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Die Welt · 1906-01-19 · 3 (19.1.1906) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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die Volksvertreter in ihrer Arbeit an den allgemeinen Reichsfragen störten, so wie sie ja immer und überall in Russland nur gestört hätten. Sie waren ja die Feinde Russlands vom alten Regime, und sie sind jetzt die Feinde des neuen Regimes, und gegen diese Ruhestörer muss man den Kampf lediglich verschärfen. Und wenn sich dann auch eine oder mehrere Stimmen zur Verteidigung der Juden erheben werden — was werden sie gegen den geschlossenen Chorus ihrer Gegner ausrichten und vor allem gegen die völlig apathische Gleichgiltigkeit der überwiegenden Majorität? Nehmen wir aber selbst an, das Unglaubliche könne geschehen: die ganze Judenfrage wird mit einem Federstrich erledigt Wird dann damit wirklich das Problem gelöst sein? Selbst in diesem Falle erscheint uns die Hoffnung auf ein zukünftiges friedliches Leben des jüdischen Volkes in Russland sehr vage und zweifelhaft. Die jahrzehntelange Rechtlosigkeit der Juden, sowie der administrative Druck und die Verhetzung der übrigen Bevölkerung haben das russische Volk zu sehr daran gewöhnt, die Juden als Parias zu betrachten, für die das Recht nicht existiert und gegen die jede Gewalt erlaubt ist. Diese Anschauung hat zu tief im Volke Wurzel gefasst, als dass die rein rechtliche Emanzipation der Juden das Verhältnis der Masse zu ihnen sollte bessern können. Und wenn bis in die letzte Zeit hinein die Bewegung gegen die Juden stets einen mehr zufälligen und sporadischen Charakter trug, so hat sie in den furchtbaren Tagen des 18. 23. Oktober sich von so riesiger Dimension gezeigt, sich so weit über das ganze russische Reich verbreitet, dass sie unverwischbare Spuren auf den breiten Volksmassen hinterlassen haben muss. Und bei der Eigenart der Massenpsychologie wird das Resultat nicht etwa das sein, dass Leute, die sich zu den Schandtaten haben mit fortreissen lassen, ihre Uebeltat einsehen und sich Mühe geben, sie wieder gut zu machen, sondern das Gegenteil, dass sie sich noch mehr in ihr Unrecht verbeissen und sich noch feindlicher gegen die Opfer ihrer Gewalttätigkeiten benehmen. Die unschuldigen Opfer erwecken lediglich, statt eines Mitgefühls, neuen Reiz zur Freveltat und Lust, ihnen neue Schläge zu versetzen. So hat dann auch bisher der Antisemitismus in Russland sich immer dann gesteigert, wenn irgendwo ein Progrom stattfand. Dann hat immer die Presse ihre Ausfälle vergröbert und von neuem Krieg gegen die Juden gepredigt; die Gesellschaft wurde feindlicher gestimmt, und die Regierüng verschärfte ihre Repressalien immer dann, wann man meinen sollte, das reine Mitleid mit den unglücklichen Opfern hätte eine Linderung ihres Schicksals bewirken sollen. Und so hat auch jetzt in den Oktobertagen der Antisemitismus eine so starke neue Grundlage erhalten, hat einen so dichten Bodensatz in den untersten Volksschichten gelassen, dass es viele Jahre brauchen wird, bis dieser Hass allmählich zu schwinden beginnen könnte. Dabei möge man sich ja nicht mit dem Gedanken trösten, dass mit den Schrecken des 18.—23. Oktober der Leidenskelch des jüdischen Volkes erschöpft sein müsste; nichts bürgt dafür, dass die Pogrome nicht in einem Jahre, in zwei Jahren und noch, Gott weiss, wie oft, sich wiederholen werden. Andererseits wird, wie jetzt, die Stimmung der Volksmassen, der Regierung und der Intelligenz als genügende Entschuldigung für ihr negatives Verhalten zur Judenfrage dienen. Und diese Berufung auf die Gefühle des Volkes ist ein zu zugkräftiges Mittel, als dass man nicht auch in der Zukunft den Gebrauch davon machen sollte, den man bisher so oft mit Erfolg davon gemacht hat. Wenn also selbst — und das wäre der beste Fall — die Duma die Judenfrage rechtlich aufheben würde, so wäre damit durchaus für die Juden die Gefahr neuer Massacres nicht beseitigt, und nach ,wie vor würden Leben und Eigentum der Juden in ständiger Unsicherheit schweben. Und diese Gefahr und Unsicherheit wird sich natürlich noch ganz wesentlich vergrössern, wenn die Duma die Judenfrage nicht erledigt und dadurch die Juden in derselben rechtlosen Lage wie bisher verbleiben. Die meisten Chancen sind leider für die letztere Möglichkeit, wie oben ausgeführt wurde, dass nämlich die Duma diese ganze Frage offen lässt. * * * So stehen die Aussichten der russischen Juden auf einen Ausweg^ aus der ^jetzigen furchtbaren Lage. Noch nie haben die Juden einen so wichtigen historischen Moment erlebt — einen Augenblick, der so viele ernste Konsequenzen in sich, birgt.;,Wenn die Juden bis jetzt mit ihrer rechtlosen Lage sich abfanden, wenn sie mit teilweisen Erleichterungen zufrieden waren, so werden sie jetzt, nach den durchlebten Gräuelszenen, nach allen von ihnen dargebrachten Opfern, wenn nun das ganze Land die Freiheit bekommt und nur sie allein ausgeschlossen bleiben, diese Schande der Erniedrigung einfach psychisch nicht ertragen können. Materiell sind sie ruiniert, zum grossen Teil dem - Hunger und,;der Armut preisgegeben. Beinahe 300 kleine Städte sind vernichtet, und die. schreckliche Krise im ganzen*Lande richtet noch diejenigen zugrunde, die von der verheerenden Wirkung der, Pogrome unberührt blieben. Fast das ganze Volk besteht nur noch aus Armen und Hungrigen, unter denen die etwas Wohlhabenderen eine kleine Minderheit bilden. Wie während einer Feuersbrunst rennen die Leute herum, wahnsinnig vor Entsetzen und Verwirrung, ohne zu wissen, was sie tun, was sie unternehmen sollen. Die allgemeine Verzweiflung ist das Zeichen des Tages. In diesem wichtigen historischen Augenblick richten sich die Augen aller russischen Juden auf ihre Brüder in Europa und Amerika. Sagt doch auch der Talmud, dass die Eingekerkerten sich selbst nicht befreien können. Die russischen Juden zweifeln nicht an dem Mitgefühl ihrer westlichen Brüder - die grossen Spenden, die nach Kischinew und Hornel und jetzt nach den Oktober- Gräueln aufgebracht wurden, sagen genug. Aber Spenden allein, das ist noch wenig. Die Juden brauchen jetzt Eines noch nötiger als Geld; sie brauchen jetzt die ganze konzentrierte geistige Energie des jüdischen Volkes; um ihnen zu helfen, bedarf es der Zusammenfassung aller seiner psychischen und moralischen Kräfte. Grosse historische Momente stellen auch grosse historische Aufgaben. Und einen solchen Moment erlebt jetzt das Judentum. Jetzt ist die Zeit gekommen, da die Juden aller Länder sich zu einem allgemeinen jüdischen Verband vereinigen und sich ernstlich mit der Lösung der Judenfrage beschäftigen müssen. Schon vor 60 Jahren ist die Notwendigkeit eines solchen Verbandes klar gewesen. Aber im Verhältnis zu den Zielen und Aufgaben, die er sich damals gestellt hatte, war das Feld der

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