Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 2 5 semitismus sind ja die Deutschen ohnehin Spezialisten. Dieses sind die Worte eines deutschen Professors: „In der Tat haben in allen revolutionären Bewegungen, über deren Verlauf wir hinreichend unterrichtet sind, Agitatoren und Literaten jüdischer Abstammung die Klassenverhetzung systematisch betrieben. Ich bin in der Lage, dies auf Grund von gesammelten Notizen beweisen zu können. Hier würde es zu weit führen. Auch die trostlosen und abschreckenden Vorgänge im heutigen Russland gewinnen unter diesem Gesichtspunkt ein etwas anderes Bild, wie es uns die deutsche Presse gewöhnlich zeigt. Es dürfte bekannt sein, dass die russische Arbeiterschaft und das russische Proletariat, unter denen sich zahlreiche Juden befinden, unter semitischer Führung nur nach einer lang vorbereiteten Wühlarbeit revolutionärer Geheimbünde einen so unversöhnlichen Charakter angenommen hat, dass es schliesslich, wie ich fest überzeugt bin, doch noch dazu kommt, dass die Grossfürstenpartei und die mit ihr verbündete Reaktion wieder die Oberhand gewinnt usw." Nach einer Verwahrung dagegen, als ob es sich bei diesen Ausführungen um antisemitische Regungen handele, wird zusammenfassend nochmals behauptet, „dass das Judentum, wenigstens dasjenige, das neu in der Kulturwelt auftritt, einen bedauerlichen Mangel an historischem Sinn, eine erschreckende Respektlosigkeit vor den bestehenden staatlichen Gewalten und eine ausgesprochene Neigung zu kosmopolitischen Tendenzen aufweist." „Karl Marx ist ein internationaler Verschwörer." Aber das tolle Spiel geht weiter — ganz nach dem Muster der alten Folterkammer. Kaum konnten die hunderttaüsende Opfer ein wenig Luft schöpfen, kaum beginnt sie die werktätige Hilfe ihrer Brüder in andern Ländern ein wenig aufzurichten, dass sie nicht Hungers sterben müssen, und schon sind die grinsenden Henkersknechte zur Stelle: Die Hilfsgelder, so ruft man in die Welt hinaus, sind nicht für die Linderung des Notstandes, sondern zur Unterstützung der sozialen Revolution bestimmt. Ein doppelt vergifteter Pfeil: Das internationale Hilfswerk soll diskreditiert, der Hass gegen die Juden als Anstifter der Revolution noch mehr geschürt werden. Das Spiel setzt sich fort: Die Juden flüchten zu ungezählten Tausenden über die Grenzen Russlands. Nun, sollte man doch glauben, sind es keine Revolutionäre mehr, keine blutdürstigen 9 alles zersetzenden Semiten. Arme, heimatlose Juden sind es, die froh sind, wenn man sie ihres Weges ziehen lässt. Aber das scheint nur so. Diese armen Teufel schleppen in ihrem Bettelsack ein gefährliches Gepäckstück mit: Die Pest. Und es erhebt sich ein angstvolles Geschrei der Wiener Antisemiten, die Behörden mögen alle Mittel ergreifen, um Wien vor dieser „unsauberen Invasion" zu schützen. Und dann geht's weiter: Der arme Teufel rettet sich auf ein Schiff und landeOm englischen Hafen. Hinter ihm liegt Russland mit seinen Pogromen und seiner Revolution, hinter ihm die mitteleuropäische Gehässigkeit, — er will Athem holen, da stösst ihn die Alien Bill wieder aufs Schiff. Zurück, zurück! Das Spiel kann wieder beginnen. Es sind noch immer genug Folterbänke da, die den Ankömmling erwarten. Toller Hexensabbat! Aber lamentieren hilft da nicht. Noch weniger das armselige Flickwerk, zu dem sich die westeuropäischen Juden manchmal entschliessen. Was half s, dass das internationale Hilfskomitee 50 000 Mark bereitstellte zur Verteilung an nichtjüdische [Arbeitslose in Odessa, damit weiteren Pogromen vorgebeugt werde? Hat es verhindert, dass aus eben dieser Stadt verbreitet wurde, die Hilfsgelder für Juden seien, statt den Geschädigten, den Revolutionären übergeben worden? Was hilft's, wenn jetzt diese Nachricht dementiert wird? Das Geld, das man aufwenden müsste, um alle Unzufriedenen in Russland zu sättigen, der Apparat, der nötig wäre, um alle antisemitischen Taten und Worte durch unzählige kleine Mittel zu paralysieren oder zu berichtigen, würden zu ungeheuren Dimensionen anwachsen, und alles wäre doch eitel Verschwendung. Ein Einziges bleibt übrig: Dem Judenhass, all der tragischen Verlogenheit und Verderbtheit, mutig die Stirn zu bieten. Mögen sich die russischen Juden befreien, schützen nach ihrer Kraft, nach ihrem Wissen und Gewissen; ob sie unter blutigen Opfern siegen oder durch die Übermacht fallen, wenn sie im Lande bleiben, wenn sie zu Hunderttausenden wandern werden, — nicht Folterer können ihre Richter sein. — Wir aber haben noch weniger das Recht, der Methode teuflischer Henkersknechte unsere Methode des Rates und der Tat anzupassen. Wer zählt die Namen derer, die einst, umloht von roten Flammen, sterbend ihr „Höre Israel!" zum Himmel schrieen? Auch unser Geschlecht ist nicht klein. Die aber weit wegstehen von den Scheiterhaufen, mögen darauf bedacht sein, dass sie es nicht verkleinern, indem sie es zu schützen glauben. Wenn sie ihm aber beistehen wollen, dann verdient dieses Geschlecht ein Grosses: Die Erhaltung seiner Energie durch grosse Mittel, die Erhaltung seiner Zukunft durch sein Land. F. POLITISCHE REVUE _ . „ u Man sagt: „Grattez le russe, vous Die „ Freigelassenenu. A , . « A. , " ** trouverez un tatare. Aber das gilt nicht bloss für die Russen. Man könnte noch weiter gehen in der Hierarchie* der Staaten und der Völker, auf- und abwärts. Von den Grossen wollen wir jetzt nicht sprechen." Reden wir von den Kleinen, von den Schwachen. Nietzsche hatte Recht: Die Feigheit ist die Moral der Kleinen, der kleinen Menschen und der kleinen Völker. In einem Privatbriefe aus Sofia in Bulgarien schreibt man uns über die unerhörte Gleichmütigkeit, die von der bulgarischen Presse samt und sonders und vom ganzen bulgarischen Volke gegenüber den russischen Greueln an den Tag gelegt wurde. Kein Wort der Sympathie mit den massakrierten Juden lassen die Vertreter der öffentlichen Meinung und der „Kultur" in Bulgarien vernehmen. „Alles ist ruhig auf Schipka." Die grauenerregenden Vorgänge, die eine Totenwelt aus ihrem Grabesschlummer hätten erwecken können, die ihr Echo in der ganzen Welt gefunden haben, — in den Herzen der Bulgaren, dieser slavisierten Ögroaltaier, fanden sie keinen Nachklang. Für sie existierte die Tragödie der Juden nicht. Sogar Rumänien, dieses denervierte, demoralisierte Land der Bojaren, wo weder Gerechtigkeit noch soziales Verständnis sich einbürgern konnten, ja sogar Rumänien, das Land der Griechlinge und der stumpfen Moldawaner hat für einen Moment seine Tore den jüdischen Flüchtlingen geöffnet. Bulgarien, an dessen Spitze Ferdinand der Koburger steht, hat sich verriegelt und will keinen Juden über die Grenze lassen. Ein winziges Ländchen, freigeworden dank der Güte Europas, ein Staat von der Humanität Gnaden, ein Volk, das erst vor 25 Jahren als eine „Rajaherde", als verfluchte „Gjauren" von den Türken behandelt wurde — zeigt, wie tief sein Gefühl und wie hoch sein sittliches Niveau ist. Es war in den Jahren 1876—78. Ein Sturm raste durch Europa. Gladstone, der grosse Humanist, donnerte von der grössten Tribüne Europas gegen die „bulgarischen Greuel", gegen die Grausamkeit der Türken. Und Russland? Ein Weinen ging durch das Land. „Die Brüderchen werden hingeschlachtet!" Alle inneren Streitigkeiten wurden beiseite gelegt, vergessen. Sozialisten