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Die Welt · 1906-01-05 · 1 (5.1.1906) · page 3

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No.l DIE ^eli- MOSKAU. In dem kalten, weissen Russland wütet der Sturm. Schnee bedeckt die gefrorene Erde. Auf dem Schnee schwarze Menschenleichen. In der alten Zarenstadt, in dem „goldkuppeligen" Moskau donnert's. Nicht Kirchengeläute braust und dröhnt, Sturmgeläute ist es. Nicht Vesperklänge, Kanonenschüsse erschüttern die starre, eisige Winterluft. Rotes Blut auf weissem Felde! . . . Und in die Erde sickert das Blut, Rache heischend, Rache zeugend. Die Revolution hat erst begonnen. Jahrhunderte von Elend und Marter, von Dummheit und Verdummung haben an ihr gearbeitet. Der ganze russische Staat, dieses ungeheuere Menschenbassin ist unterminiert, bis in die Grundfesten erschüttert worden. Seine Machthaber, seine Beherrscher und „Beglücker", die Träger der grossrussischen, allrussischen Idee, die skrupellosen Beamten, alle haben sie dem Reiche ein Grab geschaufelt. Seine Schatzgräber wollten sie sein, die die Schätze des Reiches für sich heben, für sich in Beschlag nehmen wollten, — seine Totengräber sind sie geworden. Sie haben erreicht, was sie wollten. Sie wollten den Geist in Russland töten, den Menschen bis in sein tiefstes Innerstes unterjochen, sie wollten das Volk, die Intelligenz des Willens berauben, der Tatkraft, der Fähigkeit zur schöpferischen Arbeit. Sie waren die eigentlichen „Nihilisten". Nun wüten Kämpfe, heroische, wie sie keine Revolution noch aufzuweisen hatte, nun geschehen Wunder an Tapferkeit, an Opferfreudigkeit, an Enthusiasmus, aber ein Chaos herrscht im Lande, und die fallenden Opfer haben nicht einmal die letzte Genugtuung, ihr ersehntes Ziel klar vor ihrem brechenden Auge zu sehen ... Ein Wahnsinn geht durch das Land. „Wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit"..... Aber das ist bloss die psychologische Seite der Frage. Anders steht's mit der sozialen Bedeutung der Vorgänge in Russland. Diese ist von ungeheurer Tragweite. Es ist mehr als eine politische Revolution, die bloss die Machtansprüche einer Klasse zugunsten der anderen verschiebt. Es ist eine Revolution der Gesellschaftsordnung, ein Umsturz der ganzen feudalen Lebensweise, ein Sprung in die ideale, von der westeuropäischen Gesellschaft noch nicht erreichte soziale Ordnung mit Umgehung der Zwischenstufen. Ob das gelingen wird? Ob das Ideal über die Wirklichkeit siegen wird? Der Wille und die Kraft sind Bürgen für die Zukunft. Und wenn auch die Kraft zur Stunde nicht ausreicht — tarnen est laudanda voluntas!..... Die Gegenwart — ein Jammer und ein Todesröcheln, die Zukunft — ein Traum — für das russische Russland. Und für das jüdische? ... . Es sind wenige Wochen verstrichen seit den furchtbaren Oktobertagen. Es war ein Sturm, wie ihn das Judentum seit langem nicht erlebte. Aber nach dem Sturm trat Stille ein. Die Erschlagenen sind begraben, die Verwundeten zur Not geheilt, die jüdischen vermögenden Klassen, die Wohlhabenden, insoferne sie ihr Vermögen aus dem Debacle retten konnten, haben sich teilweise beruhigt. Und die arme Volksmasse ist wiederum ihrem Geschicke überlassen. Kalter Winter, nagender Hunger, Todesgefahr und in der Zukunft keine Aussicht, keine Hoffnung. Bisher ist für sie nichts getan worden, weder seitens der Regierung, noch seitens der revolutionären Parteien. Graf Witte, er, den die russischen Reaktionären einst in ihrer lächerlichen, bornierten Ängstlichkeit den russischen M i r a b e a u genannt hatten, er, der sich unsterblich machen wollte und denEhrgeiz hatte, das russische Reich über die Untiefen und Klippen hinwegzuführen, ohne den ganzen Ballast des Schiffes über Bord zu werfen, Graf Witte, der Protege der jüdischen Banquiers in Westeuropa, erklärt klipp und klar, er könne und wolle nicht die Gleichberechtigung der Juden einführen. Und er weiss, dass er es sagen darf. Er weiss, dass die Juden keine reelle, politische Macht im Lande bilden. Er weiss, dass die Juden nur dann eine Gefahr und ein Staatsfaktor werden können, wenn sie für die Interessen Anderer eintreten. Sie sind eine Schutzwehr, ohne selbst geschützt zu sein. Das Verhalten der revolutinären Parteien hat bisher dem russischen Premier in seiner Ansicht Recht gegeben. Die Revolution hat auf ihr Banner zwar Gleichheit und Freiheit geschrieben, aber von der Gleichheit der Juden, von der Sonderstellung der Juden haben wir noch nichts gehört. Die Sonderstellung der Juden ist eine historische Tatsache, ist eine Realität, mit der man rechnen muss. Aber die Revolutionäre wollen auch mit dieser Wirklichkeit nicht rechnen. Und ihre Fehler büssen wiederum die Juden. Würde sich in der russischen Revolution nur um die Einführung bürgerlicher Freiheiten handeln, wäre sie eine Revolution im alten, hergebrachten Stile, so wäre es vielleicht für die Juden am besten und füglichsten, die Ereignisse abzuwarten. Aber in einer Revolution, wo das ganze Staatsgebilde in Frage gestellt wird, in einer Zeit, da neue Machtverhältnisse geschaffen werden, die Nationalitäten zu ihrem Rechte kommen, aus dem alles verschlingenden, unifizierenden und nivellierenden Zarenreiche ein Bund von Völkern und Stämmen wird, müssen die Juden aktiven Anteil nehmen, mit einer Parole und einem Programm hervortreten. Die revolutionären Parteien und die revoltierenden Nationalitäten haben keine Zeit, sich mit der Judenfrage zu befassen. Es ist ein Zeitpunkt, da jeder Einzelne, jede kollektive Körper, schaft, — Klasse oder Volksstanim — ihre eigenen Interessen wahren muss. Denn dies ist der grosse, einschneidende Unterschied zwischen der alten politischen Weltanschauung und der neuen, zum Durchbruch kommenden. Früher galt die Gesellschaft als der Bevormundung bedürfend; die Individuen mussten bemuttert, kontrolliert werden. Die neue Weltanschauung lässt den Menschen frei walten, seine Interessen selbst wahren. Weder besonnen, noch beschatten. Und wenn sie nun auf sich allein gestellt sind, was sollen jetzt die russischen Juden verlangen, wie sollen sie sich zur Zukunft stellen? Man muss ein Maximum haben, wenn auch nur das Minimum erreicht werden kann. Das Minimum ist die Gleichberechtigung, die menschenwürdige Existenz, die bürgerliche Freiheit. Aber genügt das? Die Entwickelung des Lebens in Europa hat bewiesen, dass Freiheit ein leerer Begriff ist, wenn sie sich nicht auf Macht stützt, aus den Machtverhältnissen hervorgeht. Frei ist nur der Starke, der Beschützer und der Schutzbefohlene können auch nicht „gleich" sein. Aber wie sollen die Juden in Russland eine politische Macht werden, wie soll ihre Maximalforderung lauten? Die höchste Forderung eines Volkes ist Selbständigkeit. Diese Forderung haben auch die Polen, die Letten, die Kaukasier aufgestellt. Und wenn sie auch nicht ganz unabhängig werden sollten, eine gewisse Selbständigkeit werden sie sicherlich erlangen. Können die Juden dasselbe erhoffen? Und hier kommt das Paradox im jüdischen Leben. Die Juden haben als Bürger ein Interesse daran, dass Russland sich radikal umändere, aus der zentralisierten Monarchie ein Staatenbund werde. Aber die Interessen der jüdischen Gemeinschaft, oder sagen wir es offen, der jüdischen Nation liegen nicht in derselben Linie. Die Dezentralisierung Russlands, die Autonomisierung einzelner Teile und Provinzen ist eine Gefahr für den Bestand d e r j ü d i s c h e n N a t i o n , eine Gefährdung ihrer kulturellen Einheit, ihrer Interesseneinheit. In demselben Momente, in dem Polen ein autonomer Staat wird, Ukraina sich vom Russentum lossagt, das baltische Gebiet von den Letten und Esthen in jeder Beziehung, kultureller und politischer — majorisiert wird, ist die Einheitlichkeit des jüdischen Milieus durchbrochen. Junge, aufstrebende Nationen, kleine, für ihren Bestand hartkämpfende Völker, sind besonders chauvinistisch. Ja, sie müssen es sein, sie müssen sich vor den Einflüssen von aussen verschliessen. Die freigewordenen Völkerschalten Russlands werden sich

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