Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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DIEMELT No.2 fi a« g s; w F V a - ti a D a. G K je ei d d F si IT d d a J G IT V d d h P Z S' ti Z z a vi k it z b \j. u R s- A k d und Panslavisten, Stepniak und Katkow, alle waren sie nur von einer Idee beseelt. — Die „Brüderchen",*'die Bulgaren werden gemordet! Diejüdische Jugend von damals blieb hinter den„russischen Brüdern" nicht zurück. Jüdische Volontäre gingen nach Plewna, jüdisches Blut hat den bulgarischen Boden getränkt, und an den Mauern von Plewna steht ein einsames Grab, das Grab von zeitlos gefallenen jüdischen Soldaten.-- Bulgarien ist frei geworden! Aber die Unterdrückten von gestern werden gewöhnlich die Unterdrücker von morgen. „Die Bulgaren sind ein undankbares Volk", hat einmal der russische Kaiser Alexander III. erklärt. Und Alexander von Battenberg musste gehen, weil er sich die russische Oberherrschaft nicht gefallen Jassen wollte. Ja, aber sie sind auch undankbar den Schwachen und Unterdrückten gegenüber, sie sind gefühllos auch gegen die, die in selbstloser Hingebung ihr Blut und ihre Kraft in den Dienst der Befreiung Bulgariens gestellt haben. Sie haben die jüdischen Soldaten von Plewna vergessen .... Freigelassene waren seit jeher grausam. Schon das alte Rom war mit Misstrauen gegen Freigelassene, die „libertini"5 erfüllt. Vielleicht nicht mit Unrecht. Sollen!wir an die Judenhetzen von Lompalanka, die Judenverfolgung, die der bulgarischen Nation auch nicht fremd ist, erinnern? Die Bulgaren haben ihre Geschichte vergessen. Sie haben vergessenden Kaiser von Konstantinopel „Basilios Bulgaroktonos", der 10000 Bulgaren blenden Hess.* Die? Geschichte hatte mit ihnen Mitleid, die Bulgaren haben kein Mitleid für die Gegenwart ..... „Sogar Rumänien" . . . meinte unser Gewährsmann. So arg ist es doch nicht. Rumänien hat schon wieder seine Tore gesperrt. An den Grenzpfählen Rumäniens werden wieder Juden, Flüchtlinge, vonKosaken an den Pfahl gebunden und bei lebendigem Leibe verbrannt. Aber Rumänien sperrt sich zu. Es will doch Rumänien bleiben, seinem Prinzip treu: Nur wir haben Recht auf die Güte anderer, wir aber sind und bleiben „libertini". Der „Bund" und die jüdische Selbstwehr. Es galt heinahe als unverrückbares Dogma bei allen Gegnern und oft sogar Freunden des Zionismus, dass def^Bund" im Gegensatze zu der zionistischen Partei die einzige revolutionierende, fortschrittliche und realpolitische Bewegung sei. Man hat uns seit Jahr und Tag immer und immer wieder den Vorwurf gemacht, dass wir den Absolutismus nie offen bekämpft haben, ja dass wir mit ihm paktierten. In den langen und unfruchtbaren Diskussionen in den heftigen Kämpfen, die zwischen"der zionistischen und der bundistischen Partei geführt wurden, von Mann zu Mann, von Gruppe zu Gruppe, war es die Schlussweisheit der „Bundisten4" gewesen, uns zuzurufen: „Ihr seid Bourgeois! Ihr schliesst stillschweigend einen Vertrag mit dem Absolutismus, Euer Programm geht nicht auf Umwälzung der gegenwärtigen Verhältnisse, vielmehr auf ihre Annerkennung und Billigung hinaus." Und wenn wir den „Bundisten" mit unwiderleglichen Gründen die Unnahbarkeit ihrer Theorie, die Undurchführbarkeit ihrer Pläne, insofern sie auf die Geschicke des jüdischen Volkes Bezug haben, die Unaufrichtigkeit und Inkonsequenz ihrer Behauptungen vorgehalten haben, — dass sie sich als nationale Partei ausgeben und zu gleicher Zeit diese Nation selbst verkennen, ihre Vergangenheit und Gegenwart nicht berücksichtigen und gewaltsam in die Arme der russischen Assimilation drängen, da haben sie keine bessere Antwort gefunden, als sich in die Brust zu werfen und ihre Wunden zu zeigen. Und dabei blieb €s lange. Sie waren die Revolutionäre, wir waren die Bourgeois. "Wir hätten ihnen ja auch damals sagen können, dass dieser Vorwurf uns nicht treffen kann. Wir waren ja keine soziale Partei, sondern eine nationale. Wir haben nicht mit dem Absolutismus offen gekämpft, weil unser Programm über Russland und über die Gegenwart hinausgeht. Unsere Bejahung war die grosse Verneinung. Die „Bundisten" haben die gegenwärtigen Zustände in Russland verneint. Wir sind in unserer Verneinung weiter gegangen, indem wir die Theorie "des „Golus" proklamierten [und das Leben des jüdischen Volkes auf eine neue Grundlage stellen, von neuem aufbauen wollten. Wir waren die tgrossen Häretiker, die radikalen Draufgänger, und weil unser Ziel^ein grösseres war, konnten und durften wir auch der Gegenwart Konzessionen machen. Wenn wir in den ersten Jahren unserer Bewegung gegen die Selbstherrschaft nicht offen Front machten, so war es nicht aus dem Grunde, weil wir mit ihr paktierten oder weil wir feig waren, sondern weil wir erkannten, dass die Interessen des jüdischen Volkes mit den Interessen Russlands sich nicht identifizieren lassen, weil wir eingesehen haben, dass die Opfer, die das jüdische Volk für die Niederwerfung des Zarismus bringt, in keinem Verhältnisse stehen zu dem Ertrage, den die Freiheit in Russland ihm bringen würde . . . . £ Dies und noch anderes konnten wir sagen, aber immer und immer kehrte der alte Refrain der „Bundisten" wieder: „Wir sind die Vorkämpfer des jüdischen Volkes, wir setzen uns jeder Gefahr aus, wir lehren das jüdische Volk, für seine Rechte zu kämpfen und die Schmach der Unterdrückung mit Blut abzuwaschen.*4 Und solange es sich nur um Plänkeleien handelte, um vereinzelte Kämpfe zwischen dem Absolutismus und der Revolution, da waren die „Bundisten" in ihrem Rechte. Aber es rückte die Stunde heran, in der das jüdische Volk notgedrungen in den Kampf hineingezogen wurde, wo ein ungeheures feindliches Land drohend seine Fäuste ballte gegen dieses kleine Volk. Nicht mehr politische Verhaftungen, nicht politische Prozesse, Massenabschlachtungen folgten nun. Die russische Regierung hat beschlossen, dem gesamten jüdischen Volke den Krieg zu erklären, die Sklaven für ihre Ketten, das ganze Volk für die Revolte eines Teiles büssen zu lassen. Es hat mit Kischinew begonnen, es folgten Hornel, Schitomir, grauenvoller denn je wütete der Kampf in den letzten Wochen, ein \ nehrlicher, feiger Kampf von Millionen gegen Tausende, von Mitrailleusen gegen Wehrlose. „Hie Rhodus, hic salta!u hätte man den „Bundisten* zurufen können. Hier war die Gelegenheit geboten zu beweisen, dass sie nicht deshalb jüdisch-nationale Politik trieben, um nur die Revolution in Russland zu fördern, sondern in erster Reihe für die Juden selbst. Sie hätten die Ersten sein müssen, die gegen den Mob mit Waffen in der Hand aufgetreten wären und die jüdische Selbstwehr hätten organisieren sollen. Aber sie waren nicht die Ersten. Die Ersten, die sofort nach Kischinew die Selbstwehr einrichteten, waren erwiesenermasen die Zionisten. Gewiss, die „Bundisten" haben später auch das Prinzip der Selbstwehr anerkannt und mitgetan, und viele aus ihrer Mitte sind gefallen. Aber sie haben nicht immer und überall in den vorderen Reihen gekämpft sogar oft die Tätigkeit der Selbstwehr-Organisation gebremst, da ihre Partei-Interessen ihnen mehr galten, als die Interessen ihres Volkes. So kam es, dass es Zionisten waren, die in vielen Städten in entscheidender Stunde ihr Leben hingaben, um die Ehre ihrer Brüder zu retten, Zionisten aller Schattierungen, besonders aber die von allen Sozialdemokraten so verhöhnten und verspotteten „Poale-Zion", von denen z. B. in Ekaterinoslaw allein über siebzig gefallen sind, und die sogenannten „S. S.u (Zionisten- Sozialisten). Wir verfügen über glaubwürdige Beweise dafür, dass der „Bund" an vielen Orten einer zentralisierenden Tätigkeit der Selbstwehr-Organisation in den Arm fiel und sie paralysierte. In den Städten, wo der „Bund" seine meisten Anhänger zählt, sind allerdings keine Pogrome vorgekommen, aber nicht wegen der schönen Augen des „Bundes", sondern wegen äusserer Umstände und der politischen Konstellation. Dort aber, wo 'jüdisches Blut in Strömen floss, in den Städten Süd-Russlands, im Zentrum, in den zahllosen Städtchen und Flecken, die vom rasenden Mob beinahe dem Boden gleich gemacht wurden, spielen die „Bundisten" kaum eine bedeutende Rolle und haben keinen grossen Einfluss auf die jüdische Bevölkerung. Es ist eine traurige Tatsache, eine