Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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14 DIE^TELT v No.l QQO öS FEUILLETON. QPf) ffQzi %o JAKOB GORDIN. J^ie jüdische Volksliteratur ist jung, noch jünger das jüdische Volkstheater. Es ist ein Volkstheater, aber kein Nationaltheater. Unüberwindliche Schwierigkeiten von innen und aussen standen und stehen seiner Entwicklung im Wege, vor allem die Rechtlosigkeit und Not der russischen Juden, denen man ein jüdisches Theater nicht gestatten wollte, denen es auch zu schlecht geht, als dass sie die nötige Müsse und die geeignete Stimmung fürs Theater aufbrächten. Nicht i viel besser steht es in^Galizien und Rumänien. „Die reichen und die gebildeten Klassen des jüdischen Volkes wenden sich von diesem Theater ab, die ärmeren und unwissenden können es ganz allein nicht erhalten. Bleibt Amerika. Aber auch dort geht ein Auflösungsprozess vor sich. Die aufstrebende, jüngere, gebildete Generation amerikanisiert sich will vom „Jargon" und vom „Jargontheater" wenig wissen. Kein Wunder somit, dass das jüdische Theater in Amerika nicht auf der flöhe moderner Kunst steht. Und dennoch besitzt das jüdische Theater noch etwas anderes, als die naiv-grotesken Stücke von Goldfaden, Latteiner usw., und dennoch hat die jüdische Literatur auch eine ernste künstlerische Dramaturgie aufzuweisen. Der Erste, der das jüdische Drama modernisierte, der ins jüdische Theater von New York echte Kunst einziehen Hess, war Jakob Gordin. Gordin ist ein Dramatiker von Natur aus. Er versteht wie kein anderer jüdischer Schriftsteller die ganze Polyphonie des jüdischen Lebens, des Alten und des Neuen. Er sieht das Leben, er spürt die Übergänge. Er ist ein moderner Mensch. Ein Fünfziger, ist er ein Schüler der grossen russischen Schriftsteller, der Psychologen von der Art Tolstors und Dostojewski's. Seine literarische Laufbahn hat er als russischer Schriftsteller und Theaterkritiker begonnen. In Odessa, wo er anfangs der achtziger Jahre des verflossenen Jahrhunderts für die grosse Odessaer Zeitung „Odesskyja Nowosti" schrieb, war er unter seinem Pseudonym : „Jwan der Beissende" bekannt. Denn scharf war seine Feder und schonungslos. Wäre er in Russland geblieben, hätte er russisch geschrieben, Jakob Gordin wäre wahrscheinlich einer der gefeiertsten europäischen Dramatiker und die Juden wären die Ersten, die ihn anerkannt hätten. Aber es kam anders. Er wanderte in den achtziger Jahren nach Amerika aus. Dort griff er zur jüdischen Sprache — und eröffnete eine neue Aera in der Geschichte des jüdischen Dramas. Er war der Erste, der Werke geschaffen hat, die einen künstlerischen und sozialen Wert haben, so z. B. „Der jüdische König Lear", „Der Schwur", „Sibirien", „Gott, Mensch und T e u f e l" u. a. Seine Dramen, deren Darsteller der geniale Schauspieler Jakob Adler und seine Truppe sind, waren für das amerikanische Ghetto eine grosse Sensation. Die Juden von New York East-Side sahen zum ersten Mal auf den Brettern ihres Theaters das Leben. Nicht nur das jüdische. Nicht eine blosse Karikatur, eine Nachäffung waren die Gordiri'schen Dramen, die in Amerika von manchen als „realistisch" verschrieen wurden. Im Rahmen des jüdischen Lebens rollte Gordin die Probleme der Moderne und der Gesellschaft auf, er zeigte den Juden ihr Dasein von einer neuen Seite. Wer aber in der breiten, grossen Masse der Judenschaft kennt Gordin, den besten Dramatiker, den sie bisher hatte? Wo in der Welt konnten die Juden auf einen Dramatiker hinweisen, der ihre Seele verstehe, ihr Leben ernst nehme, sie nicht wie Tendenzpuppen behandle? Als Tschirikow's „Juden" erschienen, da wusste alle Welt davon, man diskutierte das Werk, man spielte es auf allen Bühnen. Und doch ragt Gordin himmelhoch über Tschirikow! Es ist sicherlich an der Zeit, diesen Bann zu brechen, zumal eine Schaar neuer vielversprechender Kräfte, wie P i n s k i, Asch u. a., dem jüdischen Theater ihr Talent zugewendet hat und, insbesondere in dem freiwerdenden Russland, die bedeutendsten jüdischer Schriftsteller mit aller Wärme sich für die Errichtung moderner Schaubühnen einsetzen. Wir glaubten zur Einführung in das Schaffen Gordins kein geeigneteres Werk wählen zu können als sein Drama: „Gott, Mensch und Teufel", das mit Recht sein bestes genannt wird. Es ist ein auf der breitesten Basis aufgebautes Drama. Der Bruch oder vielmehr der Zusammenbruch der alten jüdischen Gesellschaftsordnung und Weltanschauung soll dramatisch dargestellt werden; dabei aber auch die psychische Entwickelung der einzelnen Juden, vom Kleinbürger auf- und abwärts, vom frommen und patriachalischen Ghettojuden zum modernen Menschen. Das jüdische Leben in Osteuropa stellt ein eigenartiges soziales Gebilde dar. Es hat in einer überraschend kurzen Zeit die Entwickelung eines ganzen Zeitalters durchgemacht. Wie ein Keil drang die neue wirtschaftliche Gestaltung des europäischen Milieus ein und spaltete und zerbrach das alte feste Gefüge. Und weil diese Entwicklung eine so rasche, beinahe elementare ist, so gestaltete sie sich dramatisch. Das Drama von Gordin bringt dieses Kämpfen und Ringen des Alten mit dem Neuen, des Innenlebens mit dem Druck von aussen, des Willens zur alten und der Notwendigkeit der neuen Ordnung, zum künstlerischen Ausdruck. Es ist somit gewissermassen ein Schicksalsdrama. Nicht im Sinne der Griechen, Aber im Sinne etwa von Ibsen und Hauptmann. Ein Milieudrama, das sich mit eiserner Notwendigkeit aus sich heraus entwickelt. Bei dieser Gattung der Dramen fallen die Unterschiede des Tragischen und Komischen. Die Grenzen fliessen ineinander, weil ein ganzes Stück Leben in all seiner Buntheit erfasst, herausgehoben, erläutert wird. Deshalb hat auch das Drama Gordins gewissermassen eine Doppelfassade. Es ist ein