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Die Welt · 1906-01-12 · 2 (12.1.1906) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Ho. 2---DI El schiedenen Schattierungen unseren fortschrittlichen und radikalen Elementen ein maximales Programm, aber auch ein Minimalprogramm für die sozialistische Partei, die zwecks Erlangung grösserer politischer Reife sich mit uns vereinigen müsste, bis zur Erreichung ihres Minimums. Im Bunde mit den gesündesten Elementen des russischen Volkes, die in der konstitutionell-demokratischen Partei konzentriert sind, und in der künftigen parlamentarischen Staatsordnung das entscheidende Wort führen werden, werden wir unsere bürgerliche und politische Gleichstellung erlangen. Durch die grossangelegte Organisation unserer eigenen Kräfte werden wir unsere Gleichberechtigung, das heisst die faktische Durchführung der uns bereits zuerkannten Rechte, wie auch die Anerkennung unserer nationalen Rechte in Form der autonomen Gemeindeverwaltung und der kulturellen Autonomie anstreben. Wir wissen wohl sehr gut, dass auch nach der Niederwerfung des Regierungs- Antisemitismus uns ein harter Kampf gegen den Antisemitismus der Gesellschaft bevorsteht, und wir unterschätzen nicht diesen Kampf. Aber wir halten die Platform der konstitutionell-demokratischen Partei für ein starkes Bollwerk in diesem Kampfe. Wir stellen nur eine Bedingung, dass die jüdische Gruppe innerhalb dieser Partei eine autonome nationale Organisation bilde, die zur allgemeinen Partei in einem föderativen Verhältnisse stehen soll. Der Grundstein zu dieser Organisation wurde im Frühjahr dieses Jahres (1905) gelegt. Ich spreche vom „Verbände zur Erlangung der gleichen Rente für das jüdische Volk in Russland.u Dieser „Verband", der sich von Anfang an zur Partei der konstitutionellen Demokratie bekannte, hat sich zur Aufgabe gestellt; „Die bürgerlichen, politischen und nationalen Rechte der Juden in ihrem vollen Umfange zu verwirklichen." Es ist die erste jüdische Organisation, die auf ihre Fahne die Forderung der nationalen Rechte neben die der bürgerlich-politischen aufgeschrieben hat. Unter „nationalen Rechten" versteht das vom „Verband" veröffentlichte Programm folgendes; „Die Freiheit der national-kulturellen Selbstbestimmung in allen ihren Formen, und zwar die auf eine breite Basis gestellte Autonomie der Gemeinde, die Freiheit der Sprache und des Schulunterrichtes." Diese kurzen, in zu allgemeiner Form abgefassten Formeln, die auf der präliminaren Organisations-Konferenz des „Verbandes" ausgearbeitet worden sind, sollten auf dem demnächst zusammentretenden „Verbandstag" präzisiert und konkreter formuliert werden. Die Aufgabe der neuen Konferenz soll eine zweifache sein: 1. Die Verwandlung des „Verbandes" in eine jüdisch-politische Organisation, die berufen wäre, für die Gleichberechtigung des jüdischen Volkes zu kämpfen durch die Organisierung der Parlamentswahlen, felT--■-—-:--9 Schaffung einer nationalen Partei in der allgemein-russischen Versammlung der Volksvertreter, Koalition mit den anderen Parteien, und schliesslich durch die Presse und sonstige politische Agitationsmittel. 2. Die Vorbereitung des Bodens zur Schaffung einer parallelen kommunalen autonomen Organisation in der Form eines „Verbandes aller jüdischen Gemeinden in Russland" und dessen Zentral-Organes, des „Waad.", (Landtag) der alle inneren Angelegenheiten der Juden, die der Gemeinde, der Konfession und der Schule verwalten soll, und der berufen se'n wird, das Prinzip unserer national-kulturellen Autonomie zu verwirklichen. Um diese Aufgaben in Tat umzusetzen, muss der „Verband für die Gleichberechtigung" die besten Kräfte des Judentums heranziehen, sein Programm ausdehnen und seine frühere bescheidene Tätigkeit mit einer schöpferischen heissen Kampfarbeit vertauschen. Der Weg ist schon vorgezeichnet: Es ist die Organisation des Judentums in politischer und national-kulturellerfiinsicht. Anmerkung. Wir haben es für nötig erachtet, zur Aufklärung über die jetzige Lage in Russland und zur Information über die herrschenden Strömungen unter dem russischen Judentum, diesen Artikel der zu gleicher Zeit in russischer und hebräischer Sprache erschienen ist, zu veröffentlichen. Es ist der dritte in einer Reihe von Artikeln, die der in der jüdischen Welt bekannte Historiker und Publizist Dubnow unter dem Titel „Die Lehren der schrecklichen Tage" im „Woschod" erscheinen Hess. Es sollte ein Programm- Artikel sein für die Konferenz des „Verbandes der Gleichberechtigung", die am 7. u. 8. Dezember v. J. in Petersburg tagte. Die Erwartungen, die Herr Dubnow hegte, sind noch nicht ganz in Erfüllung gegangen. Die Konferenz, die übrigens sehr spärlich beschickt war, hat gezeigt, dass sie sich noch nicht zur Höhe der Vertreterin des ganzen russischen Judentums emporgearbeitet hat. Es ist dem „Verbände" noch nicht gelungen, die jüdischen Parteien zusammenzuschweissen. Die Bedeutung der Konferenz lag in der Proklamierung der jüdischen Nat i o na 1 politik. Die einzige positive Resolution, die von der Konferenz gefasst wurde, war der Beschluss, eine allrussische jüdisch-nationale konstituierende Versammlung zur Ausarbeitung der jüdischen Politik, einzuberufen. Wir behalten uns vor, auf den Ideengang des geschätzten Verfassers auch in theoretischer Hinsicht genauer einzugehen. D. Red. GALIZIEN UND DIE WAHLREFÖRM. Einen durch seine bemerkenswerte Objektivität ausgezeichneten Artikel über die jüdische Wahlbewegung in Galizien bringt die „Frankfurter Zeitung". Wir wollen nicht unterlassen, hervorzuheben, dass es ein sprechender Beweis für die Fortschritte der zionistischen Politik ist, wenn sie in einem Blatte wie die „Frankfurter Zeitung", die aus ihrem Antizionismus nie ein Hehl gemacht hat, zu ihrem Recht gelangt. Wir lassen nunmehr den Bericht folgen: Lemberg. Die Ankündigung des allgemeinen, gleichen, direkten Wahlrechts durch das Ministerium Gautsch hat unter zwei Bevölkerungsgruppen Galiziens eine besonders erhitzte Bewegung hervorgerufen : unter den Ruthenen und unter den Juden. Unter den Polen herrscht eine geteilte Stimmung. Der rechte Flügel, die Schlachzizen, sieht eine langjährige, dominierende Position im Lande durch das allgemeine Wahlrecht erschüttert und stemmt sich mit dem Mut der Verzweiflung gegen dessen Einführung, während der linke Flügel unter gewissen Modalitäten, wobei die Sicherung der polnischen Präponderanz eine Hauptrolle spielt, für die Einführung des allgemeinen Wahlrechts zu haben wäre. Der ruthenische Bauer aber, der Jahrhunderte hindurch ruhig und still die schwere Herrschaft der Polen ertragen, hat in den letzten Wochen seit der Ankündigung des Projekts eine Lebenskraft bewiesen, die ihm niemand zugetraut hätte. Es verstreicht kein Tag, an dem nicht tausendköpfige Bauernversammlungen abgehalten werden. Man wird die Stimmung begreiflich finden, wenn man bedenkt, dass die Ruthenen etwa 45 Prozent der Bevölkerung ausmachen und dennoch im Parlament und Landtag durch kaum einige Abgeordnete vertreten sind. Das im ganzen Lande darniederliegende Volksschulwesen wird in Ostgalizien, dem Gebiete der Ruthenen noch mehr vernachlässigt. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht werden die Ruthenen von ihren Gutsherren, den Schlachzizen aufs schändlichste ausgebeutet, so dass es nicht Wunder nimmt, wenn sie kulturell und wirtschaftlich stark zurückgeblieben sind. Von der Einführung des allgemeinen Wahlrechts erhoffen sie eine Sanierung dieser trostlosen Verhältnisse und die Möglichkeit, entsprechend ihrer Bevölkerungszahl und Steuerkraft in den gesetzgebenden Körperschaften vertreten zu sein. Bis nun haben nämlich die Polen auch in rein ruthenischen Kreisen, dank der Unterstützung der Juden und den spezifisch galizischen Wahldurchführungen, die Mandate an sich gerissen. Die

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