Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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DIE^ELT No.2 fi a. g s. w F V a . ti a D a. G Millionen ohne Rücksicht auf dessen besondere Bedürfnisse lenken — das alles ist die Voraussetzung und erste Stütze der Brüsseler Konferenz. Ihre zweite Funktion wird die Prüfung der Möglichkeiten sein, die das nichtrussische Judentum bieten kann. Es werden Organisationen vertreten sein, die in Hinsicht auf ihre Stärke und ihre Mittel über lange Erfahrung verfügen. Die erste. Zusammenkunft wird das verschwommene Bild, das wir über die Kräfte der aktiven Judenheit haben, erhellen, sie wird vielleicht manche Illussion zerstören, dafür aber reale, praktische Propositionen zeitigen. Wir werden wissen, wie stark oder wie schwach wir im gegenwärtigen kritischen Zeitpunkt sind, was wir tun können, was wir lassen müssen. Das ist die zweite Grundlage der Konferenz. Durch diese zwei Thesen klärt sich sofort die scheinbare Unbestimmtheit der Tagesordnung, sie liefern die natürliche Einteilung der Diskussion. Und nun zur Frage der Kompetenz. Ein Teil der Frage wurde bereits im Vorangehenden erledigt. Die Kompetenz ist gegeben, wenn neben den nichtrussischen Juden auch die russischen Juden zu Rate sitzen werden. Das wird in vollstem Masse der Fall sein, das ist ja, wie oben ausgeführt, die erste Grundlage der Konferenz. Nun käme noch in Betracht, ob die russischen Delegierten auch wirklicheVertreter des Volkes sein werden. Denn während die westeuropäischen Delegierten Repräsentanten ihrer Organisationen sind, müssen die russischen Delegierten Mandatare des Volkes sein, nicht nur der in Parteien und Gruppen organisierten, sondern auch der breiten, unorganisierten Masse. Man hat vereinzelt in Russland die Befürchtung ausgesprochen, dass auch hier nach dem alten System der „Einladungen" nur die „representätive men" eingeladen würden. Diese Befürchtungen sind natürlich grundlos. Das Streben der Einberufer geht dahin, dass alle Teile der jüdischen Bevölkerung Russlands Vertretung und Gehör erhalten. Die Vorbereitungen zur Konferenz schreiten vorwärts. Einige Ablehnungen grösserer Korporationen, so bedauerlich sie sind, haben die Einberufer nicht vom Wege abgelenkt. Lauter a!s ihr eigener Appell spricht das jüdische Leben: Neue Pogrome werden gemeldet, die Not steigert sich ungeheuer, die Auswanderung wächst und wächst, die Grenzen versperren sich. Vielleicht finden wir in Brüssel noch einen Ausweg — vor Torschluss. DAS NACHSPIEL. K je ei d d F » S) n d d a J l G W 1 n 5 V 3 d \ d .1 h | i P 5 8 s< » ti t - \ Z '' a n u;■? || k H;| ir;l z 1 b :] ■ '[ I) u ii '; \;t R d s< A k d W/ ieder geht Lessing's melancholisches Wort durch die Lande: „Der Jude wird verbrannt!" Wird verbrannt? So einfach ist die Prozedur nicht, war sie auch nie. Die normale menschliche Grausamkeit wäre zu wenig grausam, wenn es gilt, Juden zu opfern. In den sogenannten dunklen Tagen des Mittelalters wollten Junker, Pfaff und Volk ihr Spezialpl^ier haben. Wenn's zum Verbrennen kam, dann hüllten sie vorsorglich den ketzerischen Leib in nasse Tücher, dass der Jüd oben auf dem Holze länger brenne und länger schreie- Wenn sie ihn aufs Rad spannten, dann war auch ein Magister oder Doctor da, der dem Gefolterten, wenn eine Ohnmacht über ihn kam, starke Säfte einflösste, zweimal, dreimal so, damit die Marter weitergehen könne, bis der Ketzer seine sündige Seele aushauchte oder sein „Confiteor!" wimmerte. Oder es war noch ein anderer Spass, bei dem das Volk auf der Strasse jauchzte: Ehe sie den Juden zu Tode schleifen Hessen, setzten sie ihn rücklings auf einen Esel, und nun war's eine Freude, das Tier zu reizen, bis es wie toll durch die Strassen lief, und noch possierlicher war's, dem Juden mit Dornenruten den nackten Leib zu schlagen oder ihn mit Stein und Unrat von der Strasse zu bewerfen. . . . Teurer Gotthold Ephraim Lessing, wohl mag, da du an stillen Sommerabenden mit Moses Mendelsohn über edle Menschlichkeit schöne Worte tauschtest, eine Wolke des Unmuts über dein Gesicht gehuscht sein, wenn du deinen klugen, buckligen Freund anblicktest und plötzlich an die Ungeheuerlichkeiten der Inquisition oder der heiligen Judenkriege dachtest und an den grausamen fiass, der auch zu deinen Zeiten lebte, und unwillkürlich flüsterten deine Lippen: „Der Jude wird verbrannt!tt Dann aber, wenn du wieder in den wundervollen Glanz des Abends sahst, die Schönheit und Milde der Natur sich in deiner Seele widerspiegelte, verflogen die Schatten der Vergangenheit, und du bautest mit deinem weisen Nathan eine zukünftige Welt edler Menschen, an die Ihr glaubtet wie an die Sonne, die dort niedersank, um strahlend aufzugehen. Das schlichte, prächtige Märchen von den drei Ringen ist noch immer ein Märchen. — Das Volk aber schreit wie einst: Judaeum et circenses! Die Tschornaja sotnia von heute ist sogar noch raffinierter als der Janhagel von einst. Die Martern, unter denen sie die jüdischen Opfer nicht tötet, sondern langsam zu Tode quält, sind kaltblütig überlegt und grausam organisiert. Im übrigen aber ist's eine ununterbrochene Tradition, von den aediles ludorum und den Grossinquisitoren her, wonach sich der Hooligan aufs Morden, Verbrennen, Schlachten, von Natur aus versteht, und darauf, wie man die Qualen noch steigert, das Opfer noch höhnt, den mit dem Tode Ringenden einen Fusstritt versetzt. Aber es hätte ja noch etwas gefehlt, damit des holdseligen Schwärmers Ringlein ganz entzweibrechen. Für diesen letztem Rest sorgt der gebildete, der politische, der wissenschaftliche Judenhass Europas. Noch ein Fusstritt ist zu versetzen, und es ist ein Wettjagen darum, wer ihn zuerst und wer ihn am besten gibt. Man hat Tausende von Juden erschlagen, Hunderttausende zu Bettlern gemacht — geschieht ihnen recht so: Warum kämpften so viele Juden an der Spitze der Revolution? Der Frage ist ja der Antisemit enthoben, welches Elend einen Teil der Juden in die Revolution trieb, noch überflüssiger ist die Frage, ob diese russische Revolution nicht eine edle und gerechte Sache war. Manchmal erwärmt sich der Antisemit sogar für die russische Revolution — dann erklärt er die Pogrome als Strafe dafür, dass die Juden sich im Hinterhalt versteckten und das revoltierende Volk für ihre Zwecke ausnutzen wollten. In anderer Spielart spricht der vornehmere, der „versteckte" Antisemit: Ja, die Juden waren in furchtbarem Elend, ja, die Juden kämpften wie die Makkabäer. Aber wer zwang sie denn, einer so ungeheuren Gewalt Gewalt entgegenzusetzen? Sie haben der Empörung vorgearbeitet, was wundern sie sich, wenn sich jetzt die Gewalt gegen sie stellt? Warum schwiegen sie nicht nach dem Satze: „Wenn du aber gar nichts hast, Lump, so lasse dich begraben?tt Wenn die Juden ihr nacktes Leben verteidigten, sogar gegen das Militär verteidigen mussten, dann hiess es: Ja, warum reizten sie denn die Soldaten durch Schüsse aus den Häusern? Es ist kein Wunder, dass sich, wie überall, auch hier ein deutscher Professor findet, der dem Ganzen die wissenschaftliche Abrundung gibt. Auf dem Gebiete des wissenschaftlichen Anti-