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Die Welt · 1905-12-29 · 52 (29.12.1905) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 52 „bie # weit11 Seite 7 sich schon gar nicht werden entschliessen können, ist eine jüdische Vertretung am Platze. Sonst bleiben anderthalb Millionen Juden als solche ohne wirksamen parlamentarischen Schutz, ohne Wortführer, ohne Teilnahme an Gesetzgebung und Verwaltungskontrolle. Und doch würden gerade die Jaden ihrer am allermeisten und allerhäufigsten bedürfen. Nicht die Zahl der jüdischen Mandate, nicht der Name ihrer voraussichtlichen Träger gibt der aufgerollten Frage der jüdischnationalen Kurie die Signatur, sondern das Prinzip der nationalen Gleichberechtigung und Anerkennung. Sollen wir Juden nicht Stiefkinder, zweitklassige, minderwertige Staatsbürger dieses Reiches bleiben, dann gebührt uns ohn > Rücksicht auf andersnationale Gruppen und Interessen, für die wir lang und aufopferungsvoll genug eingetreten sind, eine jüdischnationale Vertretung, * * *! -.1 -L L „In Anerkennung der unerlässlichen Notwendigkeit, dass zum Zwecke der Verwirklichung und Verteidigung der wahrhaften und vollständigen Gleichberechtigung der Juden sowohl im Reichsrat als auch im Landtag eine solche Anzahl jüdischer Abgeordneter Sitz und Stimme habe, welche der Bevölkerungsziffer, Intelligenz und Steuerkraft der jüdischen Bevölkerung entspricht, jedoch auch in Anerkennung dessen, dass der nationaljüdische Separatismus sowohl für das Land als auch für die bürgerliche Stellung der polnischen Juden verderblich wäre, werden die jüdischen Abgeordneten beauftragt, alle ihre Sorgfalt darauf zu richten, dass bei der Wahlreform für das Abgeordnetenhaus und beziehungsweise für den Landtag die Schaffung der einer Verwirklichung dieses Zweckes entsprechendem Wahlbezirke erwirkt werde." Diese Resolution ist die Frucht einer am 26. Dezember in Lemberg abgehaltenen Beratung dtr jüdischen Reichsrats- und Landfagsabgeordneten sowie jüdischer Vertrauensmänner aus Galizien. Herr Dr. Byk, der den Vorsitz führte, hat unter dem Drucke der im Lande entfachten nationalen Erregung die Versammlung zusammengetrommelt, um den Zionisten entgegenzuarbeiten. Die Resolution ist nicht kalt und nicht warm. Die Herren begnügen sich damit, pine Wahlbezirkseinteilung zu verlangen, die ihnen ihre Mandate sichert, die nationaljüdische Forderung lehnen sie ab. Immerhin ist diese Versammlung und ihr schlauer Beschluss ein beachtenswerter Erfolg der bisherigen zionistischen Propaganda. Sie kann massgebendenorts nicht unbeachtet bleiben. In Galizien setzen sich auch die Ruthenen für die nationale Autonomie der Juden in allen ihren Versammlungen ein. Aus naheliegenden egoistischen Gründen zwar, aber ganz in jüdischnationalem Sinne. Auch auf das Konto dieser Ostgalizien beherrschenden Agitation ist die Lembeiger Versammlung zu setzen. Dr. Byk und seinesgleichen sind nicht autoritative Schiedsrichter über die bürgerliche Stellung der polnischen Juden, weil sie absichtlich und selbstsüchtig ihre nationale Stellung und ihre politischen Interessen verfälschen und ihre moralische Struktur derart gefährden. Der Angstbeschluss der erschreckten allpolnischen Hausjuden und ihrer aus der Provinz abkommandierten Helfer wird nichts fruchten. Der Kampf hat begonnen und wird ausgefochten werden. Die nationale Autonomie und die Juden in Oesterreich. Das ausgezeichnete Referat, das Dr. Na tan Birnbaum in der Massenversammlung vom 12. Dezember über obiges Thema gehalten hat und welches als vorzügliches Agitationsmittel in Druck gelegt zu werden sieher verdient, wird zahlreiche mißverständliche Auffassungen und Vorurteile, mit denen Gegner und Indifferente operieren, um eine ernste und wichtige Volkssaehe lächerlich und kleinlich zu machen, zu zerstreuen und zu beseitigen imstande sein. Und es kann auch der politischen Aktion, die von den Zionisten eingeleitet wurde, nur förderlich sein, als das theoretische Fundament zu praktisch agitatorischer Arbeit, in deren Drang und Fülle hoffentlich von der grossen Frage der nationalen Esistenzsichemmg nicht lediglich die weitaus kleinere Sorge um Wiahi'kreiseinteiking und Mandatsziffern zurückbleibt. Wir bringen heute einen Auszug aus der Rede: Nach einer Erklärung des Begriffes der nationalen Autonomie überhaupt wendet sich Dr. Birnbaum der Anwendung des Prinzips auf die Juden zu. Zunächst reklamiert er für diejenigen, die sieh als Juden der Nation nach fühlen, ,,d a s p e r s ö n 1 i e h e Rech t d e r nationalen S e '1 b s t b e s t i m m u n g". Im nationalen Bekenntnis ist ganz ebenso wie im religiösen die Persönlichkeit souverän. Für den ostjüdischen Bereich ist es unmöglich, die nationalen Unterschiede zwischen den Juden und den Völkern, unter welchen sie wohnen, hiiiwegzuleugnen. Die Ostjuden ermangeln nicht einmal des Moments der eigenen Sprache, so dass also für fünf Sechstel der österreichischen Juden auch nicht einmal der oberflächliche Einwand des Fehlens einer eigenen. Sprache erhoben werden könne. Auf das Westjudentum übergehend, befaßt sich der Redner zunächst mit der Entwicklung des Assimilationsgedankens und weist seine Rüekentwieklung in den letzten Jahrzehnten nach. Die jüdische Nationalitätsidee schreitet, wenn auch sehr langsam, so doch stetig vor. Es dringt ins Bürgertum, die Intelligenz und die unter die Intellektuellen immer mehr ein. Von den letzteren leisten nur jene Angehörigen des jüdischen Stammes Widerstand, die hier im Westen an der Spitze oder in den ersten Reihen der sozialen Bewegung, namentlich der Sozialdemokratie kämpfen. „Ich will mich hier nicht über die leichte Art entrüsten, mit der sie ganz unnötigerweise die Ehre und die Wohlfahrt des jüdischen Stammes wie eine Quantite negligeahle opfern. Ich will diese Männer vielmehr zu begreifen suchen, wie sich diese Leichtfertigkeit, wie sich ihre neuerdings so oft bewährte Unduldsamkeit gegen die Auffassung der Juden als Nation mit ihrem sonstigen sozialen Ernste verträgt." Die Erklärung findet der Redner darin, dass diese freiwilligen Proletarier das Assimilationsdogma, das sie aus dem Bürgertum mitbrachten, in ihrer vorwiegenden Beschäftigung mit ökonomischen Fragen ebenso vernachlässigten, wie das Judentum selbst. Redner bezeichnet es als das Traurigste und Lustigste zugleich aus der verzweifelten Wehre gerade sozialistischer Juden gegen die Anerkennung der jüdischen Nationalität, dass sie vorläufig keine Empfindung für den Widerspruch haben, in dem sie sich damit zu dem von ihnen selbst so warm vertretenen Gedanken der nationalen Autonomie befinden. Dieser Widerspruch offenbart sich am besten in dem Argumente, auf das sie sich meistens berufen, auf den Mangel des zusammen]}äugenden Territoriums und der Sprache. Es sei ja gerade der Zweck der nationalen Autonomie, eingestreute Nationalitäten vor sinnlosen Leiden und die bodenständigen vor sinnlosen Gewalttaten zu bewahren, dann darf man also die Juden, die der Wohltat der nationalen Autonomie am meisten bedürfen, am allerwenigsten

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