Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 52 (29.12.1905)
- Date
- 1905-12-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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tfs\ 52 „bi* & Weit" Seite 13 nur Gottes Ebenbild, die Krone seiner Schöpfung,, #er Mensch allein ist es, welcher frevelhaft vermessen diese holdr: Harmonie zu stören wagt. Ein tollkühner bulgarischer Bandenhäuptling, Zwetko Beltscbeff, hatte sich gerade diese Gegend Makedoniens zum Tujnmelplatze für seineu wüsten Vennichtungskrieg gewählt. An der Spitze von sechzig bis siebzig todesmutigen Gesellen, war er vor einigen Wochen aus Bulgarien eingedrungen. Die Bande tötete ohne Schonung und Erbarmen alle Türken, welche ihr in die Hände Fielen, -und bedrängte auch jene Christen, welche sich weigerten, ihr Gefolgschaft zu leisten oder aber nicht bereitwillig ihr Hab und Gut für „den heiligen Befreiungskampf" opferten. '.Dreimal weh über die unglücklichen Opfer dieser . Jvomitadjis", -de wurden auf grässliehe Weise geschunden und verstümmelt, gequält und gemartert, bis endlich der barmherzige Tod ihren Qualen ein Ende machte. Solange kein türkisches Militär gegen sie herangerückt kam, hausten Zwetko und seine Kumpane ganz ungeniert in den unglückliche]! Dörfern des Distriktes und an jedem Tage' erfuhr man von neuen Schreckenstaten. Die ganze Gegend hatte unter dieser Geisel furchtbar zu leiden. Weder Türke'noch Christ traute sich aus seiner Hütte hinaus, der an sich schwache Verkehr mit der übrigen Wdt war seit Wochen gänzlich, unterbunden, die Feldarbeit ruhte vollständig und die reife Frucht auf den Feldern konnte nicht eingesammelt werden. Endlich zog ein ...Binbaschi" (tiirki- *ohre Oberst) mit sechshundert UcdifSoldaten aus IJesküb gegen die verwegenen Gesellen heran und die gut bewaffnete, vorzüglich organisierte Bande flüchtete in das schwer zugängliche, dichtbcwaldete Gebirge. Der Wahl wurde von den Türken umzingelt, der Kreis wurde immer enger und enger umschlossen. Zwetko Beltscbeff und seine Bande war verloren. Tag und Xaeht dauerte das Geknatter der Flinten; verwundete türkische Soldaten, welche aus dem Kampfplatz in die Dörfer gebracht wurden, erzählten unglaubliche Dinge von mörderischen. Kämpfen und dem schier imerschöpfbaren Todesmut der ..Komitadjis", deren Zahl bis auf zwanzig Mann zusammengeschmolzen war. Keiner von ihnen wollte sich lebendig den Türken ausliefern, sie alle waren unrettbar dem Tode verfallen. Als endlich ihre Kraft erschöpft war und nur noch der winzige Best von acht Mann, darunter der Bandonfobrer Zwetko, am Leben geblieben waren, versuchten sie einen letzten tollkühnen Ausfall. Mit Messern und Gewehrkolben um sich schlagend, gelang es ihnen auch, den todbringenden Uing an einer Stelle zu durchbrechen. Von den Gewehrsalven der türkischen Soldaten blieben drei von ihnen tot am "Platze, die anderen fünf entkamen. Sie wurden bis in die Glitte des Dorfes verfolgt, konnten aber nicht mehr eingeholt werden. Sie waren spurlos verschwunden. Kun wurde das unglückliche Dorf von türkischen Soldaten zeriiiert. Der Oberst liess alle Bauern vor sich kommen. Jeder von ihnen wurde mit zwei türkischen Feldhütern konfrontiert, denen alle Einwohner des Dorfes genau bekannt waren. Es war kein Fremder, kein .,Komitadjiu darunter. Der Offizier richtete an die Bauern die Aufforderung, die Flüchtlinge, welche im Dorfe versteckt sein mu-sston, auszuliefern; die Bauern wollten keinen gesehen haben. Der Oberst drohte; die Bauern beharrten bei ihrer Aussage. Fünf der angesehensten Bauern wurden auf der Stelle' niedergeschossen : die anderen schwiegen. Da verlor der Binbaschi die Geduld. Er liess die Weiber und Kinder aus den Hütten .hinaustreiben und das Dorf an allen Ecken in Brand stecken. Die ganze Ortschaft wurde ya\ Staub und Asehe verwandelt, aber von Zwetko Beltscbeff und seinen vier Gesellen war keine Spur zu finden. Der alte Jude seufzte tief bekümmert auf. Solehe Greuel hätte er denn doch nicht für möglieh gehalten. Seit droissig Jahren durchquerte er mit .-einen Waren diese Gegend; er kannte jede Ortschaft, nannte jeden Bauern bei seinem Kamen und wusste über alle Dinge gut Bescheid. Er wusste wohl von der mächtigen Strömung, welche alle Schichten der christlichen Bevölkerung ergriffen hatte; trotz der äusserlichon Ruhe und scheinbaren Resignation, welche die ,.Rajahu zur Schau trug, musste dieser gewaltsam unterdrückte Sturm einmal doch zum Ausbruch kommen, der Kampf musste einmal ausgefoehten werden. Das wusste der alte Mann genau. Ahe]' dass der Befreiungskampf gleich bei Beginn so grausig ausarten und so erschreckende Formen annehmen, würde, das hatte der Jude denn doch nicht für möglich gehalten]. Wie sollte und würde das enden? In trübe Gedanken versunken zog der alte Mann die Stricke wieder fester an. nahm den Knüttel in die Rechte und betrat den dunklen Wald. Der Jude hatte diesen Wahl unzahligemal schon durchschritten und nie die geringste Furcht, das leiseste Grauen dabei empfunden. Wilde Tiere gab es darin nicht und die Menschen fürchtete er nicht. Kannte ihn doch jedermann, Muselmann und Christ, als friedfertigen, harmlosen Menschen, der ruhig und bescheiden sein mühevolles Geschäft betrieb und dessen Hab und Gut zu armselig waren, um Habsucht und Kaubhegier reizen zu können. Diesmal war ihm aber doch unbehaglich zu Mute, weil sein Geist von den schrecklichen Ereignissen der letzten Tage beherrscht wurde. Fr dachte an. die vielen Toten, welche er mit eigenen Augen, gesehen, an die fünf Bauern, welche der Binbaschi hatte erschlossen lassen und die er — der Jude — persönlich gekannt, an das niedergebrannte Dorf. Fr machte grosse Schritte, um möglichst rasch aus dem unheimlichen Walde hinauszukommen und die nächstgelegene Bahnstation zu erreichen, von wo er nach Saloniki zu den Seinigen zurückzukehren gedachte. Da raschelte etwas in den Blättern und der Jude sab ein > Gestalt ins dem dichten Gestrüpp hervortreten, hau gebieterisch drohendes r,Stoja' (Halt!) wurde ihm in bulgarischer Sprache zugerufen. Wie gebannt hielt der alte Mann still; seine Knie zitterten, vor Schreck hatte er sich, die Zungenspitze blutig zerbissen. ..Wer bist du und was willst du von mir armen Menschen?" fragte er mit bebender Stimme bulgarisch zurück. ..Folge mir tiefer in den Wahl hinein, denn hier ist der Aufenthalt gefährlich. AVidersetze dich meinen Befehlen nicht, Jude, oder ich erwürge dich mit diesen meinen Händen. Ich hin Zwetko Belischcl'f!^ Bei diesem furchtbaren Kamen wurde <-s dein alten Juden schwarz vor den Augen. Seine Knie schlotterten, der Knüttel entfiel seinen Händen. Wie zum Gebete die Anne erhebend, flehte er: ..Habe Erbarmen mit einem alten Mann, Zwetko .und lass mich zu meinen Kindern gehen, welche ohne mich, verkommen und vorhungern müssen. Verschone die Armen und Schwachen, Christ, auf dass sich Gott in schwerer Stunde auch deiner erbarme. Sieh, ich lebe in Mühsal und. Armut, habe niemandem Bosos getan und bete täglich zu meinem Gott für den Frieden und das Wohlergehen aller Menschen. Sei nicht grausam gegen Schuldlose, die dir nie etwas zu leid getan, denn Gott straft jede Missetat an Armen und Bedrückten/' ,.Genug dieses Geschwätzes, Jude, und folge mir ohne Widerspruch/'' herrschte der andere ihn an. ..AVenn du gefügig meinem Willen gehorchst, so soll dir kein Leid widerfahren, anderenfalls mus-t du unbedingt eines grausamen Todes sterben/' Und der Bandenführor hob den Knüttel des Juden auf. nahm den alten. Mann bei der Hand und. führte, ihn etwa dreihundert Sehritte weit in das dichteste Dickicht des Waldes hinein. Dort half er ihm die schwere Kiste nieder-