Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-01-05 · 1 (5.1.1906) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316188--47669-3342565
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

No. 1-- DIE^KELT 15 Milieudrama und daher diese höchst ungezwungene, sich gehen lassende, oft komische und dabei so einfach natürliche Führung des Dialogs. Daher diese alten jüdisch-patriarchalischen Typen, wie Leiser, der alte „Badchen", (Lustigmacher, Spassmacher bei jüdischen -Hochzeiten u. Ae.), der wie ein echter, rechter Badchen nur dann in seinem Element ist, wenn er bei passenden und unpassenden Gelegenheiten in derben Reimen sprechen kann, ein alter Hanswurst, wenn man will, ein ewiger tiochzeitsnarr, aber doch voll natürlicher Ehrlichkeit und mit einer Dosis Galgenhumor begabt, die aus der jüdischen Wirklichkeit geholt ist. So wie er, sozusagen ein fossiles Stück des alten jüdischen Lebens, das noch keiner inneren Aufruhr kannte, von dem Sturm und Drang der feindlichen Aussenwelt sich ängstlich absperrte, sind die guten, alten Weiber typisch, Pessie, die brave, schlichte Ehefrau, Dobe, die Herzensgute, aber auch Herzens-Einfältige, die auf Schritt und Tritt Gefahren und Versuchungen der bösen Geister fürchtet und ihnen mit allerhand Besprechungs- und Schutzmitteln des Aberglaubens beikommen will. Unter diese kleinen, stillen Leuten tritt das Schicksal: Geld. Uriel Masik, der Verführer, ist der Handlanger dieses Schicksals, des alles Aufrührenden, alles Zerstörenden. M a s i k, der Typus des Weltkundigen, des Geschäftsmannes, des Bourgeois ist eine symboliche Figur. Er ist eine Allegorie trotz seiner Realität. Schon sein Name deutet darauf hin. Mäsik heisst soviel wie „Verderber". Und Masik hat etwa vom Mephisto an sich. Er ist es, der die Träumenden wach rüttelt, die Seligen, die in ihrer Armut Glücklichen in den ganzen Jammer des Lebens, des Kampfes ums Dasein, der Jagd nach Macht und nach Gewinn hineinjagt. Er stürzt alle alten Ideale um. Er kommt und Herscheie, der Asket, der Thoraschreiber, der von seinem Vater, dem „Badchen", die dichterische Veranlagung geerbt hat, der Mystiker, der um Zion trauert, wird hart, selbstsüchtig. Ist er etwa grausam geworden? Nein, aber zu vernünftig, zu klug. Er will das Leben geniessen, will keine Fesseln tragen, nicht einmal die der Güte. Er hat mit der Armut die Poesie verloren, und sein Leben ist inhaltlos geworden..... Aber auch der Proletarier unter ihm erwachte. Der einfache Weber, Chatzkel, wird ein bewusster Arbeiter, ein Revoltierender, ein Klassenmensch. Er weiss noch nichts von Parteien und Dogmen, aber in seiner dunklen Ahnung hat er die ganze soziale Frage erfasst. Das ist die Entwicklung der jüdischen Gesellschaft, die möglichst einfache, aber darum auch dramatisch effektvolle. Nicht Worte — nacktes Leben, graue Wahrheit; nicht Tendenz, nicht Predigt — sondern Dichtung. Und aus diesem Grunde kann man das vorliegende Drama das erste jüdisch-soziale Drama nennen. Wir haben uns erlaubt, das Vorspiel das Dramas, den „Prolog im Himmel", der mit der eigentlichen Handlung nichts zu tun hat, wegzulassen, wodurch wir die Wirkung des Dramas nur erhöht zu haben glauben. Der „Prolog" sollte dem Drama einen „Faust"- einen „Hiob"-Anstrich geben. Aber das war zuviel. Qui trop embrasse, mal etreint. Ein soziales Faustdrama wäre ein Widerspruch in sich selbst. Und von diesem Widerspruch wollten wir das Stück freimachen. Auch der Titel, der nur dank der Verquickung der beiden Elemente, des faustischen und des modern-sozialen, eine Berechtigung hatte,f musste geändert werden. Und da der Hauptfaktor hier das Geld, das allzerbrechende, ist, so haben wir es für das Beste gehalten, dem Drama in der vorliegenden deutschen Uebertragung den Titel: „DAS GELD" zu geben. Anmerkung: Die Uebertragung des Dramas wird durch die Redaktion der „Welt1' besorgt. Wir haben eingestreute hejräische Worte nur dann übersetzt, wenn wir voraussetzten, dass sie, weniger gebräuchlich, einem Teil unserer Leser fremd sind. Literarisch-wissenschaftliche Notizen. * Am Mittwoch den 27. Dez. v. J., hielt die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums ihre zahlreich besuchte Generalversammlung in den Räumen des Brüder- Vereins, Unter den Linden 4 a ab. Professor Dr. Philipson erstattete den Jahresbericht, nachdem er in einem ehrenden Nachruf der verstorbenen Mitglieder, des Rabbiners Dr. Kayserling- Budapest und des Justizrats H. Meyer-Cohn gedacht hatte. Die Gesellschaft darf auf ihr vollendetes drittes Lebensjahr mit Genugtuung zurückblicken. Neben der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums", das die Mitglieder erhielten, hat die Gesellschaft vier Schriften herausgegeben: 1. Bäck, „Das Wesen des Judentums", 2. Eschelbacher, „Das Judentum und das Wesen des Christentums" und 3. Bl och, „Die Kabbala auf dem Höhepunkte ihrer Entwickelung und ihre Meister." In kurzem werden die „Gesammelten Schriften über Juden und Judentum,, von Steinthal, herausgegeben von Karpeles, erscheinen Für eine Anzahl Zeitschriften und Werke hat der Ausschuss* namhafte Subventionen bewilligt Druckfertig liegen vor „Die Apologetik des Judentums" von Güdemann und „Die Wirtschaftsgeschichte der Juden" von Caro; zur Vorbereitung der von ihm für den Grundriss übernommenen talmudischen Archäologie hat Herr Professor Dr. K r a u s s -Budapest mit Beihilfe seitens der Gesellschaft eine Reise nach Palästina, zu Studien für die gleichfalls dem Grundriss angehörige „Liturgik* Herr Dr. El bogen eine solche nach England gemacht. Nach weiteren Mitteilungen berichtete der Vorsitzende über die Finanzen des Vereins, welche wohlgeordnete und zufriedenstellende sind. Die Einnahmen stellten sich im Berichtsjahre auf 23,457 Mark und die Ausgaben auf 19,254 Mark; nach Zuschlag noch ausstehender Zinsen respektive Abzug der Unkosten für die letzten beiden Hefte der Monatsschrift sind per 1. Januar 1906 3500 Mark verfügbar. Das Vermögen der Gesellschaft beträgt 37,500 Mark. Nach stattgehabter Dechargierung des Schatzmeisters wurden die Vorstandsmitglieder sämtlich wiedergewählt. Hierauf hielt Herr Rabbiner Dr. Lucas- Glogau einen Vortrag über „Die Wissenschaft des Judentums und ihre F ö rderung d u r c h d ie G es el 1 sc h af t.tt Der Vortragende, der von dem Grundsatze ausging, dass die Wissenschaft die erhaltende Kraft der jüdischen Gemeinde sei, ging dann auf die Geschichte der Bildung unter den deutschen Juden über, die sich anfangs mit allen Kräften gegen die deutsche Kultur sträubten, um dann aber sfeh ihr rückhaltslos hinzugeben. Die Zeit der exclusiven Talmudkultur ist durch das nationalistische „Aufklärungsideal« verdrängt worden. Jetzt aber ist die Zeit der modernen wissenschaftlichen Forschung gekommen. Der Vortragende erörterte sodann Begriff, Entwickelung und Umfang der Wissenschaft des Judentums und ging dann zur Beantwortung der Frage über, was die jüdische Gemeinschaft bisher für die Wissenschaft des Judentums getan habe. Er betonte, dass die freie wissenschaftliche Forschung auch ganz freie, unabhängige Männer verlange; die Rabbiner erweisen sich für die wissenschaftliche Betätigung nicht geeignet. In den wissenschaftlichen Werken solle ein Gegensatz zwischen Lehre und Leben nicht bestehen. An den Vortrag schloss sich eine anregende Diskussion, die sich, teilweise vom eigentlichen Thema des Vortrages ablenkend, in theologische Erörterungen verlor. Verlesungs-Cyklus der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Am 15. Januar: Herr M. Henle (Hamburg): „Rück- und Ausblick auf die Entwickelung der Synagogenmusik.44 (Mit Klavierbegleitung). Am 29. Januar: Herr Rabbiner Dr. S. Samuel (Essen): „Das Shylockproblem im Lichte der neueren Forschung.44 Am 12. Februar: Herr Dr. Moritz Sobernheim: „Reise nach Syrien.44 (Mit Lichtbildern). Am 26. Februar: Herr Dozent Dr. A. S. Yahuda: „Ueber semitischen Geist und semitische Begabung.44 Am 5. März: Herr Rabbiner Dr. M. Joseph (Stolp): „Die drei Hauptstufen des religiösen Bewusstseins der Menschheit-44 Am 19. März: Herr Professor Dr. Ludwig Stein (Bern): „Der religiöse Optimismus.44

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.