Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 52 (29.12.1905)
- Date
- 1905-12-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „bie # W^ft" Nr. 52 dieselben für die Zwecke deir Verteidigung der jüdischen Interessen und der Gleichberechtigung mit dem anderen Bürgern dieses Staates fün schädlich halten, und zugleich die jüdischen Reichsratsrespektive Landtagsabgeordneten auffordern, dahin zu wirken, dass sowohl für den Reichsrat als auch für de-n Landtag in der neuen Wahlordnung nur allgemeine Wahlbezirke errichtet werden. Gleichzeitig fand eine zionistische Versammlung statt, die ebenfalls für vertraulich erklärt wurde und auf welcher die entgegengesetzten Forderungen, das heisst die Errichtung einer jüdiscfonationalen Wahlkurie und Schaffung der jüdischen. Autonomie erhoben wurden. Nach der Versammlung rangierten sich die Teilnehmer, zirka 500 an der Zahl, Akademikeri und riandelsangestellte, zu einem Demonstrationszug und zogen unter Vorantragung einer Standarte in blau-weissen Farben vor die Gemeindiekarazlei. Während ein Teil! der Demonstrantein auf der Strasse wartete, begab sich der andere Teil in das Gebäude selbst, drang in den Sitzungssaal ein und verlangte saürmisch, an der oben erwähnten Konferenz von jüdischem Delegierten aus ganz Gaiizien teilnehmen zu dürfen. Als ihnen dies mit Rücksicht auf den vertraulichen Charakter der Konferenz verweigert wurde, begannen sie zu expedieren, so dass schliesslich Polizei requiriert werden musste, welche die Demonstranten endlich aus dem Saale hinausdrängte, wobei fünf Verhaftungen wegen Widersetzlichkeit vorgenommen wurden. Nach Aufnahme ihrer Identität wurden die Verhafteten wieder entlassen." Jetzt möchten wir aber Herrn Dr. Byk fragen: Wer hat denn das grosse Telegramm an die Wiener Blätter geschickt, die doch sonst Jüdisches nur aufnehmen, wenn es antijüdisch ist? Hat er etwa zu seiner vertraulichen Sitzung Zeitungskorrespondenten herangezogen? Man sieht, Mauschel ist lebendig und geschäftig geworden und man muss ihm die Ehre antun, sich mit ihm abzugeben, ihm gründlich den Mund zu stopfen, den er immer nur zur Unzeit öffnet. Müssen wir uns denn wirklich vor aller Welt die brennende Schmach gefallen lassen, dass ein paar Individuen, die durch Gnade des Polenklubs und politischen-Schacher in parlamentarische Körperschaften gekommen sind, unsere Ehre mit Füssen treten, indem sie unsere angebliche Entschlossenheit verkünden, Lakaien und Schleppträger der anderen zu sein? Haben sich diese Menschen auch versammelt, als die Oktobergreuel kamen? Und nun kommen sie und entscheiden patzig und protzig in einigen Stunden über eine Lebensfrage der österreichischen Juden und tun so, als wären sie die Kompetenz in dieser Sache. Heraus mit euren Gründen, ihr Hausjuden der Schlachzizen unter dem rühmlichen Kommando Dr. By ks! Warum ist es schädlich für unsere immer bedrohten Interessen Leute zu haben, die im Parlament das Wort und Zutritt zu allen Instanzen haben? Zu unserer grössten Verwunderung sehen wir auf einmal, dass es eigentlich schon solche Leute gibt. Aber wo waren denn bis jetzt diese Abgeordneten, die nun plötzlich sich so üppig gebärden? An euch war doch wohl die meiste Gelegenheit zu reden. Aber ihr seid immer bei eurem Weinstock und Feigenbaum gesessen, Hab und Gut und Leben eurer Brüder waren euch Hekuba. Und seht ihr, das sind die Gründe, die ihr vergessen habt nach Wien zu telegraphieren und die ihr nicht uns, aber die wir euch sagen werden. Ihr habt berechtigte Furcht vor der Abrechnung. Ihr wisst, dass eure Herrlichkeit von Schlachzizengnaden, die ihr für den Verkauf eures Volkes eingehandelt habt, den Tag nicht überleben wird, an welchem das ehrliche Judentum zu Worte kommt. Wozu die stundenlange Debatte, die ihr in Lemberg geführt habt? Euer Standpunkt war von vornherein gegeben und der Beschluss hätte längstens fünf Minuten gedauert. Vielleicht, dass einige wirkliche jüdische Vertrauensmänner sich gewehrt haben. Ihr habt aber gleich einen Teil der Antwort auf eure Schamlosigkeit bekommen. Die Polizei hat euch vor der Liebe, die ihr verdient, beschützt. Aber der Wahltag wird ein Zahltag sein. Dann werdet ihr hoffentlich die ganze Antwort bekommen, auch wenn der Polenklub euch für treugeleistete Dienste ein paar Einpeitscher mehr zur Verfügung stellen sollte. J. U p f i m n y. Politische Rundschau. Die Wahlreform wird zweifellos das Gesamtbild des österreichischen Parlamentes gründlich verändern. Alte Parteien werden von der Bildfläche verschwinden, neue auf dem Plan erscheinen. Starke numerische Verschiebungen innerhalb der bestehenden Parteigebilde sind unvermeidlich. Es ist interessant, wie die deutschen Parlamentarier die Mandateinbusse, die ihrem Volke droht, durch neue Parteigruppierungen wettmachen wollen. Der Judenpunkt, der bisher parteienbildend und parteienzersetzend gewirkt hat, wird dabei eine grosse Rolle spielen.,Fällt er weg oder wird er durch Konzessionen beiderseits überwunden, dann wird die enge Koalition zwischen Fortschrittlern und Volksparteilern einer Fusionierung beider Gruppen weichen. Die Juden haben davon nichts zu erhoffen, wenn Liberale und gemässigte Antisemiten sich in der Judenfeindschaft aüf halbem Wege treffen und ausgleichen. In der Weihnachtsnummer der „Zeit* haben einflussreiche deutsche Parteiführer dieser neuen Parteikonstellation präludiert. Dr. v. D e r s c h a 11 a, der Führer der Voikspartei, meinte: „Die Deutsche Fortschrittspartei und die Deutsche Volkspartei sind sozusagen aufeinander angewiesen. Die sogenannten »Freialldeutschen" dürften sich ihnen zugesellen. Was die Christlichsozialen anlangt, so glaube ich, dass sie starken Zuwachs erhalten werden. Wahrscheinlich werden sie sich mit dem katholischen Zentrum vereinigen." Es ist sicher, dass die klerikale Gruppe dann die numerisch stärkste deutsche Fraktion darstellen wird. Der engere Zusammenschluss der freisinnigen Antisemiten und der. halbantisemitischen Fortschrittler wünscht auch der Altliberale B e n d e 1, der als den „einzig trennenden Programmpunkt in Wahrheit doch nur den theoretischen Antisemitismus" bezeichnet. Das Fazit wird sein : Für die Milderung und opportunistische Handhabung des praktischen Antisemitismus, welchen die Volksparteiler zubilligen werden, wird eine theoretische Annäherung der Fortschrittler erfolgen. Sie werden schon abfärben! Dass die Juden nicht eingelullt werden in die alte Sorglosigkeit und kostspielige Deutschfreundlichkeit, dafür werden die Radikaldeutschen sorgen, welche mit der Terroristenpeitsche hinter der Volkspartei stehen und allzugrosse Freundschaft mit „Judenparteien" nicht dulden werden. Das liberale Bürgertum wird bei den nächsten Wahlen die Kosten der Wahlreform bezahlen. Aber trotz des starken klerikalen Einschlages des nächsten Parlaments ist eine judenfeindliche Sozial- und Gewerbepolitik, wie sie in den Privilegienparlamenten der letzten Jahrzehnte gang und gäbe war, im alten Ausmasse nicht zu erwarten. Die Zünftler werden vielleicht an Zahl nicht schwächer, aber an parlamentarischem Einfluss und legislativen Erfolgen gewiss ärmer sein. Gerade jener schon angebahnten und vorbereiteten Verschmelzung von Deutsch-liberalen und Antisemiten gegenüber, in der die Fortschrittler zur Wahrung jüdischer Interessen