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Die Welt · 1906-01-12 · 2 (12.1.1906) · page 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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8 D1E'2$B ELT No. 2 fc al g« Sc w Fl V ai. tr at D ai G K je ei di d( Fi „I si in de di ar Je G J in v< d* d* h< Pi £'< se tu Z< 7A ar ut kc in zi bi Di ut 1< sc AI kc cU über neue Juden-Metzeleien,. Die Blätter kommentieren sie nicht mehr, man protestiert nicht mehr, sie stehen sozusagen auf der Tagesordnung. Die russische Regierung tut das Ihrige: Nichts für die Juden, nichts gegen die Pogrome. Sie fürchtet sich auch nicht mehr vor den Protesten der ganzen zivilisierten Welt. Das „schwarze Hundert" sehreitet unentwegt zu seinem Ziele, der Ausrottung der ganzen Judenschaft. Wer weiss, welche Katastrophen dem russischen Judentum noch bevorstehen? Wer wird sie abwenden? NATIONALE POLITIK ODER KLASSENPOITIK. von S. DUBNOW. Wenn ein politisch abhängiges, aber innerlich freies Volk seine eigene Linie in der Politik führen, die möglichst vollkommene Harmonie zwischen seinen nationalen Interessen und den allgemeinstaatlichen erstreben muss, so entsteht die Frage: „Lässt sich die nationale Politik mit der Klassen-Politik vereinigen? Unter einer „Klassenpolitik" verstehen wir nicht den Kampf, der von den arbeitenden Klassen gegen den Kapitalismus geführt wird zum Schutze ihrer rechtmässigen wirtschaftlichen Interessen. Dieser Kampf ist kraft der eisernen Gesetze des Lebens notwendig und wird nicht eher beendet sein, bevor nicht die Rechte der Arbeit in ihrem vollem Umfange anerkannt werden. Dieser Kampf in seinem normalen Verlaufe wird mit Erfolg auf dem Wege der Gewerkschaftsorganisationen und Strikes geführt (England), oder durch die Einwirkung der arbeitenden Klassen auf die Gesetzgebung auf parlamentarischem Wege, vermittelst des allgemeinen Wahlrechtes (Deutschland). Aber die Ideologen und Führer det Arbeiter-Partei verstehen unter „Klassenpolitik" etwas anderes. Ihr Bestreben geht dahin, alle Erscheinungen des politischen und nationalen Lebens unter die Kategorie der Klassen-Interessen, der Wirtschaft zu bringen, das Volk in zwei feindliche, unversöhnliche Teile zu spalten: in Bourgeoisie und Proletariat, die wirtschaftlich getrennt und durch nichts aneinander gebunden wären. Ihr Bestreben geht dahin, den ökonomischen Faktor an die Spitze des geschichtlichen Prozesses zu stellen und ihm die ganze soziale und geistige Entwicklung in ihrer unübersehbaren Mannigfaltigkeit unterzuordnen. Doch es ist hier nicht der Platz, die theoretische Unnahbarkeit der Lehre des „historischen Materialismus" zu beweisen, der freilich besonders viel Anhänger in einem Volke gefunden hat, dessen ganze Geschichte im grellen Wiederspruche zu ihm steht. Aber wie wir uns immer zu einer solchen stellten, eines ist klar: sie negiert jede andere Politik, inklusive die nationale. Unter einer „nationalen Politik" versteht man eine auf die Erhaltung und Entwicklung des gesamten Volkes als eines Ganzen, als einer kulturell-historisch unteilbaren Einheit gerichtete Politik. Sie wird besonders intensiv bei einem Volke, das weder durch ein unabhängiges Territorium noch durch eine eigene staatliche Organitation geschützt ist, und unter anderen politisch stärkeren Nationen eine. Minorität bildet. Sie wird das höchste leitende Kriterium bei einem Volke, zu dem die stärkeren Nachbarn in einem feindlichen Verhältnisse stehen, das als eine fremde nationale Körperschaft unterdrückt und verfolgt wrrd. Das jüdische Volk befindet sich schon seit vielen Jahrhunderten in dieser Lage und wird es noch lange bleiben müssen unter den verschiedenen Graden der Unterdrückung. In Russland haben dieser Druck und die mit ihm verbundenen Fährnisse die grösste Spannung erreicht, die in der modernen Zeit überhaupt möglich ist und hätten folgerichtig eine entsprechende Spannung der nationalen Energie, eine einmütige nationale Politik hervorrufen müssen. Aber was sehen wir in der Wirklichkeit? Anstatt sich in der Politik nach den Interessen der gesammten Nation, der die grösste Gefahr droht, zu richten, zwingt man uns zur Klassenpolitik, die die Gesammtheit auseinander reisst und partielle ökonomische Interessen an deren Stelle setzt. Die Kampfparole: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch", wird von Juden ausgesprochen in einem Momente, da man zur Rettung des Volkes unaufhörlich hätte rufen müssen: „Juden aller Klassen und Parteien, vereinigt euch!" Der doktrinäre ökonomische Monismus hat das Verständnis für den Zusammenhang der Volksinteressen zerstört, das seelische Leben der Menschen verwirrt und das natürliche Gefühl der brüderlichen Solidarität der Mitglieder einer Nation, die mit einem unglaublichen Heldenmut ihren dreitausendjährigen historischen Weg zurückgelegt hat, getötet. Wenn die Klassenpolitik innerhalb einer starken Nation, die vom eisernen Ringe des Territoriums, der Statsorganisation oder sogar der ausgedehnten lokalen Autonomie umschlossen ist, zur Vorherrschaft gelangt, so kann man dies als einen Fehler, eine Einseitigkeit, aber nicht als eine Gefahr für die Intregität der Nation betrachten. Aber wenn diese Politik des Klassenhaders von den arbeitenden Massen eines Volkes befolgt wird, das bloß von kulrurell-nationalen Interessen zusammengehalten wird, und das auf jedem Schritt Gefahr läuft, von den es umgebenden Völkern verschlungen zu werden, so ist dies nicht mehr ein Fehler und eine Einseitigkeit, sondern ein Verbrechen, weil es den Zerfall des Volkes nach sich zieht. Wir sehen z. B., daß die Polen, die durch die Gerneinschaft des Territoriums und der Sprache verbunden sind und für die nächste Zukunft eine lokale politische Autonomie erwarten, vorwiegend eine nationale Politik treiben und vor allem für die Interessen der gesammten Nation eintreten. Dagegen sagen wir Juden, die einer territorialen Einheitlichkeit entbehren, und höchstens auf eine kulturelle, aber nie auf eine politische Autonomie rechnen können, uns von der nationalen Verteidigung los, sogar in dem Momente der höchsten Gefahr, und schicken unsere Kampfscharen in das Lager des allgemeinen Proletariats. Also die Klassenpolitik, wenn sie sich auch mit dem Mäntelchen einer bestimmten Nationalität deckt (z. B. beim „Bund"), kann nicht national sein, da sie notwendigerweise die Interessen des Volkes den Interessen der Klasse zum Opfer bringt. Welche Platform ist nun für den gegebenen Augenblick geboten, mit der die Juden, teilnehmend an der allgemeinen Staatsarbeit nach der revolutionären oder schöpferischen Richtung, systematisch ihre eigene Volkspolitik durchführen könnten.? Diese Platform ist die der politischen Demokratie oder genauer der konstitutionell-demokratischen Partei, der sich alle gesunden und politisch reifen Elemente der russischen Gesellschaft anschliessen. Durch die Ideen-Association, die sich im russischen Judentum im Laufe des letzten Vierteljahrhunderts besonders tief einwurzelte, ist die Vorstellung vom alten autokratisch-polizeilichen Regime unzertrennlich mit der Vorstellung vom verruchtesten Judenhasse, der schmählichen Unterdrückungeines Sechsmillionen-Volkes verbunden. Die Rückkehr zu diesem Regime bedeutet den Untergang unseres Volkes, der Kampf gegen diese Regime und dessen Erbe ist die Bedingung unserer Selbsterhaltung. Die konservativmonarchistische Partei, die wohl bei der „herrschenden Nation44 möglich ist, würde bei den Juden nicht Wurzel fassen können, sie wäre minimal und müsste an Erschöpfung zu Grunde gehen. Nicht bloss kraft unserer dominierenden politischen Stimmung, sondern auch kraft unserer nationalen Interessen müssen wir auf dem Boden der konstitutionellen Demokratie stehen. Diese bietet in ihren ver-

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