Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 38 „Ott # W*IÄ Seite 11 keine Juden gab. Herr Greenberg sagte von der Tribüne, dass man einen Sieg nicht allzu nahe untersuchen darf, denn auch die Siege der Geschichte wären sehr schlecht weggekommen, wollten wir sie mit dem ethischen Mikroskop betrachten. Das mag richtig sein mit Bezug auf die allgemeine Geschichte, aber wie dürfen wir solche laxe Ansichten haben, wenn es sich um Zion handelt, Zion, aus dem Gerechtigkeit ausstrahlen soll. Als ich einst sagte, wir brauchten „Münz, Muskeln und Moral" griff man mich an und verbesserte: „Moral, Muskeln und Münz", denn „Moral muss zuerst kommen". Es ist mein innigster Wunsch, dass diejenigen, die so was predigen, sich danach auch richten möchten. Die Empörung, die die Minorität angesichts aller dieser Ungesetzlichkeiten, die Sie zweifellos übertrieben haben, empfunden hatte, wird als Entschuldigung für ihre gelegentliche Zügellosigkeit dienen. Die Hauptschuld aber für all das, was sich Sonntag bei Tagesanbruch ereignete — denn nur um 3 Uhr morgens trugen sich Dinge zu, die gewöhnlich in Parlamenten nicht vorkommen -— fällt auf das damalige A.-C., das einen ausserordentlichenKongress mitten im Kongress zusammenkleisterte. Da ich stets gegen die Idee einer Sondersitzung gewesen bin, freute es mich, zu hören, dass Dr. Nordau der gleichen Ansicht war, indem er in seiner Eröffnungsrede, den ausserordentlichen Kongress als eine „volkommen missverständliche Deutung des Wortlautes und Sinnes eines Beschlusses des sechsten Kongresses" bezeichnete. Wenn da aber ein Missverständnis vorliegt, so war es jedenfalls beabsichtigt. Das Ostafrikaprojekt, der Grundzug des ganzen Kongresses, die Frage, die zwei Jahre unablässig die Gemüter bewegte, wurde zu einer Art Nebensache herabgewürdigt. Aber das Possenspiel eines besonderen Kongresses war so gross, dass das A.-C. übersehen hatte, den ausserordentlichen Kongress mit einem ausserordentlichen Präsidenten zu versehen. Was sollte eigentlich dieses dumme Manöver bezwecken? Zu zeigen, dass er nicht den wichtigsten Teil unserer Verhandlung ausmachte, ja, dass er gar nicht zum Kongress gehörte und wie ein armer Verwandter in das Hintergemach untergebracht werden musste. Wie kindisch! Als ob es Noah beim Hineintransportiereh der Tiere in die Arche möglich wäre, den Elephanten zu übersehen und nur den Fliegen und Fröschen Aufmerksamkeit, zu schenken. Und während die Fliegen und die Frösche den grossen Kongress für sich selbst in Anspruch nahmen, wurde dem Elephanten nur ein kleiner Kongress zugewiesen, nur ein Tag, ein Freitag, der durch den Sabbat natürlich geschmälert wurde. Das arme Ostafrika-Tier konnte sieh nicht einmal bewegen. Die Debatten mussten daher natürlich noch Sabbat abends und Sonntag früh fortgesetzt werden. Als die Sitzung ihrem Ende sich näherte, gegen 3 Uhr morgens, ersuchte ich Dr. Marmorek, der dann den Vorsitz führte, die Sitzung aufzulösen, ohne irgend welche Eesolutionen zu dieser späten Stunde zur Abstimmung zu bringen. Wir sind keine englischen Parlamentsmitglieder und Nachtsitzungen sind für uns zu aufregend. Dr. Marmorek willigte ein. Unglücklicherweise folgte aber auf die Debatten der Bericht des Legitimationsausschusses, welcher Fälle von Illegalität und Nachlässigkeit zugab, wodurch ein solches Chaos entstanden war, dass Herr Marmorek unmöglich der Versammlung erklären konnte, dass die Sitzung eigentlich vertagt sei. Was sich dann zutrug, fand in Wirklichkeit n a c h Suspension der Sitzung statt. Es war übrigens ganz harmloser Natur, nichts als Händeklatschen und das Singen von russischen Liedern. Unpassend war die Handlung der territorialistischen Gäste auf der Galerie, die eine Flut von Flugschriften, welche über die Art und Weise der russischen Wahlen Klage führten, herunterregnen Hessen. Sie hatten Zutritt zum Kongress durch die Liebenswürdigkeit desselben und hatten kein Recht, an seinen Verhandlungen in welcher Weise immer teilzunehmen. Die Szene war jedoch höchst imposant — der grosse Saal zu dieser späten Stunde dicht gefüllt, die Galerie ein wogendes Meer aufgeregter Gesichter und die Luft voll von weissen flatternden Papieren und durchzittert vom Klange russischer Lieder. Gewalttätigkeiten jedoch, wie sie von manchen Journalisten berichtet wurden, existierten nur in ihrem Gehirn. Eine sensationelle Szene jedoch ist wahr, eine Szene, die am nächsten Tage stattfand und in der ich persönlich verwickelt bin, ich meine die Szene, als ich den Präsidenten des Kongresses des Verrats am jüdischen Volke anklagte. Sie werden mich sicherlich fragen, wieso ich, nach dem Hat, den ich den Territorialisten erteilt hatte, mich zu einem solchen Verstoss gegen jede parlamentarische Gesittung verleiten lassen konnte. Aber es gibt Dinge, die höher stehen als jede parlamentarische Etikette, das Schicksal des jüdischen Volkes ist wichtiger als die Würde und die Einigkeit des Kongresses. Ich wurde sehr oft wegen dieses meines Benehmens heftig angegriffen und einige meiner englischen Kollegen auf dem Kongresse beeilten sich, Dr. Norclau ihr Bedauern über diese „ungerechtfertigte und unaussprechliche Beleidigung" auszudrücken. Um mich zu verteidigen und zu zeigen, dass diese Anklage nicht so ungerechtfertigt und unaussprechlich war, bin ich gezwungen, etwas zu enthüllen, Avas zwar jetzt kein Geheimnis mehr bleiben wird, da..es im Protokoll des Kongresses veröffentlicht sein wird, das aber bisnun dem Publikum unbekannt gewesen ist. Meine ."Resolution, ein Territorium in Ostafrika zu akzeptieren, sollte von Dr. Norclau unterstützt werden; die Unterschrift des Präsidenten dos Kongresses ist auf der formellen Eesolution, die dem Präsidium eingereicht wurde, dicht neben der meinigen zu finden. Ich wagte nicht einmal, auf eine solche Unterstützung seitens dieser grossen zionistischen Persönlichkeit zu hoffen, obgleich Dr. Nordau auf dem sechsten Kongresse die Idee eines „Nachtasyls" so gewaltig verfochten hatte. Ich fühlte, dass er in seinem Gesundheitsznstand bereits ein grosses Opfer gebracht hat, wenn er überhaupt zum Kongress erschienen ist. Als ich ihm jedoch am Eröffnungstage des Kongresses erzählte, dass ich morgen eine Resolution einzubringen gedenke, welche dahingeht, dass wir das Angebot von England annehmen, es aber um ein Land ersuchen, das gross und fruchtbar genug ist für unsere Emigranten, bot sich mir Dr. Nordau sofort an, diese Resolution zu unterstützen. Es war Wahnsinn, fügte er hinzu, das Angebot von England zu verwerfen, und er würde niemals dazu beistimmen. Ich war natürlich ausser mir vor Freude und bat ihn, niemandem zu erzählen, dass er mich unterstütze. Meine Absicht habe ich offen und laut proklamiert, damit unsere Gegner die Möglichkeit haben, ihre Einwände dagegen vorzubereiten, aber dass auch der Präsident des Kongresses auf meiner Seite wäre, sagte ich ihm, würde natürlich als ein Donner dreinschlagen. Seine Rede würde, wenn auch nicht ganz den Ausschlag zu unseren Gunsten bewirken, so doch wenigstens den Boden für einen Sieg auf einem zukünftigen Kongress vorbereiten und vielleicht sogar die Aenderung der Bankstatuten verhindern, damit diese Institution in ihrer Tätigkeit nicht gelähmt werde. Als der ausserordentliche Kongress eröffnet wurde und die Zeit heranrückte, da ich meine Resolution vorbringen sollte, begannen zu meinem Erstaunen Dr. Norclau und fast alle anderen, die auf der Plattform waren und in einem Zustande von schrecklicher Aufregung sich befanden, in mich zu drängen, davon abzustehen. Sie erklärten mir, dass ich vor einer wilden Majorität stehe, und wenn ich darauf beharren wollte, so sei es unmöglich, die Verantwortung für die Folgen zu übernehmen —' es könnten Unruhen ausbrechen, Gewalttaten und sogar Revolverschüsse. Ich antwortete