Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 3 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Und endlich kam der heissersehnte Tag: ein Manifest wurde erlassen, das dem russischen Volke die neue Aera politischer Freiheit ankündigte. Eine Konstitution wurde gegeben, und die verschiedensten Freiheiten und Rechte wurden gewährt oder doch versprochen: Freiheit der Presse, Vereins- und Versammlungsfreiheit, Gewissensfreiheit, Unantastbarkeit der PersönlicliKeit, Teilnahme an der Gesetzgebung. Nur eines wurde nicht gegeben und nicht einmal versprochen: die Gleichheit aller vor dem Recht. Die Juden blieben nach dem Manifest dieselben Parias, die sie vorher waren. Aber die guten Idealisten haben sich auch hier einen Trost gesucht: von der Bureaukratie sei ja die Lösung der Judenfrage ohnedies nicht zu erwarten gewesen, sie habe sich dieser Frage ja schon vor 7 Monaten entledigt und sie der Duma überwiesen; und wenn die Duma zusammentreten werde, wenn sich die gewählten Volksvertreter versammeln werden, dann werden sie zugleich mit der Durchführung aller anderen Freiheiten auch die Freiheit und die Emanzipation der Juden verwirklichen. Der Glaube an die zukünftigen Volksvertreter war stark und felsenfest. Sind doch die Erwählten des Volkes die Hoffnung des ganzen Landes, das Salz der russischen Erde — sind doch auf sie alle Blicke und die Zuversicht aller gerichtet. Wäre denn zu erwarten, dass diese besten Söhne Russlands, zum ersten Mal im Tempel der Freiheit versammelt, um dem russischen Volke den Weg zum neuen Leben zu weisen, ihre Brüder jüdischen Glaubens, die hundertmal mehr als alle anderen Bürger Russlands den Druck der Gewaltherrschaft auf sich lasten fühlten, die mit ihnen um die Freiheit gekämpft haben und für sie in den Tod gegangen sind, vergessen werden? Wäre es denn zu glauben, dass sie einer so unerhörten Widersinnigkeit zustimmen und eine Konstitution bestätigen würden, die nicht auch die Gleichheit aller vor dem Gesetz enthielte, dass sie in einem Atem die Rechtlosigkeit der einen und die Freiheit für die anderen verkünden könnten, um so die neue Verfassung in den Augen der ganzen zivilisierten Welt als eine Spottgeburt erscheinen zu lassen? Allerdings haben diese besten Söhne Russlands während der letzten 20 Jahre hartnäckig geschwiegen, als die empörenden Hetzen gegen die Juden inszeniert wurden, als ein Gesetz nach dem anderen erschien, um die Juden auch ihrer letzten elementarsten Rechte noch zu berauben. Mit keinem einzigen Wort haben sie sich für die Menschenrechte der Juden eingesetzt. Allerdings haben diese besten Söhne Russlands sich auch passiv verhalten, als der entfesselte Mob in Kischinew und Hornel die Juden überfiel und sie Folterqualen und Scheusslichkeiten erdulden Hess, die die ganze Menschheit erschauern machten. Sie haben auch auf diese unerhörten Freveltaten kaum reagiert. Aber die ewigen Idealisten haben sich auch darüber getröstet: die Presse schwieg und verteidigte nur deshalb die Juden nicht, weil sie ja selbst unterdrückt war und den Kopf nicht zu erheben wagte; was Kischinew und Hornel betrifft, so haben ja die „Russkija Wjedomosti"* schliesslich einiges geschrieben, Nabokow aber hat im „Prawo" einen herrlichen Artikel „Blutbad von Kischinew" veröffentlicht, worauf er selbst und seine Wochenschrift sogar bestraft wurden. . . . * Bedeutende liberale Zeitung. Allerdings, als die Freiheitsbewegung bereits offen und energisch eingesetzt hatte und die Gesellschaft schon alle möglichen Forderungen und Resolutionen, bis zur polnischen Autonomie, aufgestellt hatte, wurde von den Juden noch immer nichts erwähnt. Doch auch hier war eine tröstende Antwort bereit; man spricht nicht ausdrücklich von den Juden, weil ihre Gleichberechtigung in der Forderung nach Gleichheit aller ohne Unterschied der Nationalität und des Glaubensbekenntnisses ja mit eingeschlossen sei. Nun aber kamen nach dem 17. Oktober die schrecklichen Tage vom 18 —23. Oktober. An 300 Orten wurden die Juden geplündert, beraubt und ermordet in einer solchen Art und einem Umfang, die alles weit übertrafen, was die jüdische Geschichte bis jetzt gekannt hatte, und die von neuem die ganze Menschheit in Empörung versetzten. Hat etwa jetzt die russische Gesellschaft diese furchtbaren Ereignisse beachtet? Hat sie ihrer Entrüstung und ihrem Entsetzen Ausdruck gegeben in Meetings, Resolutionen, in Spenden zu Gunsten der unschuldigen Opfer? Nein, auch hier haben die Juden eine bittere Enttäuschung erlebt. In den Pogromen und Verfolgungen der Juden wollte man nur einen Teil der allgemeinen Verfolgung der Intelligenz sehen, und darum sprach man in allen Protesten gegen die Polizei und die „Schwarze Bande" nur von den an der Intelligenz begangenen Missetaten und nicht von ermordeten Juden. Und doch waren 99% der Erschlagenen eben nur Juden! Als gleichzeitig mit den Massenmetzeleien der Juden über Polen der Kriegszustand verhängt wurde und in Kronstadt die Matrosenmeuterei ausgebrochen war, wegen deren ein Kriegsgericht zusammentreten sollte, da war des Protestes und des Entrüstungsgeschreis gegen die Verhängung des Kriegszustandes und gegen die Möglichkeit einer strengen Bestrafung der Aufständigen kein Ende. Meetings wurden einberufen, flammende Reden gehalten und Resolutionen gefasst, und der Rat der Arbeiterdeputierten proklamierte gemeinsam mit anderen Organisationen einen Generalstreik. Aber als zur selben Zeit Tausende unschuldiger Männer, Frauen und Kinder von Bestien in Menschengestalt niedergemetzelt und zerfleischt wurden, als dies alles von Polizei und Lokalbehörden nicht nur ruhig zugelassen, sondern sogar unterstützt und geleitet wurde, da hat derselbe Rat der Arbeiterdeputierten, der für Freiheit und soziale Gerechtigkeit kämpft, es nicht für nötig gehalten, auch nur mit einem Protest gegen die Plünderer und Mörder oder wenigstens mit einem Worte des Trostes für die unglücklichen Opfer hervorzutreten, wie wenn das eine fremde Sache wäre, die ihn garnichts anginge. An die Verfolgungen der Bureaukratie, an den Indifferentismus der Intelligenz und das Uebelwollen der höheren und mittleren Klassen sind die Juden schliesslich schon gewöhnt; aber auf die Arbeiter, auf die organisierte Arbeiterschaft hat das jüdische Proletariat doch immer seine Hoffnungen gesetzt, wie auf Brüder im Unglück. Und wo waren denn diese Arbeiter, als arme Juden erschlagen und des letzten Restes ihrer Habe beraubt wurden? Sind sie in jenen Orten zur Verteidigung dieser Armen aufgetreten, wo doch Arbeiter in grosser Zahl vorhanden waren, wie in Odessa, Ekaterinoslaw, Kiew, Rostow etc.? Wenn man die Beschreibungen der Progrome aus dem Munde der unglücklichen Opfer hört, so weiss