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Die Welt · 1906-01-05 · 1 (5.1.1906) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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TABELLE II!. Es wanderten ein russische Juden nach den Staaten: 1881- -1896 1897- -1904 1881- -1904 Verein. Staaten 476 000 312 000 788 000 Grossbritannien 40 000 40 000 80 000 Palästina 15 000 10 000 25 000 Kanada 10 000 10 000 20 000 Südafrika 16 500 16 500 33 000 Deutschland 10 000 5 000 15 000 Frankreich 20 000 20 000 40 000 Sonstige Länder 15 000 15 000 30 000 insgesamt 602 500 428 500 1031 000 Fast der fünfte Teil aller russischen Juden hat also in den letzten 25 Jahren seine Heimat gewechselt. Wir müssen weit in der Geschichte des jüdischen Volkes zurückgehen, um auf ähnliche Massenwanderungen zu stossen. BRIEF AUS KANADA. (Von unserem Korrespondenten.) DER PREMIER-MINISTER VON KANADA UEBER DIE MASSAKER IN RUSSLAND. EIN MORALISCHER ERFOLG DER ZIONISTEN. 3. L. Montreal, Dezember 1905. Es wird den Lesern der „Welt" schon durch die Tagespresse wohl bekannt sein, dass in Ottawa eine grosse jüdische Protestversammlung anlässlich der Judenmassaker in Russland stattgefunden hat, der auch der Premierminister von Kanada Sir Wilfrid Laurier beigewohnt hat. Es würde nicht uninteressant sein, insbesondere mit Hinsicht auf die hohe politische Bedeutung der Rede des Premierministers, die er in besagter Versammlung gehalten hat, den Verlauf derselben detaillierter zu schildern. Die Anregung zur Veranstaltung der Protestkundgebung ging von der „Federation der zionistischen Vereine Kanadas" aus. Es sollte dadurch eine moralische, und materielle Unterstützung der Juden in Russland erzielt werden. Es wurden ausserordentliche Anstalten getroffen und die Versammlung versprach, imposant zu werden. Aber sie nahm noch grossartigere Dimensionen an, als es bekannt wurde, dass der Premierminister sein Erscheinen in der Versammlung angekündigt habe. Schon lange vor der angegebenen Stunde war der grosse Saal, in dem die Versammlung stattgefunden hat, dicht gefüllt und viele Besucher mussten wegen überfüllten Raumes fortgehen. Die Rednerbühne war schwarz beschlagen und der Saal schwarz drapiert. Die zionistischen und britischen Fahnen schmückten die Tribüne. Am Präsidialtisch sass der Mayor von Ottawa. Neben ihm die hervorragendsten Mitglieder des Parlaments, der hohen Geistlichkeit, die Vertreter der Universität, Justiz und auch der zionistischen Organisationen. Mr. Clarence J. de Sola, Obmann der zionistischen Organisation von Kanada, hielt die Eröffnungsrede. Er legte die Gründe dar, die die Federation bewogen haben, die Versammlung einzuberufen, die Gründe, die in den furchtbaren Ereignissen in Russland gelegen seien. Nachdem er in leidenschaftlichen, von Erregung zitternden Worten die Versammelten und die gesamte Judenschaft Kanadas aufgefordert hatte, ihren bedrängten Brüdern mit Gaben zur Hilfe zu eilen, betonte er des Ferneren, dass diese Hilfeleistung nicht die einzige sei, die uns die gegebenen Umstände auferlegen. Eine noch wichtigere Pflicht sei, Mittel zu finden und Schritte zu unternehmen, um die Wiederholung ähnlicher Greuel unmöglich zu machen. Man könne sich jetzt nicht mehr mit dem Gedanken vertrösten, dass Protestversammlungen und Geldsammlungen dem Unglücke zu steuern vermögen. Die Geschichte des letzten Vierteljahrhunderts habe bewiesen, dass man eine andere Politik betreiben müsse. Das haben die Zionisten eingesehen. Hätten die Nichtzionisten ihnen geholfen, für die Juden in Russland, die in so barbarischer Weise verfolgt werden, ein öffentlich-rechtlich gesichertes Heim zu erwerben, so wären die letzten Stürme über das jüdische Volk nicht hereingebrochen. Die Ereignisse werden hoffentlich die Antizionisten eines Besseren belehrt haben. Wohl können ja auch Tausende von Juden nach Kanada einwandern, aber das genüge nicht. Kanada könne die ganze Masse der Juden nicht absorbiren. Die russischen Juden müssen eine nähere Heimat finden, und diese sei Palästina. Zur Unterstützung der Resolution Mr. de Solas sprach Parlamentsmitglied Mr. Robert Stewart. Dann erhob sich der Premierminister von Kanada Sir Wilfrid Laurier, der bedeutendste Politiker und einer der besten Redner des Landes, um die Resolution zu unterstützen. Ein donnernder Applaus begrüsste ihn, den ersten leitenden Staatsmann, der in einer jüdischen Versammlung erschienen und für jüdische Angelegenheiten öffentlich aufgetreten ist. Ich kann leider nicht wörtlich die Ausführungen des Premiers wiedergeben und muss mich darauf beschränken, die oratorisch und sachlich glänzende Rede in abgekürzter, durchaus nicht adäquater Form zu skizzieren. „Das Gefühl des Entsetzens übermannt mich, wenn ich an die Grausamkeiten denke, die an den russischen Juden verübt wurden. Die Erde Russlands ist blutgetränkt, und ein unauslöschlicher Fleck haftet auf Russlands Namen. Die ganze Kulturwelt ist entsetzt über diese Barbarei. Wenn wir uns sagen müssen, dass die Schilderungen, die uns Mr. de Sola gegeben hat, der Wirklickkeit entsprechen, so empfinden wir ein Schamgefühl, dass ähnliche Vorkommnisse in unserer Zeit möglich sind. Es ist eine Schande für die Menschheit. Wenn auch unsere Worte in Petersburg kein Gehör finden würden, die Wellen der Entrüstung und des Zorn.es der ganzen zivilisierten Welt, würden höher schlagen. Die Petersburger Regierung sei jetzt wahrscheinlich nicht mehr imstande, das entfachte Feuer zu löschen. Denn, seit Jahr und Tag, blieb sie taub und unzugänglich für alle Forderungen der Gerechtigkeit, Freiheit und Reform. Die Misswirtschaft der russischen Autokratie hat die Revolution heraufbeschworen und alle mit ihr verbundenen Schrecknisse. Wenn auch der Protest, den wir jetzt erheben, die Wiederkehr solcher Grausamkeiten nicht zu verhindern vermag, so können wir doch auf dem von Mr. de Sola angegebenen Wege den Leidenden helfen. Man muss wirksame Massregeln für die Zukunft treffen. Als die Einwohner von Ottawa und Hull vor einigen Jahren von einer Ungeheuern Feuersbrunst heimgesucht wurden, da eilten Kanadas Bürger ihnen zur Hilfe. Aber damals handelte es sich nur um materielle Schädigung. Die Judenmassaker haben aber Menschenopfer zu Tausenden verschlungen. Die Juden waren die Ersten, die dem Morde und Raube zum Opfer fielen. Es kann kein Zweifel mehr bestehen, worin die Pflicht jedes Menschen zu bestehen habe" . . . . „Und der Premierminister sagte weitet: „Wir können nicht alle russischen Juden, die die Massaker überlebt haben, herbringen. Das Land kann nur eine beschränkte Zahl von Einwanderern aufnehmen, aber wer immer herkommen wird, möge sicher sein, dass er herzlich willkommen geheissen wird in diesem Lande, wo britische Freiheit herrscht und Recht für alle verheisst. Die Uebrigen aber, die diesen Weg nicht wählen können, haben eine Richtung, die Mr. de Sola vorgezeichnet hat." Mit begeisternden und begeisterten Worten der Sympathie und Brüderlichkeit schloss der Premier seine Rede, die von einem nicht endenwollenden Applaus belohnt wurde. Es sprachen ferner Parlamentsmitglied Beicourt, die früheren Speaker des Unterhauses, Senator Charles Murphy, Dekan Mackay und andere. Sympathiekundgebungen und Spenden kamen von allen Seiten, darunter auch von Staatssekretär Mr. Scott und Justizminister Mr. Fitzpatrick. An der Spitze der Spendenliste trug Sir Lauri.er seinen Namen mit einer grösseren Gabe ein. Die Schlussrede hielt Mr. Clarence de Sola, der die historische Bedeutung dieser Versammlung hervorhob und dem Premier dankte. Sir Laurier replizierte in bewegten Worten, und mit einem Dankesvotum für das Präsidium schloss die imponierende Versammlung. BRIEF AUS ARGENTINIEN. Die Judenmassaker in Russland und die öffentliche Meinung in Argentinien — Sympathiekundgebung für den Zionismus. O Buenos-Ayres, Dezember 1905. Die grauenvollen Nachrichten aus Russland haben auch unsere stagnierende Gesellschaft aufgerüttelt. Dank den Bemühungen der „ Feder acion Sionista Argentina" gelang es, eine Reihe von Protestversammlungen und Beileidskundgebungen in der ganzen Republik, besonders aber in der Hauptstadt, Buenos-Ayres, zu veranstalten. Hier, bei dieser traurigen Gelegenheit, wie bei vielen anderen Anlässen, waren die Zionisten wieder die Einzigen, die den wesentlichen Erscheinungen des politischen Lebens ein ernstes Verständnis entgegenbrachten,

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