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Die Welt · 1906-01-12 · 2 (12.1.1906) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No2. DIEMKE LT 7 betrübende und beschämende, besonders für den, dem die Interessen des gesamten jüdischen Volkes und nicht nur die einzelner Klassen am Herzen liegen, dass in einer so schweren Stunde es manche bundistische Gruppen für taktvoll und angemessen hielten, sich von den anderen jüdischen Organisation fernzuhalten. Aber der „Bund" ist nicht bloss taktlos, erstarrt in seinem Doktrinarismus, sondern auch nicht aufrichtig. Jetzt, sozusagen post festum, bläst er in die grosse Posaune, stellt sich als den einzigen Repräsentanten des jüdischen Volkes dar, lässt von seinen Anwälten im In- und Auslande seinen Mut preisen und verkünden, dass er allein es gewesen, der den Selbstschutz geleitet hat, noch leitet. Das ist mehr als unwahr. Leider ist das die gewohnte Parteipolitik des „Bundes" gegenüber den Zionisten! Aber wir wollen nicht mit dem „Bund" weiter rechten, er ist, unserer Ansicht nach, politisch beinahe auf dem Nullpunkt angelangt. Die russische Revolution und ihre Begleiterscheinungen haben ihm den Lebensnerv unterbunden, er ist der „Dupeur dupe." Deswegen aber darf man ihm doch sein Sünden-Register vorlegen. Wir können jetzt den „Bundismus" mit den Augen des Historikers betrachten, wir sind über die ersten Stadien der Parteikämpfe hinaus, wo man den Splitter im Auge Anderer sieht, den Balken in seinem eigenen nicht sehen will. Der „Bund" hat eine Vergangenheit hinter sich. Er hat in der Umbildung der jüdischen Gesellschaft, im Umgussprozess der jüdischen Lebensformen eine bedeutende, nicht zu verkennende Rolle gespielt. Er hat auch seinerzeit ein tieferes Verständnis für das Wesen der Judenfrage gezeigt, als er sich von der allgemeinen russischen sozialdemokratischen Partei lossagte und autonom wurde. Aber der Vertreter des jüdischen Volkes war er nie. Im Gegenteil, er hat allzu oft die Interessen des jüdischen Volkes hinter denen der Partei zurückgesetzt. Er hat seine Schaar mutig zum Kampfe führen können, er hat die jüdische Jugend vielleicht sterben gelehrt — leben hat er sie nicht gelehrt. In politischen Bewegungen reicht guter Wille nicht aus, und nach Motiven wird nicht gefragt. Die „Bundisten" haben schliesslich einen negativen Erfolg erzielt. Und das müssen wir ihnen vorhalten, sobald sie sich als das ausgeben, was sie nicht sind — als Retter des jüdischen Volkes. tt Der Zionismus beginnt ein sozialer Faktor „Die drei Ismen. zu werden Er wird nicht mehr als eine kleine, unbedeutende, für die Gesamtwelt irrelevante Bewegung betrachtet, sondern als eine historische Tatsache, mit der man rechnen muss. In einem Artikel in der „Nuova Antologia", einer der grössten Zeitschriften Italiens, fanden wir vor kurzem einen Aufsatz des bekannten italienischen Denkers Prof. Chiapelli über den Imperialismus. Und es ist bezeichnend, dass er bei dieser Gelegenheit bei Besprechung einer der wichtigsten politischen Erscheinungen der Gegenwart, auch nicht umhin konnte, des Zionismus zu erwähnen. Es ist erfreulich, dass man unsere Bewegung von einer höheren Warte betrachtet Die Arbeit der Vertiefer, der Ideologen und Theoretiker des Zionismus hat ihre Früchte getragen. In dieser Hinsicht ist eine Äusserung, die wie einem italienischen sozialistischen Blatte „II Tempo" (No. 273) von Mailand, das von Claudio Treves begründet wurde, finden, von grossem Interesse. Es ist ein Aufsatz über die „Krisis im Zionismus", der die Unterschrift „Alfa Lamua" trägt. Die „Krisis" ist die Spaltung der zionistischen Bewegung in „Zionismus" und „Territorialismus". Es ist nicht unsere Absicht, in diesem Zusammenhange die dem Territorialismus günstigen Ansichten, die im zitierten Artikel vertreten sind, zu beurteilen. Aber wir wollen die Methode hervorheben, mit der der Autor an seine Aufgabe herangeht. Er konstatiert das Vorhandensein einer permanenten Krise, eines tiefen Unbehagens im modernen Leben. „Die Menschen haben ihr Gleichgewicht verloren." Und er setzt seine Ausführungen fort: „Ein Reflex der allgemeinen Krise, die alles erschüttert, ist auch an den drei „Ismen" der Gegenwart bemerkbar: an Sozialismus, Zionismus und Positivismus. Es sind drei Tatsachen und drei Bewegungen, verwandt miteinander, verbrüdert durch den gemeinsamen Ursprung: Den Drang nach Erneuerung, der allen Formen der ökonomischen und moralischen Lebenssphären der Kulturwelt innewohnt. Alle drei Bewegungen befinden sich jetzt in einer Periode der inneren Zerklüftung und sind selbst trotz ihrer Bestimmung, die Krankhaftigkeit der Menschen und der Gemüter zu bekämpfen, von der Krankheit des Jahrhunderts infiziert worden. . . . Eine schwere aber heilsame Krankheit ... Die strenge Kritik, die Revision der Grundlehren, welche diese Krise, den drei „Ismen" auferlegt, bewahrt diese vor der Verknöcherung, vor dem Dogmatismus. . . . Freien Menschen gebührt freie Kritik. Und wenn die jetzige Krise eine Steigerung dieser freien Kritik im Gebiete des Sozialismus, Zionismus und Positivismus zur Folge haben wird, so ist sie kein Zeichen der Altersschwäche, sondern des Wachsens. Denn alle drei „Ismen" entsprechen den gegenwärtigen Tendenzen des gesellschaftlichen Lebens. Der Sozialismus den sozialen Tendenzen, — das Streben nach Hebung des Proletariats, — der Zionismus den moralischen, — die Befreiung eines noch teilweise geknechteten Volkes — der Positivismus den intellektuellen — das Streben nach Erlangung der sicheren Wahrheit." . . . Wir können wohl kaum den philosophischen Zusammenhang der drei Bewegungen ganz in Übereinstimmung mit den oben zitierten Sätzen erkennen. Die Frage muss viel tiefer angeschnitten werden. Aber jedenfalls ist die Tatsache bemerkenswert. Es hängt vielleicht von uns selbst ab, auf die Liste der grossen sozialen Erscheinungen zu gelangen. Und wir werden demgemäss Schritt halten müssen. Noblesse oblige. Ein jüdisches Parlament. Wir haben in unserem leitenden Artikel in kurzen Worten auf das eigenartige Projekt der Einberufung eines jüdischen Parlamentes hingewiesen. Es wäre nicht uninteressant, auf dieses etwas grotesk anmutende Projekt an dieser Stelle etwas näher einzugehen. Der Urheber dieses Projektes ist Herr B. I. Belisha aus Manchester. Es zielt dahin, dem jüdischen Volke eine wirkliche ständige Vertretung zu sichern, die die Einheit des jüdischen Volkes wiederherstellen und über alle Angelegenheiten des jüdischen Lebens zu Rate sitzen soll. In diesem Parlamente, das somit die gesamte Nation zu vertreten hätte, sollen alle Parteien Sitz und Stimme haben und sich ihm gewissermassen unterordnen. An der Spitze dieser nationalen Versammlung, die in Paris oder London tagen müsste, und zwar einen ganzen Monat hindurch, soll ein verantwortliches aus 15 Mitgliedern bestehendes, vom Parlamente gewähltes Kabinet stehen. Das sind die Grundzüge des neuen Projektes. Wir brauchen nicht erst darauf hinzuweisen, dass wir als Realpolitiker die Unmöglichkeit eines solchen Parlamentes unter den obwaltenden politischen Umständen erkennen. Einem Parlamente muss eine Exekutive zur Seite stehen, sonst ist auch jeder Beschluss des Parlamentes höchstens ein frommer Wunsch. Diese Exekutive können wir nicht erlangen, solange wir keine nationale Selbständigkeit haben. Aber wir heben den symptomatischen Charakter dieses Projektes hervor. Der Gedanke der Einheit und Selbständigkeit unter den Juden wird immer reifer. Es gibt ein englisches Wort: „Was Lancashire heute denkt, wird England morgen sagen/ Wir hoffen, dass, was heute vereinzelte Juden träumen, vielleicht in der Zukunft unter anderen Umständen Wirklichkeit werden wird- Ein jüdisches Parlament — aber auf jüdischem Boden. Neue Pogrome ^er russ^sc^e nocn n'cnt satt* ^r s * will neue jüdischeHekatomben. Täglich kommen neue Berichte aus dem schwer geprüften südwestlichen Rayon

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