Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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No 2. 15 Ihr tut ja nichts Böses damit. — 'S ist ja keine Sünde, nach Mitteln zu suchen, dass man die Bettelarmut los wird. {Steckt Herscheie mit Gewalt einen Zettel zu) Fünfzigtausend Rubel liegen nicht so herum auf der Strasse. Pjessie: Wie werden wir denn wissen, dass wir gewonnen haben? iWasik: A Ihr könnt ruhig sein, ich werd's Euch schon melden. Ich werd' schon aufpassen, ich bekomme ja Prozente davon. Pessie: So? Ihr nehmt was davon herunter? Einen Anteil? So bleiben doch schon nicht mehr ganze fünfzigtausend? Masik: f Nein, behüte! Von Eurem nehm' ich nichts. Ihr bekommt die Fünfzigtausend bis auf den letzten Groschen ausgezahlt. Herscheie: Nehmt mir's nicht übel, guter Freund, Ihr habt mich wirr gemacht. Was soll ich? Mein Gott, was soll ich tun? (Steht ratlos da, den Lotteriezettel in der ffand haltend) Chatzkel: Reb Herscheie, verzeih, ich bin ein einfacher Mensch, ich muss Dir aber sagen, dass der Mann da Recht hat. Was heisst das, du fragst Gott, was Du tun sollst. Meinst Du, es ist ihm wirklich daran gelegen, ob Du den Zettel nimmst oder nicht. Ich denk' mir, Gott, sein Name sei gelobt, ist Gott, und ein Mensch muss ein Mensch sein. Will man einen Zettel nehmen, nimmt man ihn, wenn nicht, nimmt man nicht — aber Gott soll man nicht hineinziehen in solche Sachen. Herscheie: Ich werd' Euch was sagen: Wenn ich, Gott behüte, gewinnen werde, so wird es mir ein Zeichen sein, dass Gott, er sei gelobt, mir im Voraus bezahlt hat für alle Thorarollen, die ich bis zu meinem Tode schreiben werde. Ich werd' alle meine Tage ruhig sitzen und Thorarollen schreiben für die armen Betstuben. Masik: Das wird sich schon finden, wenn Ihr gewonnen haben werdet. Herschele (betrachtet den Zettel): 0, wer könnte das glauben, dass man durch so ein Stückchen Papier ein reicher Mann werden kann! 0, Gott im Himmel, wie gross sind Deine Wunder, grosser, allmächtiger Gott! Pessie (leise zu Herscheie): Herscheie, vielleicht tut Gott ein Wunder und wir bekommen ein Kind. Masik (öffnet seine Brieftasche, ein Goldstück fällt heraus, er geht ein wenig abseits, schreibt etwas auf und spricht dabei): Reb Herscheie, da weiss ich schon ein ander Mittel! Zippe: Onkel, zeigt mir doch ,den schönen Zettel! (Zeigt Mottete den Lotteriezettel) Schau, Mottele! Frei de: Ich versteh nicht, was da zu sehn ist. (Zippe nimmt Mottele den Zettel weg und reisst ihn dabei ein wenig ein) Herscheie (ausser sich): 0, Ihr habt es zerrissen! Dass Euch der Teufel! 0 Gott, straf mich nicht für* solche Rede! Du wirst nur das hören, was ich wirklich hab? sagen wollen: Masik: Ach, nicht schlimm, schadet nichts, wenn es ein wenig eingerissen ist. Ich sage, Reb Herschel, wenn Ihr Kinder haben wollt — Ihr wisst doch, ein ehrlicher Jude soll mit einem kinderlosen Weibe nicht länger als zehn Jahre leben. Hehehe! Ihr gebt Eurem Weib den Scheidebrief und nehmt Eure junge, schöne Nichte! (Weist auf Freide.) F r e i d e: 0, Gott sei mit Euch, was sprecht Ihr da? Weh mir! Wie redet Ihr daher! (Sie bedeckt ihr Gesicht mit der Hand.) Pessie: Was? Wie? (Herscheie wirft einen Blick auf sie, kehrt sich rasch ab. Pessie, zornig, will etwas sagen, erblickt aber plötzlich das Goldstück auf dem Boden. Sie tritt darauf und bleibt stehen, aufgeregt und verwirrt) Masik: Ha! Ha! Ha! Ich mache ja nur Spass! Gute Nacht Euch allen! Es war ja nur Spass. (Zieht den Pelz an) D o b e : Chatzkel, er geht doch schon weg, vielleicht nimmst Du auch so einen Zettel? Wozu sollen sie allein fünfzigtausend haben? Oh! Siehst du, mich beisst's am rechten Aug', ein Zeichen, dass wir schon unsere Sorgen haben werden. (Reibt das linke Auge) Chatzkel: Dobe, gönnst es Ihnen schon nicht? Mag er doch gewinnen! Ob er, ob wir, das ist ganz gleich. Du wirst kein Unglück haben, es beisst Dich ja am linken Aug'! Dobe: Ah, es ist das linke? Da ist's ja ein Zeichen, dass etwas Gutes kommt. Leiser (trunken, singt): Schleicht sich heran und hat schon getan einen guten Zug aus dem vollen Krug. Freidenju, er sagt, Herscheie soll lieber Dich nehmen. Siehst Du, Herscheie, das ist schon ein guter G winn . .. (Singt): Schleicht sich heran und hat schon getan . . . Herscheie: Lieber Vater, sei so gut, geh zu Bett, ich bitte Dich. Leiser: Nein, nein! (singt): Schleicht sich heran und hat schon getan einen guten Zug . . . Herscheie: Sei nicht bös, Vater, ich will, Gott behüte, nicht unehrerbietig sein. Nein, nein, Du sollst keine Beschämung erleiden! (Nimmt ihn auf die Arme und trägt ihn zum Bett.) Leiser (mit den Beinen strampelnd): Nein, nein! Lass mich! (singt): Schleicht sich heran — und hat schon getan . . . Masik: Hahaha! Gute Nacht! ENDE DES ERSTEN AKTES. (Fortsetzung folgt).