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Die Welt · 1906-01-12 · 2 (12.1.1906) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
– (sequence 12)
Language
German
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14- DIEMELT No 2. Euch so einen Zettel und nehm'$ jetzt bei Hersc'hel Euch keine Kopeke, hört Ihr?^Ohne jede Ausgabe bekommt Ihr von mir die^Hoffnung in die Tasche, und in kurzer Zeit werdet Chatzkel: Ihr reich, und anstatt in dieser kalten, finsteren, engen Stube zu wohnen mit den eingeschlagenen Scheiben und zerbrochenen Stühlen, werdet Ihr in einem schönen, warmen, hellen Hause wohnen mit grossen Zimmern, schönen Möbeln, prachtvollen Teppichen auf dem Boden. Schon die Hoffnung allein ist ja was wert. Ohne diesen Zettel könnt Ihr nicht einmal hoffen, einmal den Bettel von Euch abzuwerfen ... Herscheie: Guter Freund, ich nehme meine Hoffnungen nur bei meinem Vater im Himmel, und nur dieser Gewinn ist mein Gewinn. Ich bin zufrieden mit dem, was er mir gibt. Ich soll meine Hoffnungen auf einen papierenen Zettel setzen? Und mein guter, Dobe: allmächtiger Vater im Himmel? Pessie: Masik: Was heisst das, ergibt Euch? Versucht einmal nichts zu tun und Euch auf ihn zu verlassen, dass er Euch was vom Himmel Zippe: herabwirft,ob Ihr nicht Hungers sterben werdet. {Leiser leert heimlich ein Glas) Seht Ihr denn nicht, dass in der Welt nicht der Geld hat, der wartet, sondern der, der Verstand hat, sich selbst was zu nehmen. Ja, unser Mottele: guter, allmächtiger Vater im Himmel gibt Euch Verstand, dass Ihr wie ein Mensch Dobe: lebet. Wenn Ihr aber justament wie ein Lasttier leben wollt, bitte, mit Vergnügen! Frei de: Hahaha! Was glaubt Ihr, Ihr könnt auf ihn hoffen? Meint Ihr, es wird sich ein Wunder ereignen Euch zuliebe? Wunder — gilt Masik: nichts. Wirklichkeit gilt. Was man nicht sieht und nicht begreift, was irgendwo dort oben schwebt, das trägt nichts ein. Ah — seid doch kein Jude! ... Herscheie: Gott sei mit Euch! Ich soll kein Jude sein, Gott behüte? Masik: Ist ja nur Redensart. Ich will sagen, seid doch nicht so ein Starrkopf und nehmt den Zettel. Mein Wort darauf, Ihr gewinnt dadurch fünfzigtausend Rubel, hört Ihr? Fünfzigtausend Rubel ohne Mühe, ohne Plage, ohne Kopfzerbrechen . . . Herscheie: Aber ich bitt' Euch, lasst mich in Frieden! Wie soll ich fünfzigtausend Rubel gewinnen? Bei wem? Wer wird mir so, mir nichts, dir nichts fünfzigtausend Rubel geben? Und dann: Wenn ich das Glück hab' zu gewinnen, so werden doch andere das Geld verlieren Pessie: müssen. Gott behüte, das tu' ich nicht Masik: {Wird nachdenklich) Dobe: Leiser (im Singsang): Ein Reicher lebt ohne Sorgen, er denkt nicht an heut' und an morgen, er Pessie heisst der gute Mann der Stadt, sein Bäuchlein, das ist rund und satt. (Erschrickt) Ich . . . ich wollte sagen, Herscheie, wenn das Geld, das gewonnen wird, von Kaisers Kasse gezahlt wird, was schadet's Dir? Soll sie zahlen! (Geht auf Masik zu) Pst! Nehmt mir's nicht übel, ich wollt'Euch fragen, wie Masik: spät ist's jetzt? e: Und ausserdem, was soll mir soviel Geld? Ich würde gar nicht wissen, was ich damit anfangen sollt'! M?eb Herscheie, nichts für ungut, aber da sprichst Du schon wie ein Kind. Wenn Du das Sümmchen bekommen wirst, wirst Du schon wissen, was Du damit machen sollst. Zum Beispiel, schau! Ich bin ein Weber, mein Mottel ist auch ein Weber. Wir weben einen reinen Talles und verdienen einen schmierigen Groschen. Aber wer verdient? Wer nicht webt. Mit unsern schwieligen Händen holen wir die heissen Kuchen aus dem Feuer. Wer verschlingt sie? Ein Müssiggänger. Warum? Weil wir zu arme Kerle sind! Aber wenn Du Geld hättest, Reb Herscheie, hätten wir schön zu Hause unsere Webstühle gehabt und nicht arbeiten müssen, der Teufel weiss, für wen! Gott behüte jedes jüdische Haus vor ihm! Herscheie, hat man Geld, kann man sich schon Rat schaffen. Wie denn? Kein Geld und Zahnweh dazu, ist das ein Vergnügen? Uns würde man bald neue Kleider kaufen, ich müsst' mir kein Werg in die Schuhlöcher stopfen und Freide würde eine schöne Aussteuer bekommen und schöne Kleider zur Hochzeit. Wenn der Mann mir die Fünfzigtausend angeboten hätte, hätt' ich's gleich genommen. Vielleicht hat der Mann eine leichte Hand. Glück hängt nur von einer leichten Hand ab. Ich brauch' keine schönen Kleider. Der Onkel und wir alle sind immer zufrieden und glücklich gewesen ohne Geld. Er ist nicht glücklich gewesen. Er hat nicht gewusst, was ihm fehlt. Alle die Unglücklichen, die in Armut leben, wären keine so grossen Bettler, wenn sie wüssten, was ihnen fehlt. Wenn sie Besseres verlangt hätten, hätten sie Besseres. Sagt doch selbst: Warum sollt Ihr hungern und frieren und darben? Warum sollen Eure Kinder barfuss und zerrissen herumgehen? Ihr könnt doch fünfzigtausend Rubel gewinnen und bequem leben. Was sag' ich, fünfzigtausend? Ihr wisst doch: Geld jagt nach Geld. Und wenn Ihr nur die Fünfzigtausend haben werdet, so werden sich schon die Tausende von selbst vermehren. Reb Herscheie, wenn Ihr schon für Euch selbst nichts Gutes wünscht, habt doch Mitleid mit dem jungen Blut. Das beginnt doch erst zu leben. Hat er denn nicht Recht? Habt Ihr nur Töchter? Sie ist kinderlos. Gott bewahre alle jüdischen Weiber davor! (sanft) Guter Freund. Gott, er sei gesegnet, hat uns keine Kinder geschenkt. Das sind meine Nichten. Wie Zippe zur Welt gekommen ist, ist meine Schwester gestorben. Freidenju war noch nicht zwei Jahre alt, so ein Knirps war sie. Ich hab sie zu mir genommen und aufgezogen. Nehmt doch, ich bitt Euch, einen Zettel! Ich will jetzt von Euch keinen Groschen dafür.

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