Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 2 (12.1.1906)
- Date
- 1906-01-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG KÖLN (Deutschland), UBIER RING 23 — ERSCHEINT JEDEN FREITAG — ----REDAKTION: BERTHOLD FEIWEL, A. CORALNIK. -=r.-r-.- —...............- X. JAHRG. KÖLN, 12. Januar 1906 jminS ^nn"K nntfTö Nr. 2. ZUR BRÜSSELER KONFERENZ. Jeder Tag beinahe bringt jetzt neue Beweise für die Berechtigung, für die Notwendigkeit der Brüsseler Konferenz. Die Idee eines einheitlichen Vorgehens in der Behandlung der russisch-jüdischen Frage liegt sozusagen in der Luft. Es ist bezeichnend, dass an verschiedenen Stellen Vorschläge auftauchen, die dem Grundgedanken der Brüsseler Konferenz entsprechen. Wir wollen gar nicht von dem weit ausgreifenden Plane eines englischen Juden sprechen, der einen permanenten jüdischen Weltrat, ein „Jüdisches Parlament" für notwendig und durchführbar hält, einem Plane, der, scheinbar in höchstem Grade bizarr und zu den hergebrachten Anschauungen über Staat und Parlament in krassem Widerspruch stehend, doch vielleicht einmal nicht so ganz phantastisch erscheinen wird. Es gibt realere, aktuellere Projekte, die schon zum Teil ihrer Erfüllung nähergehen, vielleicht sogar in die Brüsseler Konferenz einmünden werden. In Amerika hat dieser Gedanke besonders rasch Boden gewonnen. Die grosszügigen und praktisch veranlagten Amerikaner haben auch da die Bedenken und Hindernisse schneller überwunden als die in politischer Hinsicht konservativeren und weniger unternehmenden europäischen Juden. Derselbe Gedanke, der einst zur Gründung der „Alliance israelite universelle" führte, die einen Zusammenschluss der Juden verschiedener Länder zum Schutze gemeinsamer Interessen proklamierte, tritt jetzt, aber nicht mehr zaghaft und verschwommen, sondern in klaren und den Forderungen der Zeit entsprechenden Formen zutage. So hat sich in San Francisco auf die Anregung Mr. Voorsangers die „International Society for the promotion of Jewish rights" gegründet. Wenngleich wir zur Zeit Umfang und Bedeutung dieser Neugründung nicht abschätzen können, so ist doch die Tatsache allein und die Aufnahme, die ihr von den hervorragendsten jüdischen Blättern, wiez. B. „Jewish Comment", zuteil wird, ein gutes Prognostikon, jedenfalls ein charakteristisches Zeichen. Es wird auch nicht uninteressant sein, an dieser Stelle die Betrachtungen eines amerikanischen Juden im „Jewish Comment" in ihren Schlussfolgerungen wiederzugeben. „Eine einfache „Repräsentanz" („representative men") sagt er, „genügt uns nicht mehr. Wir müssen Führer haben und hinter ihnen treue Scharen. Die Grundlage dessen, was wir für die russischen Juden tun wollen, soll ihr eigener Wunsch sein. Und jede Vereinigung, die ohne genaue Kenntnis ihrer Wünsche gegründet wird, wird nicht vorwärts kommen können." Diese Wünsche, schliesst der Artikel, müssen auf ihre Berechtigung geprüft werden, dann aber ist es die Pflicht aller nichtrussischen Juden, gemeinsam an ihrer Verwirklichnng zu arbeiten. Die Uebeiieitung dieses Gedankenganges auf die Brüsseler Konferenz ist nicht schwer. Was die Konferenz bringen wird, wissen wir noch nicht, es wird von dem Rat und der Einsicht der Delegierten abhängen — die Prämisse wird jedenfalls gegeben sein, d. h. die Möglichkeit einer gründlichen Aussprache zwischen russischen und nichtrussischen Juden. Man legt uns zwei Fragen vor: Was ist das Arbeits-Programm der Konferenz? Wie wollen wir ihr die Kompetenz einer wirklichen Vertreterin der hauptsächlich Interessierten sichern? Die erste Frage stellen zumeist die westeuropäischen jüdischen Organisationen. Ihnen antworten wir, dass naturgemäss die Beratungsgegenstände sich zum grossen Teil aus der Konferenz selbst ergeben werden. Es wäre gegen das Wesen gerade dieser Konferenz, die ein Novum ist, ihr von vornherein ein Programm aufzuoktroyieren, sie in bereits vorgezeichnete Bahnen zu leiten. Es handelt sich zunächst um Rekognoszierung und Absteckung des Terrains: Die russischen Delegierten werden ihren Bericht und ihre Vorschläge unterbreiten. Es war bisher bei den Hilfsaktionen gewöhnlich so, dass man die osteuropäischen Juden patronisierte, dass man die Rechnung ohne den Wirt machte. Der Ernst der Lage, der Umschwung in den äusseren russisch-jüdischen Verhältnissen, die imponierenden Beweise, dass die russische Judenschaft, selbstständig und innerlich frei, keine Patronanz, auch nicht die von Wohltätern, über sich setzen lassen möchte, — die unabweisbare Erkenntnis, dass es unmöglich ist, dass einige wohlwollende reiche Brüder die Geschicke eines Volkes von 6