Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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No.l DIE LT 19 Herscheie: Ich hab' auf dem,-Rückweg Einen getroffen . . . dass sich Gott erbarm! . . . was soll ich viel erzählen? ... Ich habkeine Kopeke mehr. Mottete wird's mir schon verzeihen. Chatzkel: Was meinst Du, Reb Herscheie, bei Mottete hat eine Kopeke einen Wert? So ein tüchtiger Tallisweber! Verdient schon acht bis zehn Rubel monatlich! Dobe: Unberufen, nur nicht bereden, kein böser Geist solFs stören! {Spuckt dreimal aus) Mottele: Ich hab ja gewusst, dass man hier die Mädchen für kleine Kinder hält, so hab' ich ein Trendel *) mitgebracht. Seht her, eine ganze Maschine! (Zieht ein grosses Kreisel hervor) Zippe: Hei, spielen wir wirklich Trendel! {Greift nach dem Kreisel, lässt es laufen) Trrr! Nun, gimmel, schin, he. Ich weiss ganz gut, was das heisst: Ness godol hojo schom.**) „Nun" gewinnt nicht, „Schin" gewinnt nicht, „He" gewinnt nicht, „Gimmel" gewinnt! Nicht wahr, ich weiss es noch ganz gut. Herscheie: Ja, Kinder. Ein grosses Wunder ist dort geschehen, und nur durch Wunder und Zeichen leben wir auf dieser Erde, Gott sei gelobt und gelobt sei sein Name! Dobe: Man sagt, wenn dieChanukalichter in jüdischen Häusern brennen, verkriechen sich die bösen Geister in die finsteren Löcher. Pessie: Ist's denn eine Kleinigkeit? Chanuka! Och, meine Zähne! Leiser: Ja, Chanuka ist ein schönes Fest, Wein und Kuchen, frohe Gast', — man lässt das Trendel laufen . . . (wirft einen Seitenblick auf den Sohn, erschrickt, unterbricht sich) . . . hm, Reb Chatzkel, ich wollt' Euch was fragen, kommt näher! Wisst Ihr nicht, wann Neumond ist? Zippe: Rück näher, Freidenju! Reb Mottel, hast Du Kopeken? Wollen wir spielen! Mottele: Ich hab' nur Grossgeld. Zwei Fünfkopekeiistücke und ein Zehnkopekenstück. Frei de: Ich spiel nicht mit. Ich hab's lieb, dem Onkel zuzuhören, wenn er spricht. Herscheie: Spielt nur, Kinderchen. Seid lustig! Heut haben wir alle Feiertag. Und Ihr, Kinder, wenn Gott, gelobt sei sein Name, wollen wird, sollt vielleicht heute einen doppelten Feiertag . . . Chatzkel: Mottete, der Betrüger, stellt sich taub. Hahaha! Herschele: Ich bedaure nur, dass Pessenju nicht teilnehmen kann an unserer Freude. Die Arme, muss sie gerade heut Zahnweh haben! Vielleicht wirst Du einen Kenner fragen? Dobe: 0, Jeschue Mosche, der Melamed, versteht sich darauf wie Keiner. Für zwei Kopeken schreibt er ein Heilmittel gegen Zahnweh auf ein Ei, und gegen Fieber eins auf drei Mandeln . . . Herscheie: Sei so gut, Pessenju, bewirte doch unsere Gäste! Ich will indes etwas besprechen mit Reb Chatzkel (fierschele uni Chatzkel reden abseits miteinander. Laut:) Vater, sei so gut, *) Kreisel. **) Hebräisch: ein grosses Wunder geschah dort. bemüh Dich her! Ich mein, Reb Chatzkel, es schickt sich nicht, wir sollen ohne ihn etwas verabreden. Es gehört sich doch nicht, wenn ein älterer Mensch in der Stube ist. (Leiser tritt hinzu) Chatzkel: Den Vater ehren ist eine grosse Sache. Aber, nimm mir's nicht übel, ich bin ein einfacher Mensch, hab' einen graden Schädel, wie man sagt, und nach meinem Verstand ist jedes Gericht gut, wenn rnan's nicht übersalzt. Zippe: Freidenju, weisst Du, was sie dort sprechen? 0, Du Betrügerin! Sogar mir klopft schon das Herz! Mottele, setz eine Kopeke ein! (Sie spielen) Mottele: Ich werd' Euch bald alles abgewinnen. Frei de: Ich gewinne ja nie, immer verspiel ich! Pessie (stellt auf den Tisch eine Flasche Wein und Gläser): Vielleicht sprechen die Männer den Segen über den Wein? Dobe (betrachtet genau die Gläser): Gott sei mit Euch, Pessenju! Ihr stellt auf den Tisch ein Glas mit abgesprungenem Rand! Wenn man aus einem solchen Glas trinkt, so können, Gott behüte, die bösen Mächte, — jedes jüdische Haus sollen sie verschonen — Gewalt über uns bekommen. Pessie: Was Ihr nicht sagt! Ich hab's gar nicht gewusst. (Nimmt schnell das Glas weg) Nun, Ihr Männer? Herscheie, vielleicht nimmst Du auch einen Schluck dem Fest zu Ehren? Herscheie: Ja, ja, sie werden schon etwas Wein nehmen. Der Vater — er soll gesund sein — und Du, Reb Chatzkel, ich — nehmt mir's nicht übel — ich bin etwas streng gegen mich. Nicht, weil ich mich, Gott bewahre, vor anderen überheben wili, es ist nur, weil ich mir denke: Solang der Jude im Golus ist, darf er nur ein wenig zum Segensprechen trinken. Vielleicht übersalz' ich's auch, Reb Chatzkel, wie Du sagst, aber es ist ja nichts dabei. Sei so gut, Vater! (führt ihn an den Tisch) Chatzkel: Ich bin ein einfacher Mensch, aber nach meinem Verstände, wenn schon ein Jud einmal einen frohen Tag hat, warum soll er nicht einen Schluck trinken und wenigstens für eine Weile seine Leiden und den Golus vergessen. Warum sollen die Anderen alles haben? Ein Jud darf, Gott behüte, kein Trunkenbold sein, aber dann und wann einen Schluck trinken und die Armut fröhlicher machen, warum denn nicht? Leiser (schenkt sich ein Glas ein, wird munter)!: Schleicht sich heran und hat schon getan einen guten Zug aus dem vollen Krug. (Wirft einen Blick auf den Sohn, erschrickt): Hm, hm, . . . ich meine, auf Euer Wohl! Gott soll Glück geben! (Spricht den Segen und leert hastig das Glas). Chatzkel (nimmt ein Glas): Seit unseren Kinderzeiten waren wir Kameraden, gute Freunde, jetzt werden wir vielleicht mit Gottes Hilfe uns verschwägern. Euer Wohl! [trinkt) Nun, Reb Herscheie, wir trinken, und Du . . . (Fortsetzung folgt).