Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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10 DIEMELT No. 2 fü ai g« Sc w Fl V ai. tr ai D ai. G K je ei dt di F si m d; di ai Je G „I IT] V( dt d« hi Pi o : ir>' St tl Z. zi ai ui kl in zi t bi t D f UI t R SC * A 1 kc * dl Juden machen in den Städten Ostgaliziens das Gros der Bevölkerung aus und haben stets mit den Polen zusammengehalten, zusammenhalten müssen. Nicht aus Liebe zu den Polen, sondern infolge der Abhängigkeit von den Polen und der Regierung, die in Galizien mit dem Willen der Polen zusammenfällt, und der Rechtlosigkeit, in der der Jude Galiziens noch heute lebt. Die Juden haben sich in Galizien noch sehr wenig assimiliert. Die vor etwa 40 Jahren einsetzenden Assimilationsbestrebungen haben sehr geringe Resultate gezeitigt, wiewohl die allgemeine Volksbildung sich ganz erheblich entwickelt hat. Die grosse Masse der Juden wollte von einer kulturellen Verschmelzung mit der autochthonen Bevölkerung nichts wissen, während die Intelligenz, die sich anfangs zur Assimilation geneigt zeigte, durch den Antisemitismus der Polen abgestossen wurde. Der Zionismus fand deshalb einen sehr geeigneten Boden, und es gelang ihm, einen grossen Teil der jüdischen Intelligenz, der studierenden Jugend, der Arbeiterklasse und weiterer Bürger kr eise unter seine Fahne zu scharen. Dennoch gingen aus den Wahlen ins Parlament nur solche jüdische Vertreter hervor, die die Politik der Polen unterstützten und dies aus dem Grunde, weil die Regierung, id est der Polenklub, es so haben wollte und weil auch hier Korruption und Wahlschwindel eine nicht unbeträchtliche Rolle spielten. Obgleich also die Polen vielfach den Juden, die 11 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, die Macht im Lande verdanken, wurde diesen dafür nicht der mindeste Dank zuteil. Zu den Landes- und kommunalen Ämtern wurden sie überhaupt nicht zugelassen, zu den staatlichen Ämtern in einem, ganz geringen Masse, und wirtschaftlich wurden sie auf jedem Gebiete durch Gesetze und Willkür in ihrer Entwicklung gestört. Die Vertreter der Juden, die insgesamt dem Polenklub angehörten, konnten nur mit Einwilligung des Polenklubs für ihre unterdrückten Stammesgenossen die Stimme erheben. Auf solche Weise blieben die Juden, die jeder Vertretung entbehrten, des Schutzes beraubt, und es musste oft an Vertreter anderer Abgeordnetengruppen herangetreten werden, um das den Juden geschehene Unrecht vor die Tribüne des Parlaments bringen; zu können. Als nun der ruthenische Abgeordnetenführer Dr. Romanczuk und nach ihm der jüdische Abgeordnete von Czernowitz, Dr. Straucher und der Ruthene von Wassilko gelegentlich der Debatte über die Wahlreform auch die Anerkennung der Juden als Nationalität verlangten, um den Juden die Möglichkeit, Vertreter ins Parlament zu entsenden, die ihnen durch Aufhebung der Städte- und der riandelskammerkurie entzogen wurde, zu geben, ferner aber, um; die Rüthenen vor der Majorisierung durch die Polen und Juden zu schützen, wurde dies von einem Teile der Juden Galiziens mit ■ grosser Begeisterung aufgenommen. Eine grosse, mehrtausendköpfige Versammlung in Wien erklärte sich dafür und viele Kultusrepräsentanzen in Galizien, der Bukowina und auch in Mähren gaben ihre Zustimmung. In Galizien finden unaufhörlich grosse und kleine Versammlungen statt, die sich für eine jüdische Wahlkurie aussprechen." Im Folgenden gibt der Artikel eine Darstellung, der von uns bereits in voriger Nummer ausführlich geschilderten Vorfälle in Lemberg. DIE ALIEN BILL. Das abgetretene konservative Kabinet hat dem englischen Lande und auch den Juden ein schweres Erbe zurückgelassen. Es ist die Alien Bill, die mit dem ersten Januar 1906 in Kraft getreten ist. Die Bedeutung dieser Bill für uns, besonders jetzt, in einer Zeit, da die Auswanderung aus Russland ungeheuer angewachsen ist, brauchen wir nicht erst hervorzuheben. Die neue liberale Regierung hat zwar versprochen, die Bill wesentlich zu mildern. Ihre Abschaffung aber, die von den englischen Juden verlangt wird, steht nicht auf der Plattform der liberalen Partei, die sie bei den neuen Wahlen aufgestellt hat. Wir wollen jedoch mit unserem Urteil noch zurückhalten. Jedenfalls hat die Alien Bill in den wenigen Tagen ihrer Wirksamkeit Unglück genug geschaffen. Die Blätter melden über herzzerreissende Szenen, die sich täglich abspielen, wenn mittellose oder sonstwie den Bedingungen der Alien Bill nicht entsprechende Juden von der Kommission zurückgewiesen werden. Das „Korrespodenzblatt des Centraibureaus für die jüdische Auswanderung* meldet hiezu: Die englischen Einwanderungsbeamten gehen bei der Prüfung der Einwanderer mit einer Strenge vor, die man nicht erwartet hat. Von den Passagieren, die von Hamburg abgingen, wurden bis jetzt unter 42 Juden 11 zurückgewiesen- Von den Passagieren, die über Bremen reisten, sind bis jetzt ebenfalls 11 zurückgewiesen worden. In Rotterdam und Antwerpen prüften die Schiffahrtsgesellschaften die Passagiere sehr rigoros, bevor sie diese an Bord nahmen; daher sind Zurückweisungen der von diesen Städten Kommenden in England seltener gewesen. Die englischen Behörden haben die beteiligten Schiffahrtsgesellschaften wissen lassen, dass sie in Zukunft noch strenger die Bestimmungen des Gesetzes handhaben werden. Infolgedessen weigern sich die Gesellschaften, Passagiere nach England zu buchen, wenn diese nicht folgende Bedingungen erfüllen: Entweder die vom Gesetz verlangten Geldmittel besitzen, oder ein schriftliches Arbeits versprechen eines vertrauenswürdigen englischen Bürgers, oder falls er bei Verwandten oder Freunden Unterkunft finden will, eine Bescheinigung eines englischen Magistrates oder der englischen Polizei oder einer anderen vertrauenswürdigen Persönlichkeit, dass die Verwandten und Freunde auch in der La<?e sind, für sein Unterkommen zu sorgen. Ungelernte Arbeiter sollen ohne die vom Gesetz vorgeschriebenen Geldmittel keinesfalls an Bord genommen werden. Diese Vorsichtsmassregeln der Dampfergesellschaften werden dazu führen, dass die Zurückweisungen in England seltener werden, dafür aber umso häufiger an der Grenze und in den fiafenplätzen. Für mittellose Leute, die keinen Anhalt in England haben, hat England wohl aufgehört, ein Einwanderungsland zu sein. Protestversammlung in London gegen die russischen Judenmassaker. □ London, 9. Januar. Gestern fand in der Queen's tiall eine großartige Protestversammlung statt. Den Vorsitz führte Lord Rothschild. Unter den Anwesenden sah man die bedeutendsten Männer der englischen Aristokratie wie auch des großen englischen Judentums. Es kamen der römischkatholische Erzbischof vonWestminster, der Bischof von Ripon. der Dean von Canterbury, Lord Milner, Lord Glennesk, der Lordmayor von London, die meisten jüdischen Mitglieder des Parlamentes und andere hervorragende Vertreter der Kirche und der Gesellschaft. Es liefen Entschuldigungsbriefe ein und Sympathie-Kundgebungen vom Erzbischof von Canterbury und vom früheren Premier-Minister Sir A. Balfour. Der Letztere schreibt u. A.: «Die Behandlung der jüdischen Büiger seitens der europäischen Völker vom Mittelalter an ist der dunkelste Fleck auf der Geschichte des Christentums. Ich habe ein tiefes Vertrauen, daß der Abschluss dieser entsetzlichen russischen Tragödie den russischen Juden ihr unveräusserliches Recht auf Freiheit, Sicherheit und Gleichberechtigung bringen wird." Lord Rothschild suchte in seiner Eröffnungsrede die Ursachen der Massaker, die in der macchiavellischen Politik der reaktionären Umgebung des Zaren zu finden sind, zu erklären, betonte aber zugleich, dass man die Regierung für die Massaker nicht verantwortlich machen könne. (Wer ist denn die Regierung? Anm. d. Red.) Der Bischof von Ripon schlug darauf folgende Resolution vor: „Die Versammlung äussert ihr Entsetzen und ihre tiefe Entrüstung über die organisierten Massaker in Rusland, die nach der Ansicht aller Engländer ohne Unterschied des Glaubens oder der Parteiangehörigkeit eine Schmach für die Zivilisation und ein Unglück für die Menschheit sind. Die Versammlung spricht ihre tiefe Sympathie mit den Familien der Opfer wie auch mit denen aus, die die Massaker überlebt haben." Diese Resolution, die vom Bischof selbst und von Sir Edward Clarke in hinreissenden Worten verteidigt wurde, ist einstimmig angenommen worden. Eine zweite Resolution wurde von römisch-katholischen Erzbischof von Canterbury eingebracht, die folgenden Wortlaut hatte: „Diese Versammlung giebt der Hoffnung Ausdruck, dass die inneren Wirren, unter denen das russische Reich jetzt leidet, bald zu Ende sein werden, und dass alle russischen Juden ihren christlichen Mitbürgern gleichgestellt werden, was das einzige Mittel wäre, der Wiederholung von Judenhetzen vorzubeugen." Der Erzbischof zitierte unter anderem das Beispiel des Kardinals Manning, der vor 24 Jahren bei ähnlichem Anlass nicht zögerte, die russische Regierung öffentlich der Mitschuld an den Juden-Metzeleien anzuklagen. „Obwohl die Versammling sich dessen bewust sei, dass sie sich in die inneren Angelegenheiten einer fremden Nation einmische, halte sie es für notwendig, in diesem Momente ihre Proteststimme zu erheben, damit die Mächtigen in Rusland ihre Stimme hören". Zur Unterstützung dieser Resolution sprach der frühere Statthalter von Süd-Afrika, Lord Milner, der die politische Bedeutung der Judenmetzeleien hervorhob und zugleich Worte der Anerkennung für die Juden von Süd-Afrika fand. Auch die zweite Resolution wurde ' ■? i: