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Die Welt · 1906-01-19 · 3 (19.1.1906) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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no.3----------------------------------------------------------die Welt - 5 man nicht, worüber die Verzweiflung grösser sein sollte: über die kannibalischen Instinkte und die Bestialität des ungebändigten Mobs oder über die Teilnahmslosigkeit und Schadenfreude der Mittelklassen und der lokalen sogenannten Intelligenz, die ruhig mitangesehen haben, was rings um sie geschah, und die es für überflüssig erachteten, sich in eine fremde Angelegenheit einzumischen und sogar den unschuldigen Opfern, die unter ihrem Dache Rettung suchten, das Asyl verweigerten und die Unglücklichen mit ihren Frauen und Kindern schonungslos aus ihren Häusern den Klauen wilder Tiere preisgaben. Der einzige Lichtstrahl auf diesem g? ausig-düsteren Hintergrund^war die Stimme des Semstwo-Kongresses n Moskau in den ersten Novembertagen. Nachdem ler Kongress 12 Tage hindurch alle möglichen Fragen debattiert und die verschiedensten Beschlüsse gefasst hatte, nachdem 60 Redner heftig gegen die Verhängung des Kriegszustandes über Polen gesprochen hatten, erinnerte mangsich endlich auch noch der Juden. Die Herren Roditschew und Kowalewski hielten zur Vereidigung der Juden zwei flammende Reden, deren die luden immer " in : Dankbarkeit gedenken werden, da tdelmut und warmes Empfinden aus ihnen sprachen. Der Kongress, durch diese Reden hingerissen, nahm einstimmig eine von den Rednern vorgeschlagene Resolution an, in der er den Juden sein Mitgefühl aussprach und seiner bestimmten Erwartung der baldigen Rechtsgleichheit der Juden mit den andern Bürgern Russlands Ausdruck gab. Nun stehen die Juden vor der grauenvollen Frage: Was weiter? Zugegeben selbst, dass nach allen Wirren und ünruhen die Reichsduma sich versammeln wird. Wird sie endlich^die Judenfrage lösen? Leider müssen wir^bei der eben kurz skizzierten l äge der Juden in der dem Zusammentritte der Reichsluma vorangehenden Phase, in der Periode der sogenannten Freiheitsbewegung, die bejahende Antwort auf iiese Frage sehr bezweifeln. Die Duma wird so viel 'u tun haben, dass sie „keine Zeit" haben wird, sich nit der Judenfrage zu beschäftigen. Hat doch sogar ier Semstwo-Kongress, der im Laufe des Jahres einige \ale . versammelt war, erst in der letzten Session L, ovember, nach zwölftägiger Beratung über andere Mnge endlich einmal die Möglickkeit gefunden, auf diese Frage einzugehen. Was soll man da von einer Reichsduma erwarten, in der mit den Roditschews und Nabokows auch die Suworins und Kruschewans nicht nur zusammensitzen, sondern sogar die Mehrheit bilden werden? In einem Falle wäre die Möglichkeit einer Lösung der Judenfrage noch vorhanden, wenn nämlich die Duma ihre Tätigkeit mit einer Abfassung des Grundgesetzes über die Rechte aller Staatsbürger, einer „declaration des droits de l'homme" begänne. Dann würde mit den anderen grossen Prinzipien des Rechts und der Gerechtigkeit wohl auch das Prinzip der Gleichheit aller vor dem Gesetz verkündet werden, womit im Grunde die Judenfrage beseitigt wäre. Aber auch dann würde die Frage nur prinzipiell gelöst sein, und durchaus nicht auch faktisch, ebenso wie im Manifest vom 17. Oktober alle Freiheiten verkündet wurden, während de facto doch die alten beschränkenden Bestimmungen zum grossen 'eil weiter bestehen blieben. Auch hier werden ganz spezielle Gesetze nötig sein, um dieses listig geflochtene Netz von Beschränkungen zu zerreissen, das seit einem Jahrhundert immer dichter den Juden von der Geburt bis zum Tode auf allen Seiten umspinnt. Wird die Duma dazu genug Energie und Konsequenz haben? Auf ihrer Tagesordnung werden ja so viele Fragen stehen, die ein gewisses Vorrecht beanspruchen werden können. Und so ist es denn wahrscheinlich, dass die Duma sich mit einer Erklärung der Grundrechte nicht befassen, dass sie vielmehr das Manifest vom 17. Oktober als eine solche Erklärung ansehen wird. Darüber, dass dort die kleine Formel von der Gleichheit aller vor dem Gesetz keine Aufnahme gefunden hat, wird man sich kaum sehr beunruhigen; ja einige, vielleicht sogar die Mehrheit, werden sich darüber nicht wenig freuen. Das, was alle anderen brauchen, ist ja gegeben, und was noch nicht gegeben ist, betrifft ja nur einen kleinen Teil der Bevölkerung, gerade 4%. Lohnt es denn, sich deshalb zu beunruhigen? Die Duma wird sich also vorerst mit der Befestigung der im Manifest gegebenen Rechte und Freiheiten beschäftigen, mit der Ausarbeitung neuer Gesetze über die Presse, Vereine und Versammlungen, über die Sicherung der Unantastbarkeit der Persönlichkeit und der bürgerlichen Freiheit, über die Neugestaltung des Reichsrates und des Senates, der zentralen und lokalen Verwaltungsbehörden, über die Reform der lokalen Selbstverwaltung, über den Anteil der Bauern an Grund und Boden, über die Regulierung der Lage der Arbeiter, über Streiks und Arbeiter-Koalitionen, über die Herstellung der Ordnung in den höheren und Mittelschulen usw. usw., wobei ganz unerwähnt sind die laufenden unaufschiebbaren Aufgaben der Prüfung des Budgets, der Einnahmen und Ausgaben des Reiches usw. Alle diese Arbeiten werden die Aufmerksamkeit und die Tätigkeit der Duma so sehr in Anspruch nehmen, nicht nur in der ersten Session, sondern noch weit in die Zukunft hinein, dass sie keine Zeit haben wird, sich mit der Judenfrage zu befassen. Mit diesem :Problem beschäftigt man sich nur dann und stellt es nur*'dann in erster Reihe auf, wenn es sich um neue Beschränkungen handelt; aber wenn von deren Abschaffung die Rede ist, oh, dann bedarf es dazu des geeigneten Augenblicks, besondererStimmung, entsprechender Bedingungen. Wenn also die Duma auch aus lauter Roditschews bestünde, so müssten die Juden doch noch lange warten, bis dieser Moment kommen würde; dauerten doch sogar die Sitzungen des Semstwokongresses ein volles Jahr, bis er sich zu einer Resolution über die Judenfrage aufraffen konnte. Aber die Roditschews werden ja in der Duma nur eine äusserste Minorität bilden, die Mehrheit wird sich aus Indifferenten und aus direkten Judenfeinden von der Partei Suworin & Co. zusammensetzen. Und alle diese Herren werden sich sagen: Was wir wollten, haben wir erreicht, und uns mit ganz abstrakten Prinzipien zu beschäftigen, dazu haben wir jetzt nicht die Zeit. Die Forderung der Juden nach Gleichberechtigung ist ebenso abstrakt wie die Forderung der Autonomie Polens, der Nationalisierung von Grund und Boden usw. — alles Dinge die uns Realpolitiker jetzt unmöglich beschäftigen können, die wir einstweilen gänzlich ignorieren müssen, um uns ausschliesslich um unsere eigenen Angelegenheiten zu kümmern. So werden die Gemässigten von diesen Herren sagen :,^die Eifrigeren aber werden es kaum unterlassen, von der Unverschämtheit dieser Forderungen der Juden zu reden, die nur

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