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Die Welt · 1906-01-05 · 1 (5.1.1906) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No.l D1E3§& Diese Gründe sind für uns weder von materiellen, noch von psychologischen Gesichtspunkten aus interessant. Wenn auch Brandes der Prophet einer vergangenen Zeit war, der heute nur mühsam und mit unvergleichlich geringerer Wirkung seine Person und seine Anschauung auf neue Dinge einrichten und bei neuen Menschen zur Geltung bringen kann, er gehört immerhin zu den feinsten Köpfen Europas. Man hat nicht das Recht anzunehmen, dass ihm von seinem früheren Spürsinn für das Kommende, für keimende Grösse, dass ihm von seiner kritischen und analytischen Kraft alles abhanden gekommen sei. Wir hatten also Grund zu erwarten, dass er in einem ernsten Urteil über eine ernste Frage — und dass er sie ernst nehmen wollte, beweist ja seine öffentliche Äusserung — etwas Tieferes, Künstlerisches, etwas nach Form und Inhalt Bestechendes, das einen den Gegner respektieren lässt, bieten werde. Er wartet uns mit Banalitäten auf, mit Oberflächlichkeiten und Schalheiten, die noch unter dem Durchschnittsniveau des Gemeinplätzlichen liegen. Sein Haupteinwand gegen den Zionismus ist die Rassen- Unreinheit der Juden. In dialektischer Spielerei, für die das Wort dilettantisch zuviel wäre, folgert er aus der Tatsache, dass dieser oder jener Forscher bei den Hebräern Blutmischungen mit anderen Volksstämmen nachgewiesen hat, wie absurd die Proklamierung einer jüdischen Nation sei. Als ob das Problem der jüdischen Volksgemeinschaft in der grösseren oder geringeren Blutreinheit läge! Lächerliches Argument! Hat er als Wissenschaftler sein Rüstzeug aus der Bibliothek der noch dunklen und wirren Rassentheorien geholt, so könnte statt langwieriger Auseinandersetzungenüm ein Göthe'sches Wort zu varriieren, jeder Hooligan den Ideologen lehren, wie wenig er bei der Ausübung seines Gewerbes darnach fragt, ob in Urahnenzeiten das Blut seines Opfers durch einen chazarischen oder spanischen Einschlag „gereinigt" wurde. Ist's das Argument des Politikers, dann verweisen wir ihn auf den andern Georg Brandes, der für die Unabhängigkeit des — sicherlich weit mehr vermisch+en — polnischen Volkes eingetreten ist, ohne auch nur einen Augenblick an die Blutanalyse zu denken^ Nein, nein, bei den Polen hat Brandes, der ja auch sonst einen scharfen Blick für das Typisch-Individuelle hat, wenn er will, das Typisch-Individuelle einer Volksgemeinschaft schnell und ohne Gewissenszweifel herausgefunden. Und so zeigt sich uns das Janusbild, das wir auch von anderen her kennen: Georg Morris Cohen Brandes, der nun einmal den Juden nicht gut abstreifen kann, selbst wenn er sich der Oeffentlichkeit zumeist nur als der Däne Georg Brandes vorstellt, ist allen andern Völkern gegenüber der kosmopolitische Jude, dem jüdischen Volke gegenüber der jüdische Kosmopolit. Und weiss selbst nicht, wie sehr das für gewisse Kreise typisch-jüdisch ist. Dass er aber, der Schöngeist, der Künstler nicht den festen Grund seines Volkes finden kann, das eben stellt ihn auch hier ausserhalb seiner Zeit, die nicht mit Worten, die mit tausend Zeichen die Macht und den Wert der Stammestümlichkeit predigt. Stellt ihn auch ausserhalb jener anderen jüdischen Aestheten und Künstler unserer Tage, die nicht weniger Kosmopoliten, nicht weniger Europäer, auch Träger glänzender Namen-sind, und aus ihrer Seele heraus, nicht beschwert durch allerhand Klügeleien, den Weg zum Judentum gesucht und schnell gefunden haben. Wenn diese Menschen auch nicht alle Zionisten sind, so sind sie auch allerdings nicht —i was man sonst gerade will. NichtUnterdrückte Juden. Genug der Polemik. So ausführlich sie auch noch im Hinblick auf die anderen Einwände, die Brandes macht, sein könnte, sie wäre ermüdend und am letzten Ende zwecklos. Nun zu etwas Anderem. An einer Stelle schreibt Brandes: „Ich schrieb im Jahre 1901 einen Artikel: „Jüdische und christliche Rumänen." Deutsch sollte die Herausgabe in einem Weltblatte vor sich gehen. Der Aufsatz wurde angenommen, aber blieb ungedruckt einen Monat, zwei, ja drei Monate, trotz wiederholter Aufforderungen meinerseits. Platzmangel und ähnliche redaktionelle Ausreden wurden vorgeschützt. Schliesslich erfuhr ELT ich,Ifdass die Zeitung sich fürchtete, der rumänischen Regierung unangenehm zu werden, mit welcher sie in finanziellem Verkehr stand, und der Aufsatz wurde niemals gedruckt. Es ist also nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort so leicht, für die Juden zu wirken, wie Dr. Fränkel es sich vorstellt; man trifft unter anderm auch nichtUnterdrückte Juden auf seinem Weg." Wir wundern uns sicherlich weniger über diese „Stammes- Eigentümlichkeit" der sogenannten Judenpresse als Brandes, dem ja offenbar das Verständnis für Stammes-Eigentümlichkeiten abgeht. Aber wir gestehen, dass die Enttäuschung, die Brandes da erlebte, auch für uns einer gewissen Pikanterie nicht entbehrt. Gerade weil es sich um Brandes handelt. Das äussere Knechttum, die innere Verlogenheit dieser Presse kann nicht greller beleuchtet werden, als es durch seine Worte geschieht. Man sollte doch annehmen, dass wenigstens Brandes, der unverdächtige Kosmopotit, dessen Unparteilichkeit in jüdischen Dingen durch sein internationales Vorleben auch für Nichtjuden genügend garantirt erscheint, dessen berühmtem Namen man leicht eine kleine Schwäche zugutehalten würde, dass wenigstens einem solchen Mann der Weg in die grossen Blätter mit den Redakteuren jüdischer Konfession offenstände. Dass auch er diese Wand des Spekulations- und Börsenjudentums nicht durchbrechen kann, dass diese Art Blätter sich nicht entblödet, ohne Furcht und Scham ihren Gesinnungshandel vor einem Brandes zu deklarieren, das beweist, dass diese Macht durch eine andere gebrochen werden muss, die stärker ist als die Kraft eines Einzelnen. Wenn diese andere Macht auch heute noch nicht geschlossen dasteht, sie zieht doch in Reihen herauf. Manch' andere Mauer ist schon gefallen. Schon gewöhnt man sich daran, dass das „feige", das Schutzjudentum durch ein unerschrockenes, männliches, ersetzt wird. Schon beginnt sich auch aus nichtzionischen Kreisen eine immer stärker werdende Schaar von der alten phlegmatisch-trägen Schicht abzulösen und mit wachsendem Verständnis den Forderungen des jüdischen Lebens gegenüberzutreten. Die alte Repräsentanz fällt, muss fallen. Jüdische Politik, jüdische Sachwalter — das sind keine revolutionären Worte mehr innerhalb der Judenheit. Es sind wirkliche Faktoren, und man muss mit ihnen rechnen. Der letzte Block aus trauriger Vergangenheit aber ragt noch in die Höhe, schwer zu stürzen, wenn ihn auch schon so mancher Stoss getroffen hat —: die „Judenpresse". Noch übt sie ihr einbringliches Metier: Mit den Juden und ihrem Schicksal zu jonglieren — je nach Bedarf, sie mit marktschreierischen, untauglichen, gefährlichen Mitteln zu „schützen", wie man's nennt, sie preiszugeben, totzuschweigen, zu verleugnen, wo es die politische oder die Geldbörse verlangt. Noch ragt der Block, aber er wird fallen, muss fallen. Die jüdische Presse wird die Judenpresse besiegen. Stadthauptmann Neidhardt. Der Stadtgouveneur von Odessa Neidhardt, der jüngst in Abbazia als der „Bluthund von Odessa" der allgemeinen gesellschaftlichen Aechtung verfiel — hat sich nach berühmten Mustern interviewen lassen. Dieser Versuch einer Ehrenrettung ist ein klassisches Dokument für die verruchte, verlogene Taktik des verbrecherischen russischen Beamtentums, das seit Ignatiew und Plehwe mit kalter Ueberlegung, mit furchtbarster Exaktheit die blutigsten Pogrome organisiert, inszeniert und mit den teuflischsten Mitteln geschürt hat, um dann in Westeuropa seine Unschuld, seine Entrüstung seine Schuldlosigkeit zu beteuern. Neidhardt's Erklärungen lauten: „Gegenüber den unerhörten Beschuldigungen, deren Zielscheibe ich war, fühle ich mich gedrungen zu erklären, dass der Vorwurf, als hätte ich die beklagenswerten Ausschreitungen in meinem Amte zu begünstigen gesucht, eine Verläumdung ist. Ich protestiere mit aller Entschiedenheit gegen die Angabe, als wären die Pöbelexzesse in Odessa unter Teilnahme oder mit Bewilligung der Polizei geschehen. Wir standen seit 4 Tagen vom 24. Oktober alten Stils angefangen der Erneute der Revolutionäre gegenüber. Es wäre Wahnsinn gewesen, in dieser entsetzlichen Lage eine Erleichterung daraus zu erwarten, dass der Mob auf die jüdischen Ladenbesitzer gehetzt wurde. Es wurde behauptet, dass ich durch die Pöbelexzesse die Liberalen terrorisieren und die neu verliehene Konstitution komprimitteiren wollte. Leider haben dies die Revulitionäre sofort selbst getan. Gegenüber der Bemerkung, dass

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