Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 „bi$ # W^lt Seite 3 Lage müsste ungeheuer verschlimmert, sein völliger Ruin rapid beschleunigt werden, wenn die Beschlösse des Gewerbeausschusses jemals Gesetz würden. Der Glaube an die Wunderkraft des Befähigungsnachweises zieht immer weitere Kreise, gewiss kein günstiges Zeichen für Oesterreichs wirtschaftliches Gedeihen. Während in Deutschland im August d. J. die Deutsche Handwerker- und Gewerbekammerversammlung die Forderung des Befähigungsnachweises abgelehnt hat und der Vertreter des Reichsamtes des Innern diesem Tage in Köln die Worte zurief: „Ich ersuche Sie, die mittelalterliche Forderung des Befähigungsnachweises endlich einmal fallen zu lassen", sind die österreichischen Gewerberetter auf ihrem zünftlerischen Wege rüstig vorwärtsgeschritten und haben den Befähigungsnachweis, den die Gewerbenovelle vom Jahre 1883 als blossen Verwendungsnachweis eingeführt hat, trotz aller negativen Resultate nicht nur durch eine Prüfung verschärft — bisher genügt für handwerksmässige Gewerbe ein Lehrzeugnis und eine Bescheinigung mehrjähriger Tätigkeit — sondern auch unter dem Hohngelächter aller fortschrittlich und modern Denkenden auf das Handelsgewerbe ausgedehnt. Der erzreaktionäre Beschluss bedroht die gesunde, kräftige Entwicklung des gesamten Handels- und Erwerbslebens in Oesterreich, für die Juden bedeutet er durch die geplante Verminderung jüdischer Erwerbs- und Arbeitsgelegenheiten eine ernste Gefahr. Der Kampf gegen die meist von Juden betriebene Industrie der Kleiderkonfektionäre und Schuhwarenerzeuger spielt im Zünftlerprogramm gleichfalls eine grosse Rolle. Die Rückwirkungen der sozialpolitischen Gesetze der letzten Jahre auf die wirtschaftliche Stellung der Juden und die Gefährdung* welche den jüdischen Wirtschaftsinteressen mittelbar und unmittelbar seitens des Zünftlerausschusses bevorsteht, sollen demnächst ausführlich und an der Hand von Ziffern beleuchtet werden. Die Grundzüge der österreichischen Gewerbepolitik — Kampf gegen freien Wettbewerb, Kampf gegen Grossbetriebe, Kampf gegen jüdische Wirtschaftsstellungen — sind schon lange nicht so deutlich und unverhüllt hervorgetreten wie in den Beratungen und Beschlüssen des Gewerbeausschusses. Die Regierung hat wohl ihr schüchternes Veto eingelegt, wenn dieser gar zu toll ins Zeug ging. Aber weniger sie als das Herrenhaus, das bisnun für die gewerbefreundlichen legislativen Experimente des Unterhauses nicht das nötige Verständnis aufbrachte, wird dem unsinnigen Treiben ein Ziel setzen und das Phantasiegebilde der Zünftler, die auf dem österreichischen Globus die alte Zunftherrlichkeit wieder hersteilen möchten, ein klein wenig retuschieren. Nicht der Juden und ihrer bedrohten Interessen wegen, sondern weil Oesterreich nicht aus Kleingewerbetreibenden allein besteht und die ihm zugemutete Rückwärtsentwicklung von Handel und Gewerbe mannigfaltigen staatlichen Interessen widerspricht, muss die Hochsommerarbeit uuserer Parlamentarier zum grössten Teil ohne Erfolg bleiben. Ein Glück, dass jüdische Interessen zufällig mit denen anderer einflussreicher Faktoren und Kreise identisch sind! Der Befähigungsnachweis in seiner neuen Form, das jüngste Kind zünftlerischer Laune und Phantasie, die unreife Frucht antisemitischer Agitation, gehört zu jenen Illusionen und Suggestionen in der Sozialpolitik, von denen Prof. Georg Adler einst meinte, dass in der durch solche sozialpolitische Illusionen gebildeten Atmosphäre das Leben der Nation verdorrt. Die Illusion des Befähigungsnachweises steht deswegen am tiefsten, weil der Egoismus die alleinige Richtschnur für sie bildet. Dieser krasse wirtschaftliche Egoismus, der im Befähigungsnachweis oft allen Ernstes den archimedischen Punkt gefunden zu haben glaubt, von dem aus er die kapitalistische Welt, die Welt der Grossbetriebe und jüdischen Konkurrenz aus den Angeln heben will, ist seit jeher die stärkste Triebfeder des Antisemitismus. Seine letzte praktisch parlamentarische Betätigung, welche den Juden politisch und wirtschaftlich gefährlich wird — mag sie Misserfolge oder Erfolge zeitigen, ganze oder halbe, offene oder versteckte Arbeit leisten — hat es abermals bewiesen. Nss. (Weitere Artikel folgen.) The Jewish Colonial Trust (Juedische Kolonialbank) Limited. Da wir wussten, dass die Vertagung der zweiten ausserordentlichen Generalversammlung gleichbedeutend sei mit einer Aulhebung des in Basel gefassten Beschlusses auf Abänderung der Statuten, wollten wir erst die Einsendung des amtlichen Protokolles abwarten, welche durch die Krankheit des Managers einige Verzögerung erlitt. Aus dem Protokoll ist zu ersehen, dass es nur einer unglückseligen Verkettung der Umstände zuzuschreiben ist, dass die Vertagung erfolgte. Der Aufsichtsrat in Basel hatte nämlich drei Herren bevollmächtigt (und nicht einen, wie es in einer Meldung hiess), die Fonder Shares in London zu vertreten» Von den Bevollmächtigten konnte Herr Dr. Kokesch wegen schwerer Erkrankung nicht fahren; Herr Doktor Alexander Marmorek wurde im letzten Moment am Kommen verhindert und war übrigens ruhig im Bewusstsein, Herrn Ing. Teinkin auf der Fahrt zu wissen. Letzterer musste aber in Galais vom Dampfer getragen werden, weil er plötzlich erkrankte. Auf diese Weise waren die Fonder Shares in London nicht vertreten und nun stimmten die Gegner der Aenderung für Vertagung, weil das Aufhebung hiess, und im selben Sinne stimmten die Freunde der Aenderung, weil sie fürchteten, ohne die Fonder Shares nicht die Majorität zu haben. Auf diese Weise hob die Versammlung, die reine Formsache war, ungeahnterweise die Baseler Beschlüsse auf. Das Direktorium wird den geschäftsordnungsmässigen Weg einschlagen, um die Aenderungen durchzuführen. Die Redaktion. * * * Eine ausserordentliche Generalversammlung dies Jewish Colonial Trust (Jüdisch© Koloniaibank) Limited wurde im Gesellschaftsbureau Brook House, Walbrook, London E. C, am Donnerstag den 31. August 1905 um 3 Uhr nachmittags abgehalten. Sekretär Mr. H. Neumann: Meine Herren, das erste Geschäft, welches dieser Versammlung obliegt, ist die Wahl eines Vorsitzenden. Bevor solches jedoch geschieht, will ich Ihnem einen Brief vorlesen, welchen ich von dem Vorsitzenden Herrn Katzenelsohn erhalten habe. Der Brief lautet wie folgt: London, 30. August 1905. Herrn H. N e u m a n ni Sekretär des Jewish Colonial Trust Ltd. Brook House, Walbrook, E. C. •Das Direktorium des Trust hat mir die Ehre erwiesen, mich zum Vorsitzenden des Direktoriums zu wählen. In dieser Eigenschaft bin ich nach London gekommen, um die Leitung der Geschäftsangelegenheiten zu übernehmen und besonders auf der ausserordentlichen General Versammlung, welche morgen stattfindet, anwesend zu sein. Ganz unvorhergesehene Umstände zwingen mich jedoch, noch heute London zu verlassen. Sie wollen mich gütigst bei der Versammlung ent-