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Die Welt · 1905-09-22 · 38 (22.9.1905) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
38 (22.9.1905)
Date
1905-09-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite S flbie # weit11 Nr. 38 alte Motto müssen wir zu unserem machen. Unter uns müssen wir die Vollendung der Eleganz auf dem akademischen Fechtboden zu erreichen wissen, wo wir uns zu schweren Waffengängen der Meinungen üben, die zu ferneren Beschlüssen führen. Und je besser einer seinen Degen führen kann, zu desto grösserer Noblesse ist er verpflichtet. Schon wieder ist ein Kardinalfehler bei der angestrebten Vergrösserung der Parteien zu bemerken, wie früher einmal in der Ostafrikafrage. Warum Zionisten gegen Zionisten? Warum holt sich nicht jeder seine Stimmenzahl aus der Menge der aussenstehenden Juden? Sie werden leicht zu gewinnen sein, wenn sie eine von Kongress zu Kongress nach gefallener Entscheidung wohldisziplinierte, ernste und vornehme Bewegung vor sich sehen. „Vergessen wir nicht, dass wir Feinde haben!" hat die Mahnung in diesem Blatte schon geheissen. Und vergessen wir nicht, dass wir alle in heisser Liebe zu unserem Volke stehen. Treten wir auf, wozu wir volles Recht haben, als Brüder in einer stolzen glänzenden Familie! Bewahren und vermehren wir unseren Ruhm durch die ge* schlossene und vornehme Art unseres Auftretens, das wird uns die Garantie des Erfolges bringen: Die moralische Kreditbasis! —y. Ueber Sozialpolitik und jüdische Wirtschaftsinteressen in Oesterreich. i. Der Jahrhunderte dauernde Kampf zwischen Handwerk und Kapital hat den Juden schon manche schwere Wunden gesehlagen. Auf sein Schuldkonto entfällt ein gut Teil mittelalterlicher Judenverfolgungen. Die Juden, die schon zur Zeit der Naturalwirtschaft die höher geartete kapitalistische Wirtschaftsform repräsentierten und an der Auflösung mittelalterlicher Wirtschaft aktivsten Anteil nehmen, geraten in der frühkapitalistischen Wirtschaftsepoche in ein verherrendes Kreuzfeuer zwischen dem Handwerk, welches einen Verzweiflungskampf um seine Existenz führt, und dem aufstrebenden Kaufmannstande, der seine gefährlichsten Konkurrenten in den Juden vorfand und bekämpfte. Beide Klassen, die im unaufhaltsamen Niedergang begriffene und die aufblühende, suchten mit den brutalsten Mitteln ihrer Zeit und Gesittung die jüdischen Konkurrenten und wirtschaftlichen Bedränger unterzukriegen. Der Todeskampf des Handwerks dauert noch fort. Aber jene erste Maschine, die im Jahre 1775 in England erfunden wurde und nachLassalle als „die lebendig gewordene Revolution* den Zustand der freien Konkurrenz in sich trug, der Zunftverfassung sichere Vernichtung bringend, hat diesem Kampfe neue Formen, neue Ziele, neue Interessentengruppierung gegeben. Der geschlossenen Phalanx der Grossbetriebe stehen die Vertreter der arg bedrängten Kleinbetriebe gegenüber, welche auf der politischen Arena den wirtschaftlichen Kampf ausfechten wollen. Die Handwerker- und Kleinhandelsfrage ist eine wichtige politische Frage geworden und die legislative Gewalt des Parlamentes soll nunmehr den Handwerkerstand und kleingewerblichen Mittelstand künstlich erhalten helfen. Es geniert die Kleingewerbetreibenden und ihre berufsmässigen Retter wenig, dass dies auf Kosten anderer Erwerbsklassen und Gesellschaftsschichten geschehen soll. Das brutale Klasseninteresse geht voran. Die Handwerker- und Mittelstandspolitik, die in Oesterreich seit Jahrzehnten sich in wirtschaftlich-reaktionärem Fahrwasser tummelt und antijüdische Tendenzen verfolgt, leidet an dem fundamentalen Irrtum, dass der Gewerbestand noch immer in dem kräftigen Boden mittelalterlicher Stadt- und Zunftorganisation wurzle. Wie solche Politik dann aus diesem Irrtum heraus die ganze Entwicklungstendenz der Volkswirtschaft umzustossen sich anschickt und die Gesetzgebungsmaschine eines modernen Staates ihrem egoistischen Willen und Klasseninteresse dienstbar machen will, hat in den letzten Wochen derGewerbeausschuss des österreichischen Parlaments klassisch nachgewiesen. Um ja nur die üppige Ernte vor der Parlamentsauflösung einzuheimsen und unter Dach zu bringen, hat der in Permanenz erklärte Ausschuss von Gewerberettern die parlamentarischen Ferien geopfert und in heissen Hundstagen aufreizende gesetzgeberische Arbeit geleistet Das Um und Auf der hochsommerlichen Gewerberettung war die Kardinalforderung alier modernen Zünftler, das Universalheilmittel für das totkranke Handwerk und seinen Leidensgenossen, den Kleinhandel: der Befähigungsnachweis. Die Sozialreform- und Gewerbepolitik in Oesterreich ist mit der Geschichte des Niederganges der liberalen Partei und des Aufschwunges antisemitischer Parteigruppen aufs engste verknüpft. Kleinbürgerliche Denkformen geben unserer Parteientwicklung und damit der sozialpolitischen) Gesetzgebung das charakteristische Gepräge. Galvanisierung des Handwerks und Kleinhandels ist der hauptsächliche Inhalt und Zweck österreichischer Sozialreform, Bekämpfung jüdischen Einflusses und antisemitische Drapierung ihr Rahmen und Mittel. Die judenfeindliche Tendenz lugt aus den Maschen vieler unserer sozialpolitischen Gesetze verstohlen oder offen hervor. Ueber jüdische Existenzen und Interessen gehensie achtlos und grausam hinweg, wie die Gesetze über die Sonntagsruhe, § 59 und 60 der Gewerbeordnung, der Terminhandel u. a. bezeugen. Gerade die schwächsten jüdischen Existenzen werden mit Vorliebe getroffen und der wirtschaftlichen Vernichtung preisgegeben. Warum? So steht's auf dem Wunschzettel gewisser Wählerkreise und die Mandatspolitik erheischt ihre Befolgung. Die politischen Parteien quittieren ihren Wählern die Rechnung. Der Befähigungsnachweis stand seit langem auf der Wunschliste kleinbürgerlicher Wähler obenan. Es ist bezeichnend für das österreichische Parlament, dass fast alle Parteien und Nationen für diese Forderung eintreten und dass auch der Vertreter der Liberalen, ein in manchesterliberaler Politik ergrauter Abgeordneter, den Tanz um das goldene Kalb des Befähigungsnachnachweises unentwegt mitmacht. Er weiss, dass es eine in Oesterreich sehr häufige Mischung von Gesinnungen und Interessen ist, wirtschaftlich ein Rückschrittler, politisch ein Fortschrittler zu sein oder umgekehrt. Wie es sich eben trifft! Das Sympathiemittel des Befähigungsnachweises, demzuliebe die Reform der Gewerbeordnung mit parlamentarischer Eilzugsgeschwindigkeit in Angriff genommen wird, während andere wichtige Gesetzreformen sich nicht vom Flecke rühren, soll gegen die freie Konkurrenz eine Rechtsschranke schaffen und die christlichen Gewerbetreibetreibenden neuem wirtschaftlichen Aufschwung zuführen. Diese Art von Konkurrenzregulierung müsste den jüdischen Kaufmannsstand und seinen Nachwuchs, aber auch die grosse Armee jüdischer Handelsangestellter aufs empfindlichste treffen. Der freie Wettbewerb ist das Lebenselement des jüdischen Kaufmannes. Die Zermalmung der kleinen Betriebe durch die industrielle und kapitalistische Entwicklung erfasst speziell im Osten des Reiches tausende jüdischer Existenzen und der jüdische Kleinhandwerker und Kleinkrämer geht unter dem furchtbaren Drucke dieser ökonomischen Uebermacht rettungslos zugrunde. Seine

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