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Die Welt · 1905-09-22 · 38 (22.9.1905) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
38 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „bi* # w^ii" Nr. 38 darauf Dr. Xonlau, da?* er es wohl vorweigern könnte, mich zu unterstützen, wenn er es wollte, dass aber nichts auf Knien niieli daran verhindern würde, die Tribüne zu besteigen und meine Pflicht zu tun. Teh bestieg die Tribüne und hielt meine Rede und nichts ereignete sich von alledem, was diese1 von einer Panik ergriffenen Propheten befürchteten. Im Gegenteil, meine Rede wurde sogar sehr schmeichelhaft aufgenommen. All die wilden Gerüchte, dass ich von der Tribüne henmtergezerrt wurde,, sind nichts als journalistische Erfindungen. So begann die grosse Debatte, die durch das Ausbleiben der bezaubernden Beredsamkeit Dr. Nordaus, leider, ohne jeden Glanz war. Aber diese Enthaltung allein würde mich kaum bewegen, so schroff gegen einen teuren Freund aufzutreten, an dem ich durch das Band gegenseitiger Liehe gefesselt bin. ich sagte ihm, dass man einem Manne in seinem (Jesundheitszusiand alles verzeihen müsse. Die Debatten zogen sich durch Freitag hindurch, Samstag abends und Sonntag früh. Am Nachmittag produzierte unerwarteterweise das A.-G. eine eigene Resolution, was es durch das dasselbe charakterisierende Uebersehen bis jetzt zu tun unterlassen hatte. Diese Resolution, die ein widerspruchsvolles Gemisch von Fssischkinsehcn Ideen mit unglücklichen Resten Greeenborgscher Gedanken ist, enthielt alles, wogegen ich kämpfte, es verwarf jedes Land, das nicht zu den Nachbarländern Palästinas gehört, es empfahl die Aendening der Bankstat uten und schloss de facto die Territorial isten aus dem Zionismus. Nun hatte ich aber mit dem Präsidenten abgemacht, dass im Falle, als eine solche Resolution vorgebracht werden sollte, ich das Wort zur Tagesordnung erhalten sollte dagegen zu sprechen, indem ich beweisen sollte, dass es nicht, in der Kompetenz des Kongresses stehe, die Tätigkeit unserer Bank auf irgend ein bestimmtes Gebiet zu begrenzen, da es Sache der Aktionäre allein sei. Liese Resolution wurde nun, zu meinem weiteren Staunen, unter den Auspizien von Dr. Nordau selbst vorgebracht, der sie nicht nur der meinigen, die er ursprünglich selbst unterzeichnete, vorangehen liess, sondern mir überhaupt das Wort zur Tagesordnung, wie versprochen, nicht geben wollte. Die Resolution des A.-O. wurde uns mit der Bajonettspitze .au firedrängt, ohne dass man auch nur ein Wort dagegen sprechen durfte, als aber schon alles fertig war und alle Länder mit Ausnahme von Palästina und den Nachbarländern ausgeschlossen waren, erlaubte mir Dr. Nord au — zugunsten von Ostafrika zu sprechen. Welche Tronic! Lhter solchen Umständen, sagte ich. wollte ich nicht die Zeit des Kongresses in Anspruch nehmen und würde die Resolution zurückziehen. Als ich aber daran dachte, welche? Spiel mit mir da getrieben wurde, als ich des Elends der jüdischen Massen in Russland und Galizien gedachte und des tragischen Problems unserer Wanderer, vor denen alle Zufiuehtstore sich allmählich schliessen. und als ich bedachte, wie leidenschaftlich und blutig die Völker um jeden Schritt Landes miteinander kämpfen und wir die Gelegenheit, die sieh uns nach achtzchnhniidcrtjähriger Gefangenschaft dargeboten hatte, durch friedliche Mittel unseren heimatlosen Wanderern eine öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte zu sichern, so leichtsinnig verworfen haben, da empfand ich einen Drang, so schmerzlich es mir war. ei tiein *o lieben Freunde solche Dinge sagen zu müssen, gegen Dr. Nord au an das Urteil der Geschichte1 zu appellieren. Dr. Nordau opferte alles dem Frieden und der Einigkeit des Kongresses. Als Präsidenthielt er e> für seine Hauptpflicht — (dazu dienten noch als Veranlassung zweifellos die Fn Ordnungen der Xachtsitzimg. der er nicht beiwohnte und die ihm in übertriebener Form geschildert wurden) — ganz gleich, ob er rocht habe oder nicht. Ob ich aber recht handelte oder nicht, so verriet ich doch unter keinenlXmständen meinMandat zum Kongress; ich trug schweigend die Schande. Ich teilte nichts davon meinen territorialistischen Freunden mit, damit sie keine Demonstration gegen. Nordau veranstalten, und trotz der allzueifrigen Einmischung der englischen Landsmannschaft nahm ich Abschied von Nordau mit der gleichen Freundschaft wie zuvor. In Wirklichkeit steigerte sich noch diese Freundschaft auf meiner Seite durch das männliche Geständnis von Dr. Nordau zu Herrn R. Brainin, wie berichtet im hebräischen Journal „Hfcisnian". Sie haben es zwar sicherlich in der „Jewish Chroniclc" gelesen, aber es verdient, an dieser Stelle wiederholt zu werden. Herr Brainin schreibt, dass nach Sehluss der zweiten Kongresssitzung — also unmittelbar nach meiner Szene mit Dr. Nordau — er auf ihn zuging und ihn zum Siege, der mit seiner Hilfe als Präsident erlangt wurde, gratulierte. Mit verstörtem Gesicht und dunkel klingender Stimme antwortete Dr. Nordau : „Wir haben heute gegen die Nachwelt gesündigt." „Wenn Sie so denken," fragte ich, „warum machten Sie nicht Ihre Meinung vor dem Kongresse bekannt und warum unterstützten Sie die Annahme der Resolution?" „Mir mangelte es an Kraft und Mut, um meine Ansicht zu verfechten,"' antwortete Nordau. „Als Kongresspräsident musste ich mich dem Beschlüsse der Mehrheit unterwerfen und die Ehre der höchsten zionistischen Institution, des Kongresses, vor der Gewalttätigkeit der Minorität retten."' „Ich übergebe Nordaus Antwort wörtlich," bemerkt Herr Brainin. „Die Worte ,Wir haben heute gegen clieNachwelt gesündigt/ machten auf mich einen erschütternden Eindruck. Ich gab mir alle Mühe, ihn zu uberzeugen, dass die Annahme dieser Resolution und die Spaltung, die darauf folgen würde, notwendig wären, aber es war unmöglich, ihn zu beruhigen. ,Wir haben heute gegen die Nachwelt gesündigt!"4' Wie Sie daraus ersehen können, differierte das innerste Gefühl Dr. Nordaus von meinem Vorwurf, dass er, anstatt ungerechtfertigt und unaussprechlich zu sein, nur unnötig war, und als ich dieses wirklich tragische Interview las, bereute ich den Ausdruck zum ersten Male. Aber zusammen mit dem jüdischen Volke bedaure ich. die Tatsache, dass sowohl der sechste als der siebente Kongress von kranken Männern geleitet wurden. Wäre Nordau auf diesem Kongress imstande gewesen, seine Titanenkraft für die torritorialistische Sache einzusetzen, so könnte jetzt unsere Geschichte anders geschrieben werden. Wenn er auch nur den Kongress im Rahmen des politischen Zionismus, nach den Linien seiner grossen Eröffnungsrede gelullten hätte, würde er Herzls Ideen vor einer Niederlage gerettet haben. Und wäre Dr. Herzl auf dem sechsten Kongress in guter Gesundheit gewesen, so würde er, anstatt sich alle Mühe zu geben, die" rebellische Minorität zurückzurufen, sich einfach auf die Statuten der Jüdischen Kolonialbank gestützt' haben. Diese Statuten, die zwar von einem zionezionistisehen Rechtsanwalt abgefasst wurden, empfehlen jedoch Kolonisation in jedem Lande der Erdkugel. Warum? Weil praktische Männer verstehen, dass man für die Erlangung eines politischen Zieles manchmal in jedem möglichen Teile derWelt zu. arbeitet] imstande sein mag, so wenig das betreffende Land mit dem Endziel in Berührung zu stehen auch scheint. Herbert Spencer erklärte es durch folgendes Beispiel: Wenn ein Kupferschmied einen Falz in einer Pfanne auszugleichen hat, so wird er niemals direkt auf die eingedrückte Stelle loshäinmern. sondern stets rund um den Falz herumklopfen, 'manchmal sogar recht entfernt vom Falz, überall, mit Ausnahme vom Falz selbst, bis der eingedrückte Teil allmählich gerade wird. In gleicher Weise kann es für den Zionismus notwendig werden, überall, in den verschiedensten. Stellen herunizuhämmern., aber nur nicht in Palästina selbst. Die Frage, wie und wo zu hämmern, ist keine Sache der einfachen Soldaten des Kongresses, sondern der geschickten Experten, der Führer. Da der Kongress nun beschlossen hat, nicht mehr ein jüdi-

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