Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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doch zurück als Nasser. (Hebt die Thoradecke auf) Seht Ihr, er ist schon beim letzten Wort, hat nur noch den heiligen Namen zu schreiben, - so ist er zum Fluss gegangen . . . Chatzkel: Jetzt, bei solcher Kälte, ins Flusswasser! /V\uss ein schönes Vergnügen sein! Reb Leiser, ich glaub, heutigen Tags wird es nicht viele geben, die so ehrliche Juden sind wie Euer Herscheie. (Sie reden leise miteinander, ebenso Dobe und Pessie.) Zi ppe: Motiele, was schweigt Ihr? Redet doch was? Mottele: Ich weiss nicht,' was ich sagen könnt', ich bin doch kein Prediger. Frei de: Meinst Du, man tnuss reden? Es ist manchmal besser, wenn man schweigt. Ich mein', dass Menschen oft lügen und Dummheiten sprechen, weil sie reden, wo sie nichts zu reden haben. Zippe: Du meinst doch nicht mich? Frei de: Hat man was zu sagen, muss man es sagen. Nicht — schweigt man. Zippe: Mit mir hat er früher reden können. Vor Dir hat er Angst Motteie: Warum sollt' ich'Angst haben? Freide ist doch kein Bär und ich bin kein Hase. Dobe (zu Pessie): Und Ihr — fern bieib's von mir! — habt schon wieder Zahnweh. Folgt mir! Nehmt grobes Papier, stecht mit einer Gabel ein Mögen Dovid ein und . , . Chatzkel [blickt auf die Wand)- Und das ist unser Herschele's Fiedel. Spielt er noch manchmal? Freide: Ach, sehr selten, Reb Chatzkel! Dann und wann, wenn ein Festtag zu Ende gegangen ist. Zippe: Ah, da habt Ihr's schon. Ihr habt sie er- innert. Sie ist ja ganz ausser sich, wenn der Onkel spielt! Freide: Ja, wenn er spielt, dann sieht die Stube freundlicher und heller aus, alles rundherum wird ganz anders, und die Fiedel singt und weint, und ich glaub', sie erzählt, was die Juden alles erlitten haben im Golus und wie es sein wird zu Messias' Zeiten. Pessie: Sie ist ganz weg von der Fiedel. Sie könnte nicht essen, trinken, schlafen, wenn er ihr nur spielt. Zippe: Wisst Ihr, sie singt Onkels „Mismor Ledowid" ganz so wie der Onkel ihn spielt. Chatzkel: Ja, Gott hat ihn mit allen Gaben gesegnet. Wir sind doch zusammen aufgewachsen, auf derselben Schulbank gesessen und nun seht: Aus mir ist nichts mehr geworden als ein Handwerker, ein Weber, und er ist ein grosser Gelehrter geworden, ein edler Mensch. Eigentlich hätt' es umgekehrt sein müssen : Ist doch mein Vater der erste Talmudlehrer in Dubrowna gewesen und sein Vater . . Leiser: Und sein Vater war ein Badchen und ist ein Badchen geblieben. Nun ja, ich wollte aus ihm einen Spielmann machen, und er ist ein Thoraschreiber geworden. (Im Singsang) : ,.Der Vater ein Schneider mit Nadel und Scheer, der Sohn schon ein feiner und vornehmer Herr.4* Pe s s ie: Aber Schwiegervater! Leiser (erschrocken): 0, o, ich, ich . . . Reb Chatzkel, ich hab Euch was zu sagen, Pst! Dobe: Fre i de: Pes s i e: Mottele Alle: (flüstert ihm ins Ohr): Sie singt den „Mismor Ledowid44, ganz wie er ihn spielt. Chatzkel: Vielleicht wirst Du, Freidenju, uns etwas vorsingen, bevor der Onkel zurück ist. Ist ja Chanuka heut, warum sollen wir's uns nicht ein wenig lustig machen? Was meinst Du, Mottele, Betrüger Du? Mottele: Ich mein', kann man spielen, so spielt man. (Niest) Zum Wohlsein und zu langem Leben! Mottele, zieh Dich schnell' am Ohrlappen! Nein, Reb Chatzkel, ich kann nicht. Der Onkel sagt, eine Frau soll nicht singen, wenn Männer in der Stube sind. Chatzkel: Eine Frau! Du bist eine Frau? Auch eine Frau! Ein Mädel, ein Kind! Macht gar nichts, darfst schon singen. Ich erlaub' Dir's. Nicht richtig geurteilt? Sing, Närrchen! Herscheie kommt ja nicht sobald zurück. Ich hätt' mich nicht so lang bitten lassen! So sing doch! Sing doch! Chatzkel: Ich bin ein einfacher Mensch. Aber nach meinem Verstand ist Singen nicht sündig. Wenn man nur dazu aufgelegt wäre! Na, Freidenju, lass hören! (singt): „Sagt ein Mädel: „Mismor Ledowid" . . (beginnt verschämt): „Mismor Ledowid" . . . nein, ich kann nicht! Schaut doch, wie sie sich ziert! Nun, sing doch schon, sing doch! (fängt an zu singen, alle lauschen aufmerksam, die Männer beginnen allmählich mitzusingen) {plötzlich): Um des Himmels willen, Ihr Bande, der Onkel kommt ... Herschele tritt ein, eingehüllt in einen abgetragenen Pelz. Chatzkel geht ihm entgegen. Herrscheie macht eine abwehrende Handbewegung zum Zeichen, dass man ihn nicht aufhalten solle, wäscht sich die Hände, setzt sich an den Tisch und schreibt Pst! Er schreibt den letzten Satz. (Lautlose Stille, Herscheie schreibt) (Chatzkel ins Ohr): Wisst Ihr, pst, er schreibt den letzten Satz. Herscheie (erhebt sich freudig, feierlich): Geendigt sind alle fünf Thoraabschnitte, gelobt sei Gott, der Grosse, der Starke. Chasak! *) Leiser und Chatzkel: Chasak, chasak unis'chasak! Herscheie: Einen guten Abend Euch allen miteinander! Wie geht's Dir, Reb Chatzkel? Hier hast Du ein kräftiges Willkommen! (Reicht ihm und Mottele die Hand). Wenn man sich in Gesundheit .sieht, muss man schon Gott, sein Name sei gesegnet, danken und ihn loben. Na, Kinder, ich will Euch Chanu lageld geben. Hehe! Kleine Kinderchen haben wir nicht, seid Ihr die Kleinen. Da hast du, Freidenju, fünf Kopeken, ünd da, Zippenju, für dich drei Kopeken. Und für dich, Mottele, verzeih, (sucht in den Taschen) — mein Wort, ich hab keine Kopeke mehr. Pessie: Aber, Herscheie, hast doch soeben fünfzehn Kopeken gehabt. Friede: Zippe: Alle: F reide Zippe Pess ie: Leiser * Hebräische Formel beim Abschluss des Thoralesens und -Schreibens.