Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „bi* # W$tt" Nr. 38 Wunsch mit Bezug auf drei von diesen Herren, die auch wirklich gewählt wurden. Und wenn ich im A.-C, dem icha ä propos, niemals angehörte, auch fehle, so kam dafür Mr. Greenberg in das engere A.-C. hinein. Herr Greenberg verdient wohl seinen Sitz in diesem Kabinett. Mit Ausnahme von Dr. Herzl und Herrn Wolffsohn hat noch niemand so viel Praktisches für die Bewegung geleistet wie er. Ihr letzter Auftrag ging dahin, gegen jede Aenderung der Statuten der Jüdischen Kolonialbank, wenigstens bis zum VIII. Kongress, aufzutreten, weil Sie dies nicht nur als Schädigung der Interessen der Aktionäre betrachteten, sondern auch der Ansicht waren, dass jede Aenderung der zionistischen Institutionen überhaupt auf dem ersten Kongresse nach Herzls Tod eine Beleidigung für sein Andenken bedeute. Meine Leistung auf dem Kongresse ging hauptsächlich nach dieser Richtung und wenn eine neue jüdische territorialistische Organisation ins Dasein gerufen worden ist, so trägt das hartnäckige Beharren des Kongresses auf der Abänderung der Statuten direkt die Verantwortung dafür. Ich langte in Basel zwei Tage vor dem Kongress an und fand die Luft voll von den wildesten Gerüchten. Die Parteien sollen so totfeindlich einander gesinnt sein, dass in diesen Zeiten von russischen Selbstsehutzvereinen und Taschenpistolen das Aergste zu erwarten wäre. Die einzige Veranlassung zu diesen Gesprächen scheinen einige hitzköpfige russische Studenten gegeben zu haben, die (Iure]] die Strassen marschierten und mit Fahnen demonstrierten. In Wirklichkeit, aber war die Lage bei weitem ernsterer Natur: eine erdrückende Mehrheit unpolitischer Zionisten, welche auf einem kurz vorhergehenden Kongress in Freiburg sich zu einer homogenen Körperschaft zusammentaten, wurde nun zur Meisterin der Situation. Da sowohl Mr. Chamberlain. als Mr. Balfour die Idee einer jüdischen Ansiedhing auf breiter Basis zu begünstigen schienen, so war ich der Ansicht, dass wir die Regierung um ein. passendes Territorium nur anzugehen haben, um es zu bekommen, und kam zum Kongress, entschlossen, eine Resolution in diesem Sinne vorzulegen. Wie sollte ich aber nun handeln angesichts dieser russischen Majorität? Sollte ich etwa von. der Resolution Abstand nehmen, weil ich bereits voraussehen konnte, dass sie verworfen wird? Nein! Meine Pflicht Ihnen und dem jüdischen Volke gegenüber sagte mir klar, dass wenigstens ein moralischer Protest vor der ganzen Welt gemacht werden müsste. Ich habe noch niemals von einem Parlament gehört, dessen Mitglieder sich geweigert hätten, ihre Vorschläge zur Abstimmung zu stellen, aus Furcht, überstimmt zu werden. Ich fasste daher den Entsehlnss, zuerst meinen Protest zu erheben und dann —. mich dem Beschlüsse der Majorität zu unterwerfen. Denselben Rat erteilte ich am folgenden Morgen den Territorialisten und den russischen politischen Zionisten, die mir die Ehre erwiesen, sich mit mir zu beraten. Sie sollen 150 Mann stark gewesen sein. Fügte man ihnen die sympathisierenden englischen und amerikanischen Territorialisten und die halb-sympathisierenden deutschen politischen Zionisten und die Delegierten, die noch keine bestimmte Meinung gefasst hatten und daher beeinflusst werden konnten bei. so konnte man mit Sicherheit auf die recht stattliche Minorität von 200 rechnen. Ich war daher der Ansicht, dass diese 200 auch nach der Niederlage in der Partei bleiben sollten, damit sie, wenn möglich, den Keim für eine siegreiche Mehrheit auf dem nächsten Kongresse bilden sollen. Ich erklärte ihnen die Hebel einer Spaltung; die Welt würde uns nicht mehr betrachten als ein Volk, das nach einem Ziele strebt, und die territorialistische Partei, wenn auch getrennt vom Zionismus, würde in ihren Unternehmungen auf Hindernisse stossen, da die Zionisten durch die Sendung von Kommissionen nach Ländern, die sie nicht akzeptieren dürften, wenn sie auch wahre irdische Paradiese wären, weil sie nur in Palästina und den Nachbarländern Kolonisation zu treiben berechtigt waren, den politischen Ernst der Juden in Verruf gebracht haben. Meine territorialistischen Berater, die auf mich den Eindruck von sehr politisch erzogenen Leuten machten, erwiderten jedoch, dass die Spaltung bereits durch die Zione- Zion hervorgerufen word'en sei, die schon viele Territorialisten aus dem Zionismus durch die Weigerung, von ihnen Schekolim zu nehmen, verdrängt hatten, wodurch natürlich die Territorialisten auf dem Kongress so schwach vertreten sind. Dies empörte mich aufs höchste: Was, wenn der sechste Kongress eine territorialistische Mehrheit hatte, wagten es zionistische Institutionen, Territorialisten aus der Bewegung herauszuekeln!? Das Urteil des kommenden Kongresses auf derartige W'qise zu beeinflussen, ja zu falsifizieren war nichts als brutale Gewalt und Schmach. Die Territorialisten meinten ferner: „Wenn wir auch jetzt noch nicht ausgeschlossen sind, so wird der siebente Kongress zweifellos dazu führen. Gehen wir lieber fort und seien Sie unser Führer." Darauf erwiderte ich, dass der Kongress zwar jedes territoriale Projekt bei seinem Auftauchen unterdrücken würde, allein das territorialistische Prinzip wäre er nie imstande auszuschliessen, solange die Statuten unserer Bank uns gestatteten, für jedes Territorium der Welt zu arbeiten. Und da ich wusste, dass Mr. Greenberg und Mr. Cowen ebenso wie ich gegen jede Aenderung der Statuten waren, lud ich sie und sogar Herrn Dr. Marmorek zu den Territorialisten und politischen Zionisten, damit sie mir helfen, die Minderheit zu beruhigen und sie zu bewegen, jeden Austrittsgedanken zu verlassen. Sie sehen also, dass ich mir alle Mühe gab, alle nationalen Kräfte im Zionismus zu behalten. Ich ersuchte auch die Minorität, sich jedenfalls auf dem Kongresse ruhig zu verhalten und den Ruf unserer öffentlichen Sitzungen nicht zu beeinträchtigen. Wenn die Territorialisten ihr Versprechen nicht immer gehalten haben, so ist es wahrscheinlich, weil es Momente gibt, die zu aufregend sind für die menschliche Natur. Wer für ein hohes Prinzip kämpft, kann nicht immer kalt und bewegungslos sein wie ein englischer Jude in der Synagoge. Sie kennen die Stunde, wo die Minorität sich anpassend benahm; vergessen Sie aber nicht die langen schwülen Stunden, wo sie sich musterhaft aufführten; denken Sie besonders an jenen grossen Moment ihrer vollständigen Niederlage und Erniedrigung, als sie in ruhiger Würde sassen und keinen Laut von sich gaben. Sie befolgten nicht nieinen Bat bezüglich der Taktik;— was, beiläufig bemerkt, beweist, wie wenig ich dann mit ihrem Treiben gemeinsam hatte — sie stimmten nicht gegen die siegreiche Besolution, aber sie enthielten sich jeder Abstimmung" als Protest gegen die illegale Zusammenstellung des Kongresses. Denn nach Dr. Stein, dem Chef der russischen politischen Zionisten, sollen ausser der illegalen Verweigerung, den Territorialisten Schekolim zu verkaufen, noch viel schlimmere Ungesetzlichkeiten vorgekommen sein, wie die Zulassung von Delegierten ohne Schekolim oder, im besten Falle, ohne von der vorgeschriebenen Zahl, 200 Sehekelzahlern, gewählt worden zu sein; es gab auch Delegaten, die das vorgeschriebene Alter noch nicht ganz erreicht hatten, und dann wurde seitens des Aktionskomitees in ganz Russland ein Druck ausgeübt, der jeder Konstitution, und Gesetzmässigkeit Hohn spricht. Der zionistische Generalstab in Wien schien noch immer zu schwach organisiert zu sein, um solehe Wahlen annullieren zu können. Unser Legitiinationsausschuss hatte zwar zugegeben, dass mehrere russische Mandate als ungültig erklärt werden müssten und dass sehr viele unkorrekt ausgefüllt wären, er wollte aber keine Klagen, die während des Kongresses eingelaufen waren, prüfen, nicht einmal solche, wie die, dass ein Delegierter eine Stadt repräsentierte, in der es gar