Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 38 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Redaktion und Administration: WIEN IX., Türkensfrasse Nr. 9. Tölephon 14.199. Erscheint jeden Freitag. Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an die Redaktion oder Administration: Wien, IX., Türkenstrasse 9, zu richten. Unfrankierte Briefe werden nicht angenommen und unverlangte Manuskripte weder zurückgesendet noch aufbewahrt. Preise der Aazeigen: laut RUlUtgnidMi Tarif. Der Inseratenteil wird Dienstag abeadi geichloisen Einzelne Numnera 30 Heller. Bo7imeni*i»icA- Oesterreieh-Ungarn: ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das Ausland : D0£Uy5JJI UldU. Deutschland ganzjährig Mk. 13.70, halbjährig Mk. 6.85, vierteljährig Mk. 3,45, England ganzjährig Shg. 14.—, halbjährig Shg. 7.—, vierteljährig Shg. 3.10, Rüssland ganzjährig R. 7.—, halbjährig R. 3.50, vierteljährig R. 1.75, Schweiz, Frankreich, Italien, Türkei, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Griechenland, Aegypten ganzjährig Frcs. 17.—, halbjährig Frcs. 8.50, vierteljährig Frcs. 4.25, Amerika ganzjährig Doli. 3.40, halbjährig Poll. 1.70, vierteljährig Poll. —.85. Nr. 38. Wien, 22. September 1905. — 22. Elui 5665. 9, Jahrgang. Das Unrecht der Persönlichkeit. Im Zionismus schlagen derzeit die Meinungen klirrend aufeinander. Recht so! Es hat noch keine Bewegung gegeben, wo nicht die Farben der Gruppen endlose Abstufungen zeigten; gar erst unsere, in der alle anderen Bewegungen im Kern enthalten sind. Bevor irgendwo die Heere ins Feld rücken, wird erst viel Theorie auf den Kriegsschulen getrieben und noch am Vorabend der Schlacht gibt jeder aus dem hohen Generalstab seine Ansicht ab> Der richtige Führer erweist sich dann, wenn er das Richtige durchführt. Meinungen sind wie Mühlsteine, bei deren Drehung der Nährstoff, das Mehl, um so feiner herausfällt, je schärfer die Bewegung ist. Dürfen wir uns nicht rückhaltlos freuen, dass der Wettstreit der politischen Gesänge so lebhaft ist; dass es so zahlreiche Leute gibt, welche ihr Hirn und Herz durchwühlen, um dem jüdischen Volke gerade das Beste geben' zu können? Um so schöner ist der Kampf der Intelligenz, als die Heerhaufen ihre Tüchtigsten als Vorkämpfer herausgestellt haben. Es war nicht anders zu erwarten, als dass in der Hitze des Gefechtes ein paar Hiebe daneben fallen werden. Mit viel überschüssiger Kraft wurde auf einen ganz falschen Punkt losgeschlagen. Man wollte doch Lücken in die Gegner schlagen, nicnt aber in die Plattform? Wie aber ist es aufzufassen, wenn jemand, der zum Fortschritt des Zionismus kämpft, dem Zionismus Schädigungen zufügt? Es sind in der letzten Zeit sehr viele Ansichten vorgebracht worden, deren Berechtigung aber durch einen Grundfehler in den Folgerungen von vornherein vernichtet wurde. Es wurden Prophezeiungen daran geknüpft, wonach der Zionismus von der Ablehnung der Meinung des sehr geehrten Verfassers den baldigen Niedergang zu erwarten habe. Was hat sich dieser kleine Prophet eigentlich vorgestellt? Dass der Zionismus, der kraftvolle Lebensdrang unseres Volkes anlässüeh der Entdeckung der sehr geehrten Meinung bei einer Krisis angelangt und so schwach sei, dass ihn nur das vorstehend verschriebene Patentmittel retten könnte? Das Schiff unserer Hoffnung hat schon sehr schweren Seegang durchgemacht, hat aber Segel um Segel beigesetzt und durchschneidet weiter stolz die Wogen.- Es wäre wohl die allerschlechteste Massregel, im Momente der Gefahr jedes Matrosen Rat und Unglücksahnungen anzuhören. Eine andere, noch viel peinlichere Art der Polemik ist aufgetaucht, die besonderes Missbehagen erweckt. Von sehr geschätzter und beliebter Seite wurde nämlich die eigene Ansicht mit einer Drohung unterstrichen. Es soll gar nicht erst untersucht werden, wie viel Recht vorhanden war, um jeden Preis die vorgefasste Meinung durchzudrücken, Es war aber alles Unrecht in der Art vorhanden, wie die eigene Ansicht von der eigenen Persönlichkeit unterstützt wurde. Hoffentlich ist schon diese leise Mahnung genügend, um einen Fehler in der Kampfestaktik unserer Unterteilungen auszumerzen. Ein gutes Beispiel wirkt stärker als hundert bessere Reden. Sollten wir nicht, die an Titanenarbeiten schreiten, uns auch gottähnlich zu gestalten suchen? Unsere Gegner müssen sehen, dass bei uns Einigkeit, Vornehmheit, Zuversicht und Intelligenz zu Hause sind. Damit wird niemand jemanden locken, wenn er unter gewissen Bedingungen der Bewegung, der er selbst angehört, den Untergang voraussagt oder den Finger an den Hahn des Gewehres legt. Wenn es den Betreffenden das eigene Gefühl nicht gesagt hat, so muss es ihnen von auswärts gesagt werden: Ernste Männer mit ernsten Absichten begnügen sich damit, ihre Meinung auszubreiten, und überlassen den Sieg der Kraft ihrer Argumentation. Es ist gewiss, dass nur das Uebersehen eines Momentes die sekundenlange Blindheit eines hohen Geistes herbeirufen konnte. Wenn es heisst, dass unsere Ersten mit Gewaltmassregeln kämpfen, werden sich unsere Gegner ebenso freuen und es ausbeuten, wie wenn es heisst, dass die Zionisten selbst nicht mit vollem Vertrauen in die Zukunft blicken. Die Mutter sieht es mit Freude, wenn die Knaben im Vollgefühl ihrer hohen Kraft spielende Kämpfe ausfechten; die Kinder aber müssen sich hüten, dass sie nicht mit einem unglücklichen Wurf die Mutter treffen. Auf Nimmerwiedersehen also die Methode, welche unserer Sache Schwierigkeiten bringen könnte. „Dem Freunde die Brust, dem Feinde die Stirn", dieses ur-