nicht sterben, der Territorialismus aber lebt nicht, ist ein totgeborenes Kind. Nachdem die weisen Vorsteher der jüdischen Gemeinde von London über uns ihre Angriffe ergehen Hessen, was haben sie nun ersonnen? Es war ein Schrei der Verzweiflung, den sie zu äussern wussten, nein, noch mehr, es war ein Jammern der Verzweiflung, ein öffentliches Geständnis ihrer totalen Machtlosigkeit, eine Biosstellung ihrer Nacktheit vor der ganzen Welt, weil sie in allen Zeitungen gestehendmussten, dass sie „nicht wissen, was zu tun sei". Das ist ihrer praktischen Weisheit letzter Schluss. Das einzige von ihnen vorgeschlagene Mittel ist das des englischen Schutzmanns", „Gehen Sie weiter, bitte", und zum zweitenmale schon strenger: „Gehen Sie weiter" (schon ohne „bitte"), „Sie verstellen den Weg". Es wäre weiser gewesen, wenn sie dieses Allheilmittel für alle Gebreste des Judentums als ihr tiefstes Geheimnis bewahrt hätten. Aber es ist noch tiefer zu bedauern, dass sie gerade diesen kritischen Moment in unserer Geschichte gewählt haben, um zu zeigen, wie wenig sie das jüdische Problem erfasst haben, da sie Zwietracht säen in einem Augenblicke, Anm. Rede, gehalten in einem Massenmeeting in Leeds, das von der dortigen „Agudath tiazionim Association" einberufen worden war. wo Eintracht nottut. Wir wussten schon seit langem, dass sie machtlos sind und weil wir es wussten, haben wir den Zionismus in Schwung gebracht und ihnen die Antwort gegeben. Aber sie wollten auf unsere Antwort nicht hören. Es fällt mir schwer, meine Volksgenossen zu beschuldigen, aber ich bin sicher, dass die Geschichte sagen wird; Wenn gerade diese Männer, die jetzt aufstehen, ihre Hände in Verzweiflung ringen und fragen: „Was soll man mit den Unglücklichen von Russland anfangen?", sich unseren Reihen angeschlossen hätten, so hätte es kein Kischinew gegeben, so wäre Odessa keine Tatsache geworden, so hätten nicht Millionen von Menschen iu einer unbeschreiblichen Angst leben müssen. Es ist keine Entschuldigung, zu sagen »Wer hätte das voraussehen, wer hätte das vorausagen können?" Die so sprechen sind der Auster gleich, die den Kopf in den Sand steckt und sich in Sicherheit glaubt, wenn sie ihre Verfolger nicht sieht. Sie vergraben sich hinter ihre feuersichern Geldschränke und ihre Hauptbücher und wollen die Zeichen der Zeit nicht sehen, die Sturmsignale nicht hören. Wenn sie nicht auf ihre Kassa- Schränke und ihr Geld, sondern auf ihr Gewissen und Gefühl, auf ihre Solidarität und das jüdische Empfinden Gewicht gelegt hätten, wir hätten nicht heute Nacht dastehen müssen, um unsere Toten zu beweinen, sondern wir wären schon seit Jahren aufgestanden, um unser Volk zu beschützen und ihm eine grosse und glorreiche Heimat zu bereiten. Wer die Geschichte liest, wer Augen hat zu sehen kann es sehen, wenn er will. Es ist nicht meine Gewohnheit, mich selbst, meine Schriften zu zitieren, aber ich kann nicht umhin, auf einen Aufsatz, den ich in der „North- American Review" vor einigen Jahren veröffentlich habe, zu verweisen. Ich habe die Geschichte des jüdischen Lebens im neunzehnten Jahrhundert rekapituliert uud sagte, dass das zwanzigste Jahrhundert im Zeichen der Reaktion, der Verfolgung und des Blutvergiessens eröffnet werde, dass die Gespenster des Mittelalters wieder auferstehen, dass wir vom Geschützt-Werden zum Verfolgt-Werden und weiter noch zum Scheiterhaufen des Märtyrers schreiten. Aber die Leute sagten, ich wäre ein Schwarzseher und übertriebe. Ich wünsche, es wäre so gewesen, und ich wäre von den Ereignissen Lüge gestraft werden. Aber zu gleicher Zeit habe ich den Weg der Rettung vorgezeichnet. Wenn die Nacht am dunkelsten ist, da beginnt ein Lichtstreifen die Welt zu erhellen. In diese Finsternis fiel ein Strahl der Hoffnung, — der Zionismus. Die Herren, die das Manifest*) unterzeichnet haben, hatten weder das eine noch das andere gesehen und nun, überrumpelt von den Ereignissen, klagen sie uns an, anstatt mit uns zu arbeiten. Wir haben vorgeschlagen, Hand in Hand zu arbeiten mit allen Parteirichtungen des Judentums, aber sie stiessen die angebotene Hand zurück und jetzt sagen sie: Was sollen wir tun? Ich habe ihnen gesagt, was sie zuerst tun sollen: Geht hin und weint über Eure Kurzsichtigkeit, über Eure frühere Torheit, und dann kommet und helfet uns! Was nützt es, wenn man die Welt fragt, was sollen wir tun? Das Echo anwortet: Tun! Handeln und nicht weinen! Vereint können wir Berge versetzen, der Verfolgung Einhalt tun, mit dem Gelde, das in Russland ausgegeben wurde, können wir unserem Volke eine sichere Zukunft bereiten, wir können im Namen der Gerechtigkeit, der Menschheit, der grossen Segnungen, die wir den Völkern gebracht haben, fordern, dass sie unser Blut rächen und aufstehen, unser Volk zu schützen. Dann wird die Reihe an uns kommen, zu handeln. Protestieren hilft jetzt nicht mehr. Nicht zum Proteste allein sind wir heute zusammengekommen, wir wollen arbeiten und zu praktischen Beschlüssen gelangen. Wir wissen, was wir tun sollen und deshalb sind wir hergekommen, *) Es handelt sich um das Manifest, das Rothschild, Claude Montefiore und andere Herren gegen den Zionismus und den Territoriaiismus veröffentlicht haben. Anm. d. Red.