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Die Welt · 1906-01-05 · 1 (5.1.1906) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No 1 DIE^ELT 17 liches anzuziehen. Du bist doch kein Kind mehr, unberufen, man hätt' Dir doch schon ein neues Kleid machen müssen, und, wer weiss, vielleicht verlobst Du dich bald in guter Stunde. Leiser: Oh, ich weiss! Pst, komm mal näher! (Flüstert Freide ins Ohr): Mottele der Schalk ist herausgekrochen aus seinem Balg. Freide: Ich will mich ja nicht verstellen. Ich versteh schon. Reb Chatzkel will, dass sein Mottele sich mit mir verlobt. Freilich, ich hätt nicht gern schon jetzt auf meinen Kopf ein so schweres Joch genommen, aber wenn der Onkel sagen wird, ich soll mich verloben, werd' ich ihm sicherlich gehorchen. Aber Kleider — das ist Unsinn! Ich will Euch was sagen: Es ist ein grosses Unrecht, dass man jüdischen Töchtern bei der Verlobung soviel Kleider macht: Ich meine, teuere und schöne Kleider sind eine ganz überflüssige Sache. Vor der Kälte schützen doch nur dicke Kleider, und vor Hässlichkeit auch die schönen nicht. Pessie: Hast Recht. Die schönen Kleider kommen vom Bösen. Leiser: Man sagt sogar, dass der erste Damenschneider er war, dessen Name nicht genannt werden soll, der leibhaftige Gottseibeiuns. Pessie: Schwiegervater, wie könnt Ihr ihn anrufen in dieser Stube und noch dazu bei Nacht. Weh mir, meine Zähne! Dass ein alter Mann nicht irgendein Mittel gegen Zahnweh weiss! Gewiss macht Ihr Euch nicht viel daraus! Freide: Mit Reimen kann man kein Zahnweh besprechen. Umgekehrt, ich mein', von Reimen kann man erst recht Zahnweh bekommen, besonders, wenn der Grossvater reimt. Leiser (zu Pessie): Pst, ich will Dir ein Geheimnis sagen. Ich hab? ein sehr gutes Mittel. Du sagst, ich mach mir nichts daraus. Wirst gleich sehen! {Holt aus der Stubenecke einen Besen). Pessenju, nimm diesen Besen da, leg ihn auf die Schwelle, halt mit der linken Hand deine geschwollene Backe — schau mich nicht so an, tu nur alles! (Sie tut alles so, wie er geheissen) Jetzt spring dreimal über den Besen, spuck aus und sag dabei: Tfu, ich mach mir nichts daraus! Tfu, ich mach mir nichts daraus! Tfu, ich mach mir nichts daraus! Pes s ie (springt über den Besen und wiederholt dreimal): Tfu, ich mach mir nichts daraus! Leiser: Na also, Närrchen, wenn Du Dir nichts daraus machst, was soll ich mir daraus machen? Pessie (böse): Nein, was Euch nicht alles einfällt! (Wirft einen Blick auf den Besen ud lacht still): Hahaha! Freide: Sicher, was einmal ein Badchen war, bleibt's bis zum Tod. Leiser (singt): Ein Badchen bleibt immer ein Badchen, ein Dieb sucht stets fremde Dukatchen und ein Mädel schielt auch im Grab nach dem Schadehen. (Lärm. Freide legt die geöffnete Scheere auf den Tisch) Pessie: Wer kommt da? Zippe (stürzt herein, ganz erfroren): Sie kommen schon! (Hüpft in der Stube herum, um sich zu erwärmen). Hu, eine bittere Kälte! Gross vater, ich habe ihnen Euer Geheimnis erzählt: „Reim dich, leirn dich, mach daraus einen Pelz für mich!" Hu, der Frost hat mich an Nase und Ohren erwischt. (Pessie hilft ihr ablegen.) Ei, was ich bei Reb Chatzkel gehört hab'! Muhmchen, ist's wirklich wahr? Dobe hat mir gesagt, es kann sein, dass sich heute Freide mit Mottele . . . 0, Du Heuchlerin, Heuchlerin, Heuchlerin, (fällt Freide um den Hals) . . verloben wird (küsst sie) verloben, (küsst sie) verloben! (küsst sie). Freide: Lass doch! Sieh mal einer, was freust Du Dich denn so sehr? Zippe: Ich werd' auf der Hochzeit tanzen, Kuchen essen und mich spreizen wie alle Hochzeitsgäste. Hahaha! Leiser (für sich): Und ich sing dann auch nacli dem alten Brauch: Weint, ihr Frauen, laut, wein, Du schöne Braut! . . . (Draussen Schritte. Leiser unterbricht sich, setzt sich still hin) Pessie: Da sind sie. (Oeffnet die Tür) Kommt herein, liebe Gäste. Willkommen, willkommen! (Chatzkel, Dobe und Mottele, alle warm eingehüllt, treten ein) Guten Abend, guten Abend! (Legen die Ueberkleider ab.) Dobe (blickt Freide fest an, küsst sie): Wie geht's, Freidenju, unberufen, ich will's nicht bereden. (Spuckt dreimal aus) Du leuchtest, wie ein gut ausgebackener Purim-Kuchen. (Sieht sich um) Weh mir, Gott sei bei Euch! Wie könnt Ihr die Scheere offen liegen lassen! Eine Scheere darf man um Gottes Willen nicht offen liegen lassen. (Schliesstdie Scheere.) Pessie: Set/t Euch, Reb Chatzkel, setz Dich, Dobe, lasst Euch doch nicht bitten! (Alle setzen sich). Zippe: Setz dich, Mottele! (Bringt einen Stuhl) Ah, er schämt sich, der Betrüger! Mottele (setzt sich): Wenn Ihr sagt, ich schäm' mich, werd' ich mich noch mehr schämen. Schweigt lieber! Chatzkel: Und Ihr, Reb Leiser, was macht Ihr? Wie gehn Eure Geschäfte? Eure Schiffe sind doch noch nicht untergegangen? Eure Häuser, Gott behüte, sind doch nicht niedergebrannt und Euere Lieferungen doch nicht verdorben? Leiser (still): Gott behüte, Reb Chatzkel, nichts ist mir zugrundegegangen oder verdorben. Chatzkel: Na, wo ist denn unser Reb Herscheie, unser Braver, Frommer, unser grosser Gelehrter, unser feiner Jude. [Sieht sich um). Solang' er noch nicht da ist, wollen wir ein Pfeifchen rauchen. Er liebt's ja nicht. (Steckt die Pfeife an) Kein Raucher, kein Schnupfer, kein Trinker — beinah nicht von dieser Erde ... Na, wo steckt er denn? Leiser: Ihr wisst doch, wenn er beim Thoraschreiben zum heiligen Namen kommt, so geht er früher in die Mikwe * — Euch sei's nicht zugedacht! Pessie: (ihn verbessernd): Schwiegervater, sagt doch richtig, er ist zum Fluss gegangen. Leiser: Dieses Wasser, jenes Wasser, er kommt * Mikwah - rituelles Bad in abgeschlossenem Bassin.

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