Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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16--DIE NACHRICHTEN Ermordung jüdischer Flüchtlinge an der russich-rumänischen Grenze. Die „Neue Freie Presse" meldet: Bukarest, 4. Januar. Zwei russische jüdische Flüchtlinge denen mangels der nötigen Ausweispapiere die Ueberschreitung der rumänischen Grenze bei Ungheni verwehrt wurde, sind von Kosaken an Pfähle gebunden und verbrannt worden. Weitere Meldungen von der rumänischen Grenze. Die rumänischen Behörden, die bisher alle Flüchtlinge aus Russland ohne Pass eingelassen haben, haben nunmehr jede Erleichterung in dieser Hinsicht rückgängig gemacht, so dass jeder, der nach Rumänien kommen will, einen regelrechten und vom rumänischen Konsul in Odessa visierten Pass haben muss. Der Konsul aber gibt nicht das Visum, solange er nicht die Sicherheit hat, dass der Betreffende nur für eine kurze Zeit sich nach Rumänien begibt. Alle Flüchtlinge, die sich in Jassy und den übrigen rumänischen Städten befinden, haben von der Behörde die Verständigung erhalten, dass sie binnen 30 Tagen das Land verlassen müssen. Eine Anzahl von Flüchtlingen, die bereits jetzt in Jassy angelangt ist, stirbt beinahe vor Hunger und nimmt die Unterstützung der rumänischen Juden in Anspruch. Die Hotels und Logierhäuser sind ebenfalls von Juden der mittleren und reicheren Klasse überfüllt. Hunderte flüchtiger Juden, deren Elend unbeschreiblich ist, da sie bloss ihr nacktes Leben retten konnten, befinden sich an der rumänischen Grenze in Ungheni, ohne Einlass erwirken zu können. . Die rumänischen Behörden konzentrieren wieder ihre Kräfte an der russischen Grenze, da sich hartnäckig das Gerücht erhält, dass ein Judenmassaker in den Tagen der russischen Ostern stattfinden wird und die rumänische Regierung das Übergreifen auf ihren Boden befürchtet. Drei Bataillons Artillerie und mehrere Bataillons Infanterie stehen bereits an der rumänischen Grenze, eine weitere Verstärkung der Grenze soll vom Kriegsminister angeordnet sein. Neue Pogrome. Podwoloczyska, 9. Januar. In Berschad im Gouvernement Podolien fanden während der russischen Feiertage Judenkrawalle statt Die Stadt steht in Flammen. Man schreibt der „Russischen Korrespondenz" aus Odessa: In der letzten Zeit erscheinen in Bessarabien Flugblätter, die einen provokatorischen Charakter tragen. In einigen Bezirken wurden sie unter den Bauern durch die Semsky Natschalniki (Landeshauptleute) verteilt. Die Flugblätter richteten sich hauptsächlich gegen die Revolutionäre, aber die Juden sind selbstverständlich auch nicht unerwähnt geblieben. Die rechtliche Gleichstellung der Juden wird als gefährlich erachtet. Es wird gesagt, dass im letzteren Falle' die Juden sich aller Ländereien, aller Ämter bemächtigen und das russische Volk unterjochen würden. Die Flugblätter werden gleichzeitig in russischer und moldauischer Sprache gedruckt. — Dem Petersburger Berichterstatter der „Russischen Korrespondenz" hat der Senator A. M. Kusminsky, der die Judenhetzen vom Oktober in Odessa untersucht hat, gesagt, dass die Odessaer Polizei nicht nur mit dem Pogrom sympathisierte, sondern auch an ihm aktiv beteiligt war. Der Senator hält es für unmöglich zu sagen, dass die Polizei den Pogrom provoziert hat, aber nur deshalb, weil er nicht gewillt ist, unnötig scharfe Bezeichnungen zu verwenden. Senator Kusminsky hat Fälle festgestellt, wo die Polizei direkt an den Mordtaten und Folterungen teilgenommen hat. , Alle Rangstufen der administrativen Behörde haben gleichmässigerweise nichts gegen die Inszenierung des Progroms getan. Aus eigener /V\achtvollkommenheit hat Senator Kusminsky 42 Polizeibeamte dem Gericht übergeben, davon 4 Pristaws (Aufseher), 7 Pristawgehülfen, 12 Stadtviertelaufseher und 19 Schutzleute. Da aber in Odessa jetzt der Kriegszustand proklamiert ist, so ist es aus „praktischen Rücksichten" nicht möglich, all die Schuldigen sofort vom Dienste zu entfernen. Sie werden vom Stadthauptmann General Grigorjew, der nach, der Versicherung des Senators das Vertrauen der ganzen BevÖlgEU-No.2 kerung geniesst, nach und nach entlassen werden. Was den früheren Stadthauptmann Neidhardt betrifft, so hat der Senator in dessen Handlungen den vollkommenen Bestand eines Verbrechens festgestellt. In diesem Sinne hat der Senator dem Oberprokurator des Senators ein Gutachten vorgelegt, da es ausserhalb seiner eigenen Kompetenz lag, Neidhardt den Gerichten zu übergeben. Der Sultan und die Judenmassaker. Der Sultan Abdul Hamid II hat infolge Vorstellung des Oberrabiners der Türkei Chacham-Baschi Mose Levy ein Dekret erlassen, das seine jüdischen Untertanen ermächtigt, eine Sammlung zu eröffnen zu gunsten der Familien der russischen Juden, die unschuldig massakriert wurden. Der Sultan fügte hinzu: „Ich wünsche selbst mich an diesem humanitären Werke zu beteiligen." Diese Worte haben auf die jüdische Gemeinschaft im Orient einen tiefen Eindruck gemacht. Englische Stimmen über die Massaker. Der neue Premier von England Sir Henry Campbell-Bannermann hat spontan nachstehenden Brief an Zangwill gerichtet: 10, Downing-street, Whitehall, S. W. Ich freue mich, von dem grossen Meeting zu hören, das zu dem Zwecke einberufen werden wird, seine Sympathie mit den russischen Juden auszudrücken und seinen Abscheu gegen die Grausamkeiten, die gegen so viele von ihnen begangen wurden. Ich bin sicher, dass die herzerschütternden! Berichte, die wir erhalten haben, unser Volk auf das Tiefste bewegt haben. Mr. Oswald John Simon, einer der Einberufer der grossen Protestversammlung gegen die Behandlung der Juden in Russland, hatte sich um eine Aeusserung über die Judenfrage an Mr. J. Chamberlain gewendet. Dieser schrieb ihm unter dem 2. Januar wie folgt: „Ich habe ihren Brief vom 1. Januar erhalten. Ich würde es kaum für notwendig gehalten haben, noch einmal meinem tiefen Mitgefühl mit dem jüdischen Volke in seinen Drangsalen Ausdruck zu geben und mein Entsetzen über die Verbrechen auszusprechen, die gegen das jüdische Volk im Zusammenhang mit den Unruhen in Russland verübt wurden. Diese sind ein nicht zu tilgender Flecken auf unserer christlichen Zivilisation, und ich bin überzeugt davon, dass die Regierung die Unterstützung des Volkes dieses Landes finden wird, wenn sie in jeder nur möglichen Weise bei der russischen Regierung Vorstellungen erhebt, die vielleicht geeignet sein könnten, irgendwie eine Wiederholung zu verhindern." Der Brief ist von Mr. Chamberlain persönlich unterzeichnet. Die Verwendung der Milfsgelder 'in Russland. Die Mitteilung der „Kölnischen Zeitung" aus Odessa, dass ein Viertel der Hilfsgelder für die Opfer der Judenhetzen zu Zwecken der Bewaffnung der Sozialrevolutionäre und des „Bund" und zur Anfertigung von Bomben verwendet worden sei, wird vom Vorsitzenden des Frankfurter Hilfskomitees, Herrn Charles Hallgarten, wie folgt berichtigt: „Donnerstag und Freitag der vergangenen Woche hat, wie bekannt, hier eine Konferenz der hervorragenden jüdischen Korporationen über die Behandlung des russischen Hilfswerkes stattgefunden. Bei dieser Gelegenheit waren zwei der Vorsitzenden des Odessaer Hilfskomitees anwesend, und aus deren Berichten konnte entnommen werden, und ich bestätige dies ausdrücklich, dass von all' den Geldern, die in die Hände des dortigen Hilfskomitees gelangen (sowohl aus Russland wie aus Deutschland und dem Auslande überhaupt), keine anderen Ausgaben als die für direkte Unterstützung der von den Unruhen Betroffenen gemacht werden. Es sind durch diese Vermittlung gar keine Summen an den „Bund" gelangt, und keine zur Anfertigung von Bomben verwendet worden, und es ist ganz sicher, dass eine andere Anwendung der Mittel, als die für Hilfszwecke a u sgeschlossen ist." Ein amerikanisch-jüdischer Kongress. Noch vor der Brüsseler Konferenz findet in Amerika eine Konferenz der grossen Organisationen statt, die sich mit der Lage der russischen Juden und geeigneten Massnahmen für die Hilfe beschäftigen wird.