Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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12 DIENTE LT No.l die mit klarem Sinne und warmen Herzen die Ereignisse einzuschätzen wussten. Die zahlreichen Juden, die sich in Buenos-Ayres und den übrigenfgrossen Städten des Landes niedergelassen haben, haben es bisher leider nicht verstanden, ihre nationalen Ansprüche, ihre Interessen als geschlossene Volksgemeinschaft im argentinischen Staate, der erst im Werden begriffen ist und noch keine festen, starren, unverrückbaren Formen angenommen hat, zur Geltung zu bringen. Sie haben auch aus verschiedenen Gründen, die ich lieber verschweigen möchte, den nichtjüdischen Bewohnern des Landes weder durch ihre geistige und moralische Ueberlegenheit noch durch ihre politische Reife imponiert. In dem weiten reichen Lande der Llanos wäre noch Platz genug für eine grosse jüdischpolitische Tätigkeit, die Tausenden und Abertausenden von Juden die Möglichkeit gewähren würde, in Freiheit und Wohlstand zu leben. Dazu bedurfte es der Bildung einer politischen bewussten jüdischen Partei hierzulande, und diese Rolle ist uns, d. h. den Zionisten, zugefallen. Eine in jeder Hinsicht charakteristische Erscheinung war die von der Federation einberufene Protestversammlung gegen die Massacres in Russland. In einem der grössten Säle von Buenos- Ayres, im Lokale des Vereines „Unione e Benevolenza" war eine tausendköpfige Menge versammelt, Juden und Christen. Die schwarz umflorte Zionsfahne wehte von der Tribüne und verlieh der Versammlung ein feierliches, ernstes Gepräge. Mit kurzen kernigen Worten eröffnete unser bewährter Gesinnungsgenosse Herr David Elkin die Trauer- und Entrüstungsversammlung. Er betonte schon in der Einleitung, dass die Versammlung vom zionistischen Komitee einberufen sei und mithin vom Geiste des Zionismus getragen werde. Die Hauptredner in der Versammlung waren jedoch Nichtjuden, und wir konnten erfreulicherweise konstatieren, dass in der öffentlichen Meinung Argentiniens ein bedeutsamer Umschwung zu Gunsten der Juden sich vollzogen hat. Es sprach zuerst Rev. William P. Mc. Laug hl in, Pfarrer der methodistischen Kirche in der Calle Corrientes. Er protestirte im Namen der christlichen Religion und der Menschlichkeit gegen die russischen Barbaren und wies auf die grossherzige Toleranz und Menschenfreundlichkeit der Nordamerikaner hin, die keinen Unterschied machen zwischen Menschen verschiedener Abstammung. Dieser Behauptung, die gewissermassen einen versteckten Vorwurf gegen Argentinien in sich barg, trat mit aller Kraft der bekannte Dr. P. Bourel entgegen. „Nicht in Nordamerika allein" sagte er, herrsche Gewissensfreiheit und Gerechtigkeit, sondern auch in der Argentinischen Republik, die vielfach unterschätzt und verkannt sei. Noch nie habe man in Argentinien Individuen oder einen ganzen Stamm wegen religiöser Motive verfolgt." Und indem er sich zum zionistischen Programm wandte, sagte er folgende bedeutungsvolle Worte: „Es ist sehr vernünftig, dass die Juden als solche d i e W i e d e ra u f r i c h t u ng Z i o n s erstreben, sollte aber die Realisierung dieses Programmes für den Augeublick nicht möglich sein, so mögen sie herkommen in diese Republik, wo sie ein Vaterland finden werden, das sie lieben und beschützen wird." In demselben Gedankenkreise bewegte sich auch die Rede der Herren Dr. Barroetavefia und Don Carlos V eg a B e 1 g r a n o. Der erste Redner sagte unter anderem: „Die europäische Presse erfüllt nicht ihre Pflicht, die sie als Beschützerin der Rechte der Unterdrückten zu erfüllen hätte. Dieselbe europäische Presse, die ein Mordgeheul erhebt, wenn irgend ein Kommissär in irgend einer entlegenen Provinz der Republik eine Ungerechtigkeit begeht, und die alle südamerikanischen Staaten als Stätten der Anarchie und Barbarei brandmarkt, hat kein starkes Wort der Entrüstung gefunden, als Tausende von Menschen ungerechterweise abgeschlachtet wurden. Sollte in der argentinischen Republik auch nur ein Jude wegen seiner Religion angegriffen und verfolgt werden, so würden sich nicht nur Stimmen des Protestes im Lande erheben, sondern Tausende und Abertausende von Argentiniern würden zum Schutze herbeieilen." Es sprachen dann zahlreiche andere Redner und auch Rednerinnen, darunter die Herren Liachowitzki und Braun, die in der jüdischen Volkssprache Reden hielten. Mit einem Hoch auf den Präsidenten der Republik, die anwesenden Argentinier und den Zionismus, schloss die denkwürdige Versammlung. Ich lege besonderen Nachdruck darauf, dass sowohl die argentinische Intelligenz als auch die argentinische Presse, wie z. B. La Naciön und andere liberale Blätter die Frage der eventuellen Zuwanderung russischen Juden viel günstiger beurteilen, als es früher der Fall war. Welche Tragweite diese symphatischen Kundgebungen hatten und ob es ratsam sei, die Stimmung praktisch auszunützen, werde ich in meinem nächsten Briefe besprechen. ZUR FRAGE EINER JÜDISCHEN AUTONOMIE IN ÖSTERREICH. Wiener Blätter bringen folgende Meldungen: Rzeszow, 26. Dezember. „Eine hier gestern abgehaltene tausendköpfige jüdische Versammlung protestierte gegen die Berufung eines Gemeindetages durch Dr. Byk und sprach diesem ihre Entrüstung aus. Die Versammlung der Kultusvorstände sprach sich gegen eine jüdisch-nationale Kurie und Schaffung einer jüdischen Autonomie aus, weil diese für die Zwecke der Verteidigung der jüdischen Interessen und der Gleichberechtigung mit den anderen Bürgern dieses Staates schädlich seien." Lemberg, 26. Dezember. „Über Einladung des Reichsrats- Abgeordneten Dr. Byk fand gestern im Saale des hiesigen jüdischen Gemeindehauses eine vertrauliche Konferenz sämtlicher jüdischer Reichsrats- und Landtags-Abgeordneten Galiziens, sowie der Vertreter der grösseren Kultusgemeinden und anderer jüdischer Vertrauensmänner aus ganz Galizien statt, in welcher zur Frage der Wahlreform respektive der Kreierung einer speziellen jüdischen Wahlkurie und Schaffung der jüdischen Antonomie Stellung genommen werden sollte. Nach mehrstündiger Beratung gelangte eine Resolution zur Annahme, in welcher sich die Versammelten gegen die Errichtung einer jüdischnationalen Kurie und Schaffung der jüdischen Autonomie aussprachen, weil sie dieselbe für die Zwecke der Verteidigung der jüdischen Interessen und der Gleichberechtigung mit den anderen Bürgern dieses Staates für schädlich halten, und zugleich die jüdischen Reichsrats-, respektive Landtags-Abgeordneten auffordern, dahin zu wirken, dass sowohl für den Reichsrat als auch für den Landtag in der neuen Wahlordnung nur allgemeine Wahlbezirke errichtet werden. Gleichzeitig fand eine zionistische Versammlung statt, die ebenfalls für vertraulich erklärt wurde und auf welcher die entgegengesetzten Forderungen, das heisst die Errichtung einer jüdischnationalen Wahlkurie und Schaffung der jüdischen Autonomie erhoben wurden. Nach der Versammlung rangierten sich die Teilnehmer, zirka 500 an der Zahl, Akademiker und Handelsangestellte, zu einem Demonstrationszuge und zogen unter Vorantragung einer Standarte in blauweissen Farben vor die Gemeindekanzlei. Während ein Teil der Demonstranten auf der Strasse wartete, begab sich der andere Teil in das Gebäude selbst, drang in den Sitzungssaal ein und verlangte stürmisch, an der oben erwähnten Konferenz von jüdischen Delegierten aus ganz Galizien teilnehmen zu dürfen. Als ihnen dies mit Rücksicht auf den vertraulichen Charakter der Konferenz verweigert wurde, begannen sie zu exzedieren, so dass schliesslich Polizei requiriert werden musste, welche die Demonstranten endlich aus dem Saale hinausdrängte, wobei fünf Verhaftungen wegen Widersetzlichkeit vorgenommen wurden. Nach Aufnahme ihrer Identität wurden die Verhafteten wieder entlassen." Wir erhalten dazu von zionistischer Seite folgende Berichte: Lemberg, 2. Januar 1906. Die Präludien zu der, seitens der Regierung, dem österreichischen Parlamente für Februar in Aussicht gestellten Wahlreformvorlage hatten mit Schliessung des Reichsrates auch ihren Abschluss gefunden. Unzufrieden fahren alle Volkstribune heim. Das allgemeine Wahlrecht war für die grösseren parlamentarischen Parteien eine schlechte Weihnachtsbescherung, eine Pandorabüchse im modernen, sozialistischen Stile. Am schlechtesten daran aber waren die Polen. Durch das allgemeine Wahlrecht ward den Ruthenen, einer von den Polen durch geschickte Machinationen unterdrückten Nation, die Möglichkeit geboten, ihnen die Alleinherrschaft im Lande streitig zu machen. Insbesondere der Antrag des ruthenischen Abgeordneten Romanczuk, die Regierung möge den Juden die nationale Autonomie, zuerkennen, war ein Schlag, dessen sich die Polen gar nicht versehen hatten. Und der Schlag sass. Denn es fand sich bald ein herzhafter Jude, Abgeordneter Dr. Straucher und nach ihm einige einflussreiche Ruthenen, die den Antrag Romanczuks unterstützten und auch sehr logisch begründeten. Bald konnte man auch eine rege Agitation überall unter den Juden gewahren. Es wurden Volksversammlungen einberufen, Resolutionen gefasst und Petitionen an die Regierung behufs Errichtung einer jüdischnationalen Autonomie vorbereitet. Bisher waren es die Juden gewesen, die den Polen ihre Rücken bereitwilligst hinhielten und ihnen so in den Sattel halfen, — wenn auch nur ein kleines, schmutziges Trinkgeld für die jüdischen Repräsentanten dabei abfiele. Und nun sollen die Polen auf diese billige Arbeitskraft verzichten! . . Es herrschte grosse Verwirrung im Lager der Polen, sie sahen ratlos der Zukunft entgegen. Da meldete sich bei ihnen Dr. Byk, den man spöttisch ihren Hausjuden nennt, und bot ihnen gegen eine gewisse Provision seine schon oft be-