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Die Welt · 1905-09-22 · 38 (22.9.1905) · page 13

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
38 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 38 „M* & weit Seite 13 scheft Parlament zn sein, sondern eine Armee, um PaUislinn zn erobern, so war es doch jetzt mehr als zuvor notwendig, die Wahl der Taktik den Generälen zu überlassen. Hat jemand, je von einer Armee crohört, in der die Soldaten abstimmen sollten, wie der General die Schlacht führen solle? Stimmen und Händeerhebon ist hier nutzlos. Haben Sic je einen irrossen Schachspieler mit einem ganzen Sehachklub spielen gesehen? Auf der einen Seife der grosse Schachspieler, der manchmal sogar etwas nachlässig spielt, auf der anderen Seite fünfzie; Leute, die.sich ihre Köpfe abquälen, um ihn matt zu machen. Durch ein paar flüchtige Gämro hat es der grosso Taktiker so weit gebracht, dass all die Weisheit der fünfzig T\c>p{V nur läeherlieb erscheint. Tn gleicher Weise konnte der «ranze siebente Kongross in bezog nnf Taktik unseren einen "FFerzl nicht aufwiegen. T nd der Konsrress kannte Herz!? Feldzugsenhvurf; es war ein Vermächtnis vom Grabe. T)pt Korrespondent d^s ,..L»wish Chronicle" spricht von der Existenz einer "Rede Dr. TTerzls, die für den siebenten TConsrross bestimmt srewesen wäre. Wenn es wahr ist, warum wurde ^s vom "Kongresse ixehe im «gehalten? Wie durften unsere Führer Miene machen, über das erloschene Liebt zu woinon, wenn sie imstande wni'fm, Licht über das Dunkel des Kongresses zu werfen? Ich ehaube, den Timalt dieser Kode zn kennen, d<:,nn heim Scblusse des sechsten Kongresses erschloss er ihn privatim T)r. "N'ordau und mir. Es o*°sehah übrigens in jenem Momente, als er prophezeite, dnss der VTT. Tvon^ros^ der letzte sein würde, weil er glaubte. (Liss der Sehwrrmmkf der jüdischen Welt dann nach Ostafrik;» verschonen werden rniisste. Key. A. A. GreeTi. eiTi Geistlicher, (W woniiror W<dHichkeit an dri Tinoforderte, wie sie hei Seelsorgern <rewöhnlioh ist, sao;ie, dass (hu- Tod Dr. TTerzls die englische Gemeinde sympathisch geniacht babe und d»ss sie für den Zionismus gewonnen werden könnte, hü+tep (]jo Ziouisten miteinander nicht so .gestritten. Diese 'Theorie stimm! kaum mit der Zahl der englischen Beiträge für den Fonds der Kinder Dr; TTerzls überein. Man kann zwar, ohne den Zionismus o'iitzuhoissen, dem Andenken eines grossen Mannes seineu Tribut zollen; aber wie wenige haben euch dieses hisscheu getan. Auch ist es unwahr, dass wir über dem toten Körper Dr. TTerzls uns herumzankten — es herrschte lange ein heiliger Waffenstillstand. Aber wenn wir mich Streitigkeiten hatten, die zuweilen unnötigerweise mit Persönlichkeiten verbunden waren, so waren sie doch unpersönlich und unvcrnvudlich. Sie galten prinzipiellen Fragen, jenem Prinzip, dias auf dem siebenten Kongress ansgefochten wurde. Die Spaltung, so .unvermeidlich sie auch den Nachfolgern TTerzls war, drang auch direkt durch das eigene Herz von TTerzl. dessen eine Hälfte sich stets gegen Palästina wendete, dessen andere Hälfte aber, die praktische, die die Todeskrämnfe der jüdischen Massen fühlte, sich fest für Ostafrika entschied'. Man saut oft, dass der Tod manchmal deswegen erschieint, um einen vor grösserem Hebel zu schützen. Wenn das jüdische Volk so unglücklich war. TTerzl zu verlieren, so konnte der Tod für TTerzl selbst zu keiner gelegeneren* Zeit kommen. Der Dolchstich, zwischen Palästina und Ostafrika wählen zu müssen, wurde ihm erspart: er entrann der Gefahr, zu einein Politikaster herabzusinken, der alles einer unvernünftigen Mehrheit opfert: was am wichtigsten ist, er wurde verschont, mit eigenen Augen den Untergang seiner Politik anschauen zu müssen, durch die Hand der Konferenzteilnehmer von Charkow. Denn das war, wie ich vorausgesehen habe, das Resultat des siebenten Kongresses. Die Zeit war vortrefflich gewählt — der erste Jahrzeittag TTerzls. Die passendste Zeit, um auch seine Politik aus der Welt zu schaffen. Markus Antonius sagte: . Jch. komme, Cäsar zu begraben, aber nicht ihn zu loben", aber der Kongress sagte: .Jch komme, Cäsar zu begraben und auc h zu loben." Sie wissen, dass es Usus ist, bei den Religionen, den Lehrer zu vergöttern, aber seine Lehre ganz zu vernachlässigen. 'Sowohl das Judentum als das Christentum können dafür zahlreiche Beweise liefern. Wie verhalten wir uns zu den Lehren unserer Prohheten? Befolgen wir sie? Kein! Wir rezitieren sie mit klagende!- Melodie und nennen sie TTafthorah. Wils tut's, w=enn der Prophet, gegen die Sünden Israels donnert und wettert? Eines Tages wird er mausestill werden und sein Volk wird ihn dann kanonisieren und seine Worte auf feines Pergament schreiben — was kann der Prophet noch mehr verlangen? Tu ähnlicher Weise beklagte und bejammerte das Volk den Verlust Dr. TTerzls. aber Avas der Prouhet predigte — das wird in einer Prachtausgalte seiner Werke, veröffentlicht. Sogar der in Palästina zn pflanzende Oelbanmhain. den wir dem Andenken TTerzls zu widmen gedenken, ist, insofern er die Entwicklung ein°s Bodens, über den wir keine politischen Pochte besitzen, beabsichtigt, ein. ironischer Widerspruch -seiner Staatsmaunsehaft, „Das indische Volk soll meine Gebeine nach Palästina hinüberführen." hinterliess er in seinem Testament. Aber wann? Jetzt etwa? "NTein. nicht bevor Paliistina uns gehört. Jedermann kann in Palästina begraben werden — TTerzl wollte aber in. einem i ü d i s eh e u Palästina ruhen. Und unsere Anhänger der Hleinkolonisation möchten so viele als möglich haben, dort leben zu lassen, avo TTerzl zu stolz war. zu slerben! Viele von meinen Geenern, die mich auf dem K'oiun-esse bekämpften, bokämnfton in Wirklichkeit auch Dr. TTerzl. loh stimmte mit TTerzl ein. wie "Nordau mit ihm übereinstimmte und wie jedermann mit gesundem politischen Menschenverstände dazu gezwungen war, wie es Mr. Cowen tat. Jetzt erzählt uns ein Freund: ,Jch pflegte früher zn denken, dass man niohis in Palästina unternehmen dürfe, bevor man die noliiischen Garantien erlangt habe, aber ich musste jetzt zu der Ansicht gelangen, dass die Arbeit, die ohne TTerzl zn vorrichten ist, in gewisser Hinsieht anders vor sich gehen müsse, als wenn TTerzl noch am Leben wäre." Tn gewi sser Hinsicht anders vor sich gehen! Eine sonderbare Weise, den vollkommenen Wechsel einer nolitischen Ansehauuno- Zn beschreiben! Angenommen, der T\on<rress wäre im Pechfe. wenn er Grosskolonisation in Ostafrika verworfen hatte, so hafte er doch unter keinen Hmständen das Peeht, Hleinkolonisaiion in Palästina zn omnfohlon. \ber sollte denn der Kongress gar nichts beschliessen? Ja, das sollte der Kongress tun. Fs gibt Momente, wo man wie im Dunkel zwischen klaffenden Abgründen herumirrt, avo jeder Schritt Todesgefahr bringt und da« Vernünftigste Ui. ganz still zu sitzen. Der Zionismus gelangte an einen Punkt, wo. avcuu er sieh auf Palästina beschränkte, nichts zn tun hätte, als Avaricn — warten,. (Sellins* folgt.) Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. Die Vorbereitungen zu den Wahlen für die Reichsdunia bilden in den letzten Tagen naturgernäss den Stoff zur lebhaften Diskussion in der j ü d i s e h c n P r c s s e Russlands. Freilich sind die Hoffnungen auf eine freigewühlte jüdische Vertretung ganz geringe und nirgends mehr als in dieser Diskussion zeigt sich das. bange Angstgefühl um die nächste Zukunft und die Ratlosigkeit, die das jüdische Leben angesichts des sogenannten „Frühlings" beherrscht. Und doch ist der Mut und die Entschlossenheit, in welcher alle möglichen Ausgänge der Wahlbewegung in, Erwägung gezogen werden, ein Beweis dafür, dass das russische Judentum trotz langjähriger Knechtung in politischer und. sozialer Hinsicht grundsätzlich stark und zielbewusst der kommenden Neugestaltung ins Gesicht schaut. Der „Hasman" tritt wiederholt für den Standpunkt ein, ,.Recht und Oerechtig'keit gingen allen anderen Zwecken voraus" und die .luden müssten deshalb sich ganz der Politik der Radikalen anschliessen, selbst wenn dies mit einer Verzichtleistung auf jüdische Abgeordnete gleichbedeutend wäre. Nicht die Zahl der j ü d i s c h e n A b g e o r d n e t c n, sondern die der radikalen Elemente würden in der Duma für die Lösung

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