Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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6 DIE^EELT No.l wohl hüten, einer andersgearteten, anderssprachigen Kultur, in ihrer Mitte freien Lauf zu lassen. Es ist ein Irrtum, wenn man meint, die freien Polen werden der Entwickelung einer jüdischen Kultur keine Hindernisse in den Weg legen. Wer mit ihnen wird leben wollen, leben müssen, der wird sich ihnen anpassen müssen. Und wir würden das merkwürdige Schauspiel erleben, anstelle einer mehr oder weniger einheitlichen „russischen" Judenschaft „polnische", „lettische", „kleinrussische" Judenschaften zu sehen. Aber das Paradoxale liegt noch in einer anderen Lebenssphäre — in der wirtschaftlichen. Als Ideologen, als Theoretiker sind die russischen Juden für die soziale Revolution. Die russischen Liberalen sind unzuverlässig. Die Partei der Radikalen nur ein Beiwerk der Sozialisten. Die einzige bewusste, starke und organisierte Partei ist die der Sozialdemokraten. Die politische Vernunft wie die theoretischen Schlussfolgerungen würden damit den Anschluss an das Proletariat ratsam erscheinen lassen. Und trotzdem wäre der Sieg des Proletariats unter gegebenen Umständen eine wirtschaftliche Katastrophe für die Juden, die doch nur in einem sehr geringem Mass Klassenproletarier, in ihrer überwiegenden Zahl aber mit der bestehenden, ökonomischen Ordnung verbunden sind. Sie haben alles für das Proletariat, erhoffen "nichts von dem Proletariat. Das ist das Paradoxon der russischen Lage. Und dieses kann nicht in Russland gelöst werden. Es ist eine historische Zeit. Man muss ihr würdig entgegentreten. Die Parole der modernen Politik ist nicht mehr „laissez faire". Nicht sich gehen lassen, die Zeit selbst für uns arbeiten lassen. Wir müssen die Zeit zwingen, das Leben selbst schaffen. Die Grundtendenz der jüdischen Politik war immer das Abwarten. Es war Trägheit, es war Messianismus, Schwärmerei vom tausendjährigen Reiche, vom „dritten Reiche." Die russische Revolution hat die Welt rascher gehen gelehrt. Die Kanonen von Moskau haben verkündet, dass auch das trägste Volk der Welt das Leben sich selbst erobern, sein Schicksal sich selbst schmieden will. Und es wird sein Ziel erreichen. Der Wille kann Berge versetzen. Aber der zielbewusste. Wollen wir! — A. Cor. POLITISCHE REVUE. Die Herren und die Knechte. DieSchlachta inGalizien hat zu lange ihre Herrenrechte ausgeübt, um ohne Kampf den neuen Elementen, den Ruthenen und den Juden, die Recht und Stimme im Lande verlangen, das Feld zu überlassen. Aber im Kampfe mit den Ruthenen ist die Schlachta machtlos, darum kühlt sie ihr Mütchen — wie es seit jeher üblich war — an den Juden. Graf Potocki, der Statthalter von Lemberg, wies auf die Möglichkeit von Judenhetzen in Galizien hin, die polnischen Blätter warnen die Juden vor dem politischen Agitationskampfe, da die Ruthenen sich an den Juden vergreifen würden. Oh, diese lieben Freunde und Warner! Gott behüte uns vor ihnen! Einer von diesen „freundschaftlichen Winken" ist eine Meldung, die das reaktionäre Grossgrundbesitzerblatt Schlesiens, die „Schlesische Zeitung", sich aus Lemberg zukommen lässt: „In mehreren Ortschaften Ostgaliziens sind Anfänge einer bedenklichen Bewegung wahrnehmbar, die eigentlich als ein Widerhall der Vorgänge, die sich im russischen Reiche abspielen, zu betrachten ist. Es tauchen unbekannte Agitatoren auf und sind sichtlich bestrebt, eine Bauernbewegung gegen die Schlachta und die Juden hervorzurufen. Am schärfsten tritt diese Agitation in dem nahe der russischen Grenze gelegenen Bezirke Podhaice hervor. In zahlreichen Gemeinden dieses Bezirkes herrscht unter den ruthenischen Bauern eine förmliche Gärung, die sich bereits in einem Agrarstreik Luft macht. Die Agitatoren erzählen den Bauern, dass der Landtag ein Gesetz erlassen habe, wonach der Lohn eines landwirtschaftlichen Arbeiters mindestens 2 Kronen betragen muss, und infolgedessen verlangen die Bauern von dem Gutsherrn, er solle ihnen diesen Lohn bezahlen. Natürlich will der Gutsherr nichts davon wissen, denn der übliche Lohn in der jetzigen Winterzeit beträgt kaum 50 bis 70 Heller pro Tag. Die Bauern nehmen eine drohende Haltung ein, und man musste bereits eine starke Gendarmerieabteilung im Dorfe^einquartieren. Auch sind unter den Bauern Gerüchte im Umlaufe, der Kaiser habe angeordnet, dass die herrschaftlichen Grundstücke und Waldungen unter die Bauern verteilt werden sollen, und es gibt sogar Leute, die der unsinnigen Erzählung Glauben schenken, dass infolge eines kaiserlichen Erlasses heuer den Bauern erlaubt ist, am griechisch-katholischen Nikolsfeste die Juden nach Herzenslust zu schlagen und sich ihres Gutes zu bemächtigen. Polnische Blätter lenken die Aufmerksamkeit der. Behörden auf diese keimende Bewegung, die angesichts des niedrigen Kulturniveaus der ruthenischen Bauern unberechenbares Unglück heraufbeschwören kann, und verlangen die rechtzeitige Vorkehrung zureichender Schutzmassregeln." Man erkennt sofort die Quelle dieser ängstlichen Meldung. Die Polenclique will die Juden einschüchtern. Kleinen Kindern jagt man Furcht ein, wenn man ihnen mit dem „Wauwau" droht, — die Juden in Galizien will man mit der „Ruthenengefahr" ins Bockshorn jagen. Und dennoch sind diese Gerüchte nicht blos Ammenmärchen. Wenn man sich zwischen Hammer und Amboss befindet, droht die Gefahr, zerquetscht zu werden. Wehe, wenn man mit Herren zu tun hat, die Knechtseelen haben, und mit Knechten, die Herrschergelüste verspüren. Polen und Ruthenen — seien wir auf der Hut! Nur „Herren," wie Abg. Byk und Konsorten verstehen noch nicht ihre Zeit! Aber man kann es auch von ihnen nicht erwarten: Sie sitzen im Polenklub und in den israelitischen Gemeindestuben. Im Polenklub sind sie die Knechte, in den Gemeindestuben die Herren, Im Polenklub diktiert ihnen der Klubzwang die f„Gesinnung," die sie haben müssen, in den Gemeindestuben aber fragt man nicht nach Gesinnung, sondern nach der Höhe der Kultusteuer. „ .... ^. Die 'dänische Zeitung Georg Brandes über den Zionismus. D ... « . . . & „Politiken bringt eine längere Äusserung Georg Brandes' gegen den Zionismus. Es ist keine freiwillige Kundgebung. Sie ist die Antwort auf einen offenen Brief unseres Freundes Dr. Fraenkel in Kopenhagen, der an Brandes die Frage richtete, warum er, der publizistische und politische Patron der Finnen, Polen, Armenier für die Unabhängigkeitsbestrebungen seiner Stammesgenossen noch keinen Federstrich getan habe. Brandes weist — vor seinem Standpunkt nicht mit Unrecht — diesen generellen Vorwurf zurück. Vor allem seien seine Interessen geteilt, er werde sozusagen als europäischer Anwalt für alles herangezogen, und es sei ihm ganz unmöglich, allen Ansprüchen und Anforderungen gerecht zu werden. Wer Brandes' Beziehungen kennt, wird ihm das ohne weiteres glauben. Wahr ist auch, was er ferner anführt, dass er sich in jüdischen Dingen durchaus nicht schweigsam verhalten, dass er vielmehr u. A. im Jahre 1901 seine Stimme für die verfolgten rumänischen Juden erhoben hat und dass er an einer energischeren Aktion — wie er sie sich dachte — durch Hindernisse von aussen gehemmt war. Allerdings meinen wir, dass das nicht die Antwort auf Dr. Fraenkels Frage war, der deutlich Brandes' Indifferenz gegenüber dem Zionismus, nicht gegenüber partieller jüdischer Not hervorhob. Aber auch in dieser Hinsicht kann Brandes für die Vergangenheit etwas wie eine Antwort geben: Er war dem Zionismus gegenüber gar nicht indifferent, er hat vielmehr verschiedentlich seine Gegnerschaft unzweideutig zum Ausdruck gebracht. Und damit sich von jetzt ab kein Zweifel an dieser Gegnerschaft mehr erheben könne, legt er noch einmal — beinahe ausführlich — die Gründe seines AntiZionismus dar. . > .