Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316188--47662-3342558- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
8------DIE WELT-------No.l die Polizeileute die Plünderer zu Ausschreitungen ermunterten und ihnen Straflosigkeit zugesichert haben, erkläre ich: „Es mag sein, dass solche vereinzelte Fälle von Pflichtvergessenheit vorgekommen sind. So ungeheuerlich auch dieses Verhalten ist, so muss man bedenken, dass der gute Geist im Polizei korps durch die jüngsten Vorfälle leider ziemlich erschüttert worden ist. Sowohl Polizei als auch Militär waren erbittert, weil die Mitglieder der revolutionären Partei von Odessa, in der die Juden ziemlich stark vertreten sind, nach der Verkündigung der Konstitution aus der Haft entlassen wurden, obwohl sie wenige Tage zuvor aus den Fenstern und von den Barrikaden herab auf die Kameraden geschossen hatten Die Mörder ihrer Waffengefährten wurden unter mannigfachen Ehren aus dem Gefängnis geholt. Einzelne Organe der Polizei Hessen sich unter Einwirkung der geschilderten Stimmung eine gewisse Lässigkeit zuschulden kommen. Ich zweifle nicht, dass sie exemplarisch bestraft worden sind. Aber ich beteuere bei meiner Ehre, dass sowohl ich als auch der Befehlshaber der Truppen, Baron Kaulbars, alles aufgehoben haben, um das Unglück einzudämmen. Auf die Frage, wie es komme, dass die Plünderungen drei Tage lang gedauert hatten, ohne dass eine entsprechende Anzahl von Personen verhaftet wurde, antwortete ich folgendes: Die Plünderer nahmen Reissaus, sobald sie der Polizei auch nur von Weitem ansichtig wurden. Daher konnten viele entweichen. Es ist viel leichter, einen Aufstand, der sich auf den Barrikaden konzentriert, zu bewältigen, als eine plündernde Rotte, die sich einzeln oder zu zweien über die engen Gässchen eines ausgebreiteten Stadtgebietes verteilt, dingfest zu machen." Auf die weitere Frage, ob es richtig sei, dass Neidhardt seine Demission gegeben habe, und dass ihm der Posten eines Gouverneurs von Nischni-Nowgorod, dessen Verleihung als ein Zeichen hohen Vertrauens gilt, angeboten worden sei, erwiderte Neidhardt: „Es ist mir leider unmöglich, mich über diese Angelegenheit zu äussern. Nicht als ob ich ein persönliches Interesse daran hätte, über diese Anfrage hinwegzugleiten, sondern es sind ausschliesslich Gründe der Delikatesse, die mich schweigen lassen. Man soll nicht sagen, ich wollte vor Schluss der Untersuchung zu meinen Gunsten Stimmung machen." Schliesslich bemerkte Neidhardt, dass der mit der Untersuchung betraute Senator K u s m i n s k i seine Arbeiten bald beendigt haben und sich dann nach Petersburg begeben werde. Dann würden alle Aufklärungen gegeben werden können." Es wäre ein müssiges Beginnen, das Lügengewebe dieses typischen Repräsentanten des glatten, gleissnerischen Tschin durch die Vorführung der hundertfach belegten Tatsachen zu widerlegen. Dieses Interview hat aber noch eine andere Seite, eine recht klägliche. Es ging durch viele deutsche Blätter — die „Judenblätter" eingeschlossen - und keines der grossen Blätter hielt es für notwendig, auch nur einen kurzen Kommentar daran zu knüpfen« Ist es nicht unerhört, dass noch durch diese seltsam weit getriebene diplomatische Höflichkeit einem verbrecherischen russischen Stadthauptmann Gelegenheit gegeben wird, sich widerspruchslos „reinzulügen"? Für das Interview fand sich überall ein Platz an hervorragender Stelle. Hat keines dieser Blätter wenigstens ein Winkelchen übrig, um die Schmach aufzudecken, die das traurige Nachspiel der Pogrome bildet, um ein Wort zu verlieren über die unerhörte Justiz, die jetzt — den toten und lebenden Juden zum Hohn — drüben in Russland geübt wird? Russische Justiz. Die Zuverlässigkeit der russischen Untersuchungsrichter haben ja schon die Prozesse von Kischinew und Hornel bewiesen. Auch die jetzige Untersuchung, die von der Regierung mit grossem Pomp angekündigt wurde, scheint denselben Verlauf nehmen zu wollen. In den kleineren Städten leiten die Untersuchung die Teilnehmer und Veranstalter der Pogrome selbst. So z. B. wird von der „Ptbgs. Gazetta" aus B oho pol folgendes berichtet: „Als in den Pogromtagen die Räuberbanden das benachbarte Städtchen Golta ausgeplündert und beinahe gänzlich niedergebrannt hatten, bewegten sie sich heulend und blutdürstig zu dem durch eine Brücke getrennten Städchen Bohopol. An der Brücke wurden sie von den christlichen Repräsentanzen mit Brot und Salz empfangen und willkommen geheissen. An der Spitze dieser Repräsentanz stand der Richter, dem jetzt die Untersuchung anvertrant wurde. Was man sich davon versprechen kann, ist ohne weitere Komentare klar." Aber auch in Odessa und Kiew, wohin von der Regierung spezielle Vertreter, die Senatoren Kusminsky und Turau zur genauesten Erforschung der tatsächlichen Sachlage und Feststellung der Schuld der lokalen Behörden an den Pogroms entsandt wurden, nimmt die Untersuchung einen unwürdigen, tragisch-lächerlichen Charakter an. So sind die Beamten und Polizeikommissäre, deren Schuld durch das von den Professoren der örtlichen Universitäten und dem Verbände der Rechtsanwälte herbeigeschaffte und sorgfältig gesichtete Material bewiesen wurde, nicht nur in Amt und Würden verblieben, sondern auch zur Untersuchung selbst herangezogen worden. Es geht so weit, dass der Privatsekretär des Senators Kusminsky selbst, dessen Obliegenheit es ist, die Zeugenaussagen zu formulieren und zu Protokoll zu bringen, einer der Hauptteilnehmer des Odessaer Pogroms war. Nachdem es den vereinigten Bemühungen der Universitätsprofessoren und des Verbandes der Rechtsanwälte nicht gelungen ist, den Senator Kusminsky zu überzeugen, dass es im Interesse der Sache wäre, die administrativen Personen von ihren Stellungen zu entfernen und Vertrauensmänner der Bevölkerung zur Untersuchung heranzuziehen, haben sie es abgelehnt, ferneres Material dem Senator zu liefern, da sie eine Justizkomödie, wie sie in Kischinew und Hornel veranstaltet wurde, nicht mitmachen wollen. Wie der Prozess ausfallen wird, kann man sich leicht denken. ^. Immer und immer siud die Juden im Bitt- und Bietpolitik. Uufe ihrer Golus.Geschichte als Bittende gekommen, nie als Bietende. Und alles, was man gewährte, war ein Geschenk, kein Angebot. Man bietet nur dem, von dem man einen Gegendienst erwarten kann. Es gab eine Zeit — und das ist nicht lange her, — da es ein Wahnwitz gewesen wäre, nur den Gedanken zu hegen, dass irgend eine Regierung mit den Juden in Unterhandlungen treten, ihnen Land anbieten werde. Anbieten? Die Juden baten ja nur. Einem Bittenden kann man höchstens huldvoll etwas schenken. Die Entwicklung des jüdischen Lebens hat in dieser Hinsicht umwälzend gewirkt. Was früher ein Wahnwitz war, ist heute ein ernster Vorschlag, kann morgen eine Wirklichkeit werden. Wir können aus einer an anderer Stelle des Blattes gebrachten Meldung ersehen, welche politische Haltung der Premierminister von Can ada der Judenfrage gegenüber eingenommen hat. Es fehlt uns nicht an Beweisen dafür, dass auch andere Staaten, wie z. B. die Bundesrepublik von Australien den ernsten Willen haben, offiziell mit den Vertretern der Judenschaft — und diesmal war es wiederum die zionistische Organisation, an die man zunächst dachte — in Unterhandlungen wegen Regulierung der Einwanderung der russischen Juden nach einem ihrer staatlichen Gebiete zu treten. Aber auch die englische Regierung, die Ca mpbell-Ba nnermann'sche, die das konservative und imperialistische Kabinett Balfours abgelöst hat, tritt in dieser Beziehung in die Fussstapfen Cha mbe rl a ins. Ein in den Tagesblättern am 2. Januar erschienenes Telegramm aus London meldet: „Der Unterstaatssekretär für die Kolonien, Winston Churchill, hat an den Führer der Zionisten in England, Israel Zangwill, ein Schreiben gerichtet, worin er seiner vollen Sympathie für den Plan einer jüdischen Kolonie in Ostafrika Ausdruck gibt. Er gedenkt der Schwierigkeiten des Planes, meint aber, sie würden hoffentlich überwunden werden, und verspricht, sein Äusserstes zu tun, um Zangwills edle Vision einer festen Heimat für Juden unter der Flaggte der Toleranz und der Freiheit in die Wirklichkeit umzusetzen." Wir wollen jetzt nieht die politische Bedeutung dieser Kundgebung beurteilen. Aber alle die angeführten Tatsachen sind ein charakteristisches Zeichen für die Wendung, die die Behandlung der jüdischen Politik seitens der offiziellen Vertreter der Staaten genommen hat. Und wenn nur dies allein der Erfolg der jüdisch-bewussten Politik wäre, so könnte sie sich mit Genugtuung vor den lächelnden und wichtigtuenden Gegnern jeder reellen jüdischen politischen Arbeit ausweisen. Diese wollen im besten Falle die Grossalmoseniere des Judentums sein, die politisch denkenden Juden dieser oder jener Schattierung sind stolz darauf, seine Vorkämpfer und Pfadfinder zu sein. Jene bitten, und man schenkt ihnen nichts, diese bieten, und es wird ihnen geboten. Und wenn die Stunde kommt, werden sie auch ihre Zeit ausnutzen können.