Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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4 DIE3|KELT No.l DIE BRÜSSELER KONFERENZ. | s war zur Zeit, da die russische Katastrophe auf die Juden alier Länder einstürmte, sie betäubend, verwirrend mit ihrer unerhörten Wucht. Ausbrüche des Schmerzes, der Trauer, der Empörung folgten dem ersten Schrecken, sofort aber auch Aktionen brüderlicher Hilfsbereitschaft und Teilnahme, die die jüdische Geschichte dankbar als ein tröslliches, ehrenvolles Zeugnis aus den Tagen, die voll Schauder und Grauen waren, der Erinnerung der Späteren bewahren wird. Man tat, man half, jeder nach seiner Weise, nach seiner Kraft. Aber wie die Ereignisse, unerwartet hereinbrechend, jäh sich überstürzend, so waren auch die Hilfsaktionen, hastig, möglichst auf den Augenblick berechnet, nicht konzentriert Der Grösse der Katastrophe, dem Unglück eines Volkes hätte auch der Rat einer Volksvertretung, die Tat eines Volkes antworten müssen. Einiges, systematisches, organisiertes Vorgehen aller hilfsbereiten Juden, das war es, was not tat. Alle fühlten das, viele sagten es auch. Das zionistische Aktions-Komitee hat sich zum Anwalt in dieser Sache gemacht: Es hat noch in den schwersten Tagen für den 29. Januar eine alljüdische Konferenz nach Brüssel einberufen mit der Tagesordnung: „Die Lage der Juden in Russland." Es sind Wochen seither verstrichen. Die Lage der russischen Juden hat sich vielleicht verschoben, gebessert hat sie sich nicht Wie in den schrecklichsten Tagen des Blutbades steht auch heute noch das Problem in seiner ganzen Grösse da: Die Not der russischen Juden — was können wir tun, ihr zu begegnen, sie zu erleichtern? Wir, das heisst, die vereinigte Kraft aller grossen jüdischen Organisationen, aller jüdischen Parteien. Darauf sollte Brüssel die Antwort suchen, vielleicht die Antwort geben. Das Aktions-Komitee hat auf seine Einladung verschiedene Antworten erhalten, zustimmende, abwartende, ablehnende. Die Gründe der Ablehnungen wird man schwer verstehen. Prinzipiell konnte es hier keine Schwierigkeiten geben. Es handelte sich — ausgesprochenermassen — nicht um eine Konferenz mit zionistischen Zwecken, zionistischem Programm. Dafür haben die Zionisten ihre Kongresse. Es handelte sich um die Anbahnung einer Einigung, wenn auch nicht für alle Ziele, so doch für den einen grossen Zweck, den die Tagesordnung von vornherein festgesetzt hatte. Bisher arbeiteten die Einen philanthropisch, die Zweiten für die Emigration, die Dritten politisch, die Einen diesseits, die Andern jenseits des Meeres — aber noch nie hat sich ihr Streben in einem Brennpunkt vereinigt Deshalb war viele Arbeit nur Augenblicksarbeit, dezentralisierte, unzureichende Arbeit, und jeder Pogrom, jeder Auswanderungsstrom stellte die jüdischen Organisationen vom Neuen vor Schwierigkeiten, mit denen sie eben fertig geworden zu sein glaubten. Nun giebt es einen ungeheuren Notstand in Permanenz. Ihm wird, kann durch Einzelaktionen, durch Verteilung von Geldern, durch Versorgung Geschädigter — so notwendig das auch ist — nicht abgeholfen werden. „In diesen schweren Zeiten müssen wiralle zusammenarbeiten, und für die Arbeit des Augenblicks trennt uns ja absolut nichts." Das ist die erste Stellungnahme Dr. Paul Nathans zur Brüsseler Konferenz, also eines, der kein Zionist ist, dem man aber Unkenntnis der gegenwärtigen Situation kaum vorwerfen kann. Wir können auch unterschreiben, was der „Jewish Chronicle", dem man gleichfalls keine zionistischen Tendenzen zumuten wird, in seiner letzten Nummer an leitender Stelle ausführt: v Unglücklicherweise wird, wie wir beständig betont haben und wie es gerade die Zionisten z. B. Mr. Greenberg behauptet haben, die russische Not niemals durch Auswanderung beendet werden. . Wenn selbst die russischen Juden ihr Land en masse zu verlassen wünschten, könnten sie es nicht. Eine grosse Gemeinde würde immer als Geisel in der Hand der russ ischen Gewalthaber zurückbleiben. Aus diesen Gründen gehen die Gedanken der Judenheit unablässig zu dem Wunsche zurück, den russischen Juden Sicherheit und Freiheit in Russland zu verschaffen. . . . Verschiedene Vorschläge sind zu diesem Zwecke gemacht worden, öffentliche Versammlungen, Petitionen, Interviews, und sogar eine internationale Aktion. Und, nun haben wir einen ähnlichen, aber erweiterten Vorschlag seitens des A.-G. der zionistischen Organisation. Die hauptsächlichen jüdischen Organisationen der ganzen Welt sind, eingeladen, Delegierte zu einer Konferenz nach Brüssel für den 29. Januar zu entsenden. Wir hoffen und glauben, dass die anglojüdischen Organisationen nicht so kleinlich sein werden, diese Umladung zurückzuweisen, weil sie zionistischen Ursprungs ist, zumal der Zionismus selbst nicht auf der Tagesordnung der Konferenz stehen wird. Auch wäre es kein Grund, die Einladung aus der Erwägung zurückzuweisen, dass aus einer Konferenz nichts Gutes hervorgehen kann. Niemand weiss, was die Konferenz bringen mag, wenn sie einmal abgehalten wird. Vertreter des Judentums der ganzen Welt kommen so selten zu einer Beratung über ihre allgemeinen Angelegenheiten zusammen, dass wir kaum in der Lage sind, ein Urteil über den Wert solcher Versammlungen abzugeben. Und schliesslich würde eine Versammlung von jüdischen Führern, die mit Vorsicht und Mässigung im Namen ihrer Rasse sprächen, von den christlichen Völkern und. Regierungen aufmerksam angehört werden, deren Ehre und Ansehen durch die andauernde Schande der russisch-jüdischen Bedrückung in den Schmutz gezogen ivird. Der Verlauf der zionistischen Bewegung hat gezeigt, dass es viele Christen gibt, die damit sympathisieren und Regierungen, die nur auf einen Führer aus den Juden selbst warten. . . . Wir hoffen daher, dass die von dem Zionistischen A.-C. angeregte Konferenz stattfinden wird und dass sie aus vernünftigen Männern bestehen wird, die solches Ansehen in der Well geniessen, dass die Sicherheit (jegeben ist, dass die Stimme der Versammlung von Russland und der übrigen Welt gehört werden wird/ Die Zionisten, das sei nochmals gesagt, haben nicht aus Parteiinteresse die Initiative ergriffen. Sie hielten sich zu dieser Initiative für berufen, weil sie von vornherein auf Vertreter aus den überseeischen Ländern, vor allem aber auf die Repräsentanten der Hauptbeteiligten — auf die russischen Delegierten — rechnen konnten. Sie glaubten, ihre Pflicht getan zu haben. An den andern ist es, sich für die ihre zu entscheiden.