Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No.l DIE^gELT 13 währten Dienste an. Das tiandelsobjekt war — die jüdischnationale Autonomie, die beanspruchte Provision'—gdas gnä' d ig 1 i che Versprechen einiger Mandate sowohl im galizischen Landtage wie auch im Reichsrate, und der „ehrliche Makler", der Retter in der Polennot. — fierr Dr. Byk, Präsident der Lemberger Kultusgemeinde. Dr. Byk sah in der Erreichung einer jüdisch-nationalen Autonomie nichts mehr als die Gewinnung von so und'so vielen jüdischen Mandaten. Mit ein paar Mandaten, meinte er, wäre das Schäflein, das immer geschoren wird, ganz, der Wolf satt, und Herr Dr. Byk — ein Retter der Polen und Wohltäter der Juden. Nur eines vergass dieser findige Kopf, dass es Gott sei Dank noch Juden gibt', denen die Zuer kennung einer jüdisch-nationalen Autonomie seitens der Regierung mehr ist als bloss die Frage einiger Mandate. Andere wieder, die vielleicht weniger idealistisch veranlagt sind, sehen nicht ein, warum sie, die Juden, die ihnen gebührenden Mandate erst der polnischen Grossmut verdanken, also sie erst aus zweiter fiand empfangen sollen, wenn eine Möglichkeit vorhanden ist, sieaus erster Hand zu bekommen und dafür Niemandem, selbst nicht Herrn Dr. Byk, zu Danke verpflichtet zu sein . . . . Wieder andere noch praktischer denkende Juden haben überhaupt kein Vertrauen zu den Versprechungen der Po len und den Verheissungen des Dr. Byk. Daran, scheint es, dachte Herr Dr. Byk gar nicht. Der erste Schritt, den Herr Dr. Byk in dieser Angelegenheit unternahm, war ein — journalistischer. Er veröffentlichte einen Artikel in der „Polnischen Korrespondenz", worin er eine jüdisch-nationale Autonomie durch Sophismen bekämpft. — Von dem assimilatorischen Standpunkt ausgehend, dass wir Juden nur eine Religionsgenossenschaft wären, können, ja dürfen wir nach seiner Ansicht, auf eine jüdisch-nationale Autonomie keinen Anspruch erheben. Wir sollten daher, nach Dr. Byk, eine solche selbst dann nicht annehmen, wenn sie uns die Regierung anbietet. Wir wären auch übrigens gar nicht reif für eine Autonomie. Wir wären es aber auch den Polen, unter denen wir leben — soll wohl heissen, kaum geduldet werden — schuldig, solche Absichten fahren zu lassen, — Wir wären schon deshalb keine Nation, weil wir weder eine Sprache noch ein Land haben. Uebrigens wäre eine jüdischnationale Autonomie ihm, dem Dr. Byk, keineswegs ein Fortschritt, sondern vielmehr ein Rückschritt in jene schlechte, alte Zeit des Judenghettos. Das etwa ist die Quintessenz jenes Artikels. Herr Dr. Byk Hess es aber dabei nicht bewenden, er liess dem geschriebenen Worte die Tat folgen. Kaum begannen die Reichsratsferien, war er schon bei der Arbeit. Eine Versammlung jüdischer „Notabein" aus Galizien sollte eine Resolution in dem von den Polen gewünschten Sinne fassen und diese der Regierung überreichen. Lim aber auch seiner Sache sicher zu sein, wurden nur wenige Leute etwa 22, darunter 14 vom hiesigen Kultusvorstand, alle treue Gesinnungsgenossen des Herrn Dr. Byk, eingeladen. Zur besonderen Vorsicht wurde sogar der beabsichtigte Coup geheim gehalten. Es sollte eigentlich ein Konventikel sein, aus dem man ja, nach erfolgter R e sol ut i o n sf a s s u ng, in der polnischen Presse eine solenne Versammlung jüdischer Notabein aus allen Enden Galizien s machen könnte. Aber wieder sollte sich das alte Sprichwort: Nichts ist so fein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen, bewahrheiten. Trotz aller Vorsicht des Herrn Dr. Byk, bekamen die Zionisten Wind und entsendeten eine Deputation an Dr. Byk mit dem Ersuchen, es mögeihnengestattet werden, bei Beratung einer so eminenten jüdischen Frage teilzunehmen. Schroff wurde sie abgewiesen. Da setzte sich in aller Eile das hiesige zionistische D. C. mit den anderen galizischen D. C. in Verbindung, und sämtliche Städte Galiziens wurden aufgefordert, auf telegraphischem Wege gegen das Stattfinden eines solchen Konventikels und gegen dessen eventuellen Beschlüsse Protest zu erheben. Es liefen auch eine Masse solcher Telegramme ein. Ausserdem traten hier sämtliche zionistische Vereine zusammen und beschlossen, einen demonstrativen Massenaufzug vor dem Cultusgebäude während der Tagung des Konventikels zu veranstalten. Am 26. Dezember a. p. gegen 4 Uhr nachmittags, bewegte sich auch ein nach vielen Hunderten zählender Zug jüdischer Bürger, Akademiker und Arbeiter, durch die Strassen der Stadt dem Cultusgebäude zu. Voran gingen die Poale Zion mit Fahnen und einigen grossen Tafeln. Vor dem Cultusgebäude war eine Volksversammlung unter freiem Himmel beabsichtigt, um tausendstimmig gegen die Beschlüsse jener Miniaturversammlung zu protestiren; jedoch der wachthabende Portier wollte nun das Tor verrammeln, in diesem Augenblicke aber drang ein Teil der Demonstranten in das Gebäude und zog in den Sitzungssaal, (wobei das mehrfach aufgebauschte Ereignis sich so vollzog, dass mehrere Scheiben eingedrückt wurden). Beim Anblick der Eindringlinge verliessen Dr. Byk und seine Genossen in Eile den Saal und telefonirten an die Polizei. Inzwischen besetzten die im Saale anwesenden Zionisten die leer gewordenen Plätze und hielten in der Kahalstube eine Protestversammlung ab. Neuerlich begab sich eine zionistische Deputation.^ zu Dr. Byk, die aber nur infolge eindringlicher Vorstellungen seitens des inzwischen eingetroffenen Polizeikommissärs empfangen wurde. Wieder hat er sich gezeigt, welch ein gelehriger Schüler Herr Dr. Byk ist. Er hat es schnell seinen polnischen Herren abgeguckt, wie man Juden empfängt und äffte es ihnen nach. An der Türschwelle stehend, den Eintritt ins Zimmer durch seinen Körper deckend, e m p f i n g er die Deputation. Auch dieamal wurde die Deputation auf die schroffste Weise abgewiesen und selbst ihrem bescheidenen Verlangen, als Zuschauer auf der Galerie der Beratung beiwohnen zu dürfen, wollte Dr. Byk nicht willfahren und gab dem Polizeikommissar die WeisungmitallerStrengeden Saal sobald als möglich räumen zulassen. Welchen Eindruck das Benehmen der Herrn Dr. Byk den Zionisten gegenüber auf die fremden Teilnehmer an diesem Konventikel, die keineswegs im Gerüche des Zionismus stehen, machte, geht deutlich aus den authentischen Äusserungen, die sie im Privatgespräche einem dem Schreiber dieser Zeilen nahestehenden, Herrn gegenüber machten, hervor: „Die Art des Empfanges der zionistischen Deputation seitens des Herrn Dr. Byk hat unser vollstes Miss fallen erregt. An der Türschwelle empfängtmankeineDeputationen, über haupt diese Deputation (die zionistische) war doch Sprecherin einer grossen Partei im Judentum. Wir waren alle dafür, dass man einige Zionisten zur Beratung zuziehe und haben hervorgehoben, dass die zionistische als rein jüdische Partei von der Teilnahme an der Beratung einer so wichtigen jüdischen Sache nicht ausgeschlossen werden darf. Aber die Herren von Lemberg u n d h a u p t s ä c h! i c h Herr Dr. Byk wollten es keineswegs zugeben und schützten vor, dass es angesichts der Demonstration wie eine Einschüchterung aussehen würde." — Als der Saal durch die Polizei geräumt wurde, setzte das Konventikel seine Beratungen fort. Seitens mehrerer Teilnehmer wurde auch das Verhalten der Polen gegenüber den Juden einer scharfen Kritik unterzogen und nach mehrstündiger Berathung wurde jene Resolution gefasst, deren Wortlaut in Ihrem gesch. Blatte vom 29. Dez. a. p. bereits veröffentlicht wurde. — Ein Zukunftsbild aber bot für eine Stunde die luxuriös eingerichtete Gemeindestube. Angelweit aufgerissen wurden die Thüren und herein stürmte die jüdische Jugend mit ihrem jüdischen Herzen und ihren rein-jüdischen idealen. Reine gesunde Luft verwehte für eine Stunde jenen Jahrzehnte alten sinnverwirrenden Moder. j. s. p. 5.H. Kolomea, 2. Januar 1906. Die Frage der Anerkennung der jüdischen Nationalität bei der Wahlreform in Oestereich hat bei uns, in einer der grössten ostgalizischen Städte, viele Anhänger gewonnen und energische Tätigkeit hervorgerufen. Auf Anregung des Arbeitsconventes der zionistischen Vereine („Beth Israel," „Z'ire Zion," „Rachela," „Safa Chaja" und „Poale Zion") hat sich ein Komitee gebildet, bestehend aus den massgebendsten Männern unserer Stadt, dass mit allen Kräften arbeitet, um eine Aktion betreffs Anerkennung der jüdischnationalen Autonomie einzuleiten. Vorsitzender dieses Aktienkomitees ist Herr Dr. Salomon Rosenheck. Die erste Arbeit dieses Komitees war die, dass man telegraphisch an alle grossen östereichischen Tageblätter einen energischen Protest gegen die von Dr. Byk und Genossen einberufene Versammlung sandte, worin man ihnen das Recht absprach, im Namen des Juden aufzutreten. Ferner wurde beschlossen, einen in 10000 Exemplaren abgedruckten Aufruf unter das Volk zu verteilen, worin man die Bedeutung der jüdischnationalen Autonomie klarlegt und die Juden auffordert, mit allen Kräften für die Autonomie einzutreten. In Anbetracht der Beschlüsse der galizischen Distrikte, hat man für Sonntag, den 7. ds. Mts. eine grosse Volksversammlung einberufen mit der einzigen Tagesordnung: „Die Stellungnahme der Juden zur neuen Wahlreform," Für den 15. ds. Mts. ist eine noch grössere Volksversammlung mit derselben Tagesordnung geplant, in der als Referent Reichsratsabgeordneter Dr. Strau eher aus Czernowitz auftreten wird. Ausserdem wurde beschlossen, bereits mit 1. ds. Mts. eine Komtnision von Haus zu Haus zu schicken, um Unterschriften zu sammeln. Am 30. Dezember v. Js. sprach in der grossen Synagoge der hiesige Stadtprediger Herr Isaak Weber über die jüdischnationale Autonomie. Seine form vollendende Predigt machte auf die grosse Menge einen tiefen Eindruck. Finden 7. ds. Mts. werden einige Akademiker die benachbarten Städte besuchen und dort Volksversammlungen einberufen.